Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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überzeugend, die Wahl eines zweiten Rabbiners könne jeden AugenÄrck beschlossen werden, es müsse ferner endlich einmal angefangen werdest. Auch Herr Leonhard Sachs ist der Ansicht, daß man der KommissM die Aufgabe recht sehr erschwere, wenn man sie beauftrage, nunmehr zwei Rabbiner zu wählen. Herr Geheimrath Blumenthal äußert sein Befremden darüber, daß, der Vorstand mit einem Staatsstreich drohs. Man habe im Ausschuß überhaupt nicht davon gesprochen, daß nur ein orthodoxer Rabbiner gewählt werden solle, nur wollte man zunächst für die Kaiserstraßen- und Heidereuter - Synagoge einen orthodoxen haben. Späterhin könne ja ein liberaler gewählt werden. Auch die frühere Kommission hätte keinen Rabbiner gefunden, obwohl 32 liberale Namen auf der Liste gestanden hätten. Das Material der Rabbiner sei nicht gut. (!) Es gäbe nicht so leicht einen Mann, der so hervorragend wäre, an die Spitze einer solchen Gemeinde gestellt zu werden, welche vielleicht die erste der ganzen Welt genannt werden könne. Es bestünde zudem ein großer Unterschied zwischen Rabbiner und Prediger, und de2 Antrag des Vorstandes zeige deshalb, daß der letztere sich selbst nicht klar fest was er wolle. Daß die Kommission nur aus orthodoxen Mitgliedern bestände! sei nur die Schuld der liberalen Mitglieder, welche kein Mandat zu dieser Kommission annehmen wollten. Herr Justizrath Meyer erwiedert, daß man nur der Kommission mehr Spielraum habe lassen wollen, wenn man ihr den Auftrag gebe, zwei Rabbiner bezw. Prediger vorzuschlagen.' Er halte die alte Kommission für vollständig qualifizirt, dieses Amt'zu übernehmen. Herr Justizrath Tiktin ist zunächst der Ueberzeugungdaß die Wahl eines zweiten Rabbiners nothwendig erfolgen müsse.' Er sei der Meinung, daß die Kommission berufen sei, einen Rabbiner für die Gemeinde Berlin zu wählen, die Gesinnung des Rabbiners dürfe nicht daran hindern, ihn für Berlin zu wählen. Daß die Kommission dieser Aufgabe nicht gerecht werden konnte, sei recht zst bedauern. Gründe dafür habe er nicht gehört. Die neue Kommission müsse im Stillen gearbeitet haben, er habe nur gehört, daß ein Rabbiner, der von ihr gewählt worden sei, abgelehnt habe. Er würde nichts dagegen haben, der jetzigen Kommission auch die Wahl des zweiten Rabbiners zu überlassen, sie müsse allerdings schneller arbeiten als bisher. Es komme ihm nicht darauf an, daß gewisse Personen in der Kommission seien, sondern nur, daß sie überhaupt etwas thue. Die Mitglieder der früheren Kommission hätten nicht ihr Mandat niedergelegt. Nachdem ihr jedoch von der Versammlung das Mandat ent-' zogen war, hätten die Mitglieder nicht nur ihr Amt niederlegensondern auch auf eine Wiederwahl in die Kommission verzichten müssen. Der Referent hält dem entgegen, daß man selbstverständlich einen Rabbiner wählen müsse, der allen Mitgliedern der Gemeinde genehm sei. Der überwiegende Theil der Gemeinde sei jedoch konservativer Gesinnung (!!) und deshalb müsse ein orthodoxer Rabbiner gewählt werden. Die Kommission sei doch nicht ganz faul gewesen, und es lägen noch: mehrere Vorschläge vor. Der Antrag des Vorstandes solle abgelehnt werden, die alte Kommission solle bestehen bleiben und Herr Professor Lewin, der sein Amt niedergelegt habe, wieder in dieselbe hinein-, deputirt werden. Nachdem noch Herr Professor Lew in gerügt hat, daß eine Vorlage für die Wahl eines zweiten Rabbiners fehle, und daß man deshalb nicht das Recht habe, dieses sub rosa in den Antrag hineinzubringen, gelangt endlich ein Antrag Landsberger zur An-, nähme, die bestehende Kommission mit dem vom Vorstand gegebenen. Auftrag zu betrauen. — Die übrigen Punkte der Tagesordnung fanden; eine schnelle Erledigung. Der Bericht der Schuldirigenten über Einrichtungen, Lehrplan und Ertheilung des Religionsunterrichtes wird gemäß dem Anträge des Referenten vertagt. Dem Anträge, die? Deputation zur Regelung der Angelegenheit des Religionsunterrichtes durch ein Mitglied des Vorstandes und zwei Mitglieder der Re-, präsentantenVersammlung zu verstärken, wird dadurch stattgegeben, daß Professor Bag ins ky und Stadtrath Weigert in dieselbe gewählt, werden. Herr Leonhard Sachs, welcher sein Amt niedergelegt hatte,- wird einstimmig wiedergewählt. — Das der Gemeinde gehörende Acker-, land ist nunmehr, laut Referat des Maurermeisters Herrn Joseph Frankel, verpachtet. Zu Punkt 7 der Tagesordnung, betr. eine Subvention an den Verein für Arbeitsnachweis, bittet der Referent, Herr' Isidor Sachs, um Vertagung, da er über diese sehr interessante Angelegenheit nicht vor leeren Bänken berichten wolle. Wegen der erheblich vorgeschrittenen Zeit wird darauf ein Antrag auf Vertagung der Sitzung gestellt, dem auch von der Versammlung stattgegeben wird. ''' 22 Berlin, 26. November. Auf das in Nummer 43 der „Mittheilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" im Juli vorigen Jahres erlassene Preisausschreiben betreffend die Schulbearbeitung der „Ethischen Sätze" sind zehn Arbeiten eingegangen, von denen die eine, weil der Autor an der Spitze seinen Namen genannt hat, nicht berücksichtigt werden durfte. Von den durch das Preisrichterkollegium geprüften neun Bearbeitungen hat keine einzige den gestellten Bedingungen genügt, und das Preisgericht sah sich zu seinem Bedauern nicht in der Lage, einen der drei ausgesetzten Preise zu vertheilen. Eine Kritik der Arbeiten wird in den im Dezember d. I. erscheinenden „Mittheilungen Nr. 46" veröffentlicht, an gleicher Stelle werden später die Bedingungen für die Erneuerung des Ausschreibens bekannt gegeben werden. Die abgelehnten Arbeiten stehen ihren Autoren, sobald sie das Motto angeben, zur Verfügung. Desgleichen können sie auf ausdrücklichen Wunsch eine Abschrift des Kommissionsbeschlusses erhalten. 22 Berlin, 30. November. Aus den deutschen Litteraturvereinen erhalten wir folgende Notizen': In Schievelbein sprach Rabbiner Dr. L. A. R o sent h a l-Stargard über die Bar Kochba-Kämpfe, in Krotoschin, in Braunschwei g und Hildes heim Dr. Adolf Ko Hut über Friedrich d. Gr. und Josef II. in ihren Beziehungen zum Judenthum und über die Berliner Gesellschaft der Salouperiode, in Ostrowo Rabbiner Dr. Feilchenseld-Posen über die Schuldsklaverei im alten Israel, in Allenstein Prof. Dr. Cornill über die Psalmen, in Königsberg Rabbiner Dr. Pick über „die Lehre von den letzten Dingen". Dieser Verein wird in diesem Jahre neben den regelmäßig 14 tägig stattfindenden Vorträgen noch einen Cyklus von fortlaufenden unentgeltlichen Lernvorträgen über die jüdische Litteratur halten lassen und hat dafür Rabbiner Dr. Pick als Docenten gewonnen. In Magdeburg sprach Rabbiner Dr. Feßler-Halle über Judenthum und Freimaurerei, in Essen Pred. Dr. Coblenz über die Folgen der französischen Revolution für die soziale Stellung der Juden, in Würzburg Rabbiner Dr. Loewenstein-Mosbach über Rabbi Jomtob Lippmann Heller. z. Berlin, 22. November. Der in weiteren Kreisen hochgeachtete Kaufmann Jmanuel Blumenthal wurde gestern unter großen Ehrungen zu Grabe getragen. Der Verewigte, ein schlichter, edler Mann, hatte durch sein bescheidenes, wahrhaft frommes Wesen sich zahlreiche Freunde und Verehrer erworben. Als Vorstandsmitglied des „Humanitätsvereins Gewul tauw", dessen Ehrenmitglied der Verstorbene war, wirkte er Jahrzehnte segensreich und wurde den Armen und Bedürftigen ein Freund, Berather und Helfer. Die Beisetzung, der viele Hunderte beiwohnten, trug einen überaus ehrenden Charakter. An der Bahre sprachen Prediger Dr. Hildesheimer, ferner der Sohn des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor, und dessen Schwiegervater, Landrabbiner Dr. Feilchenfeld aus Schwerin. Das Andenken des Verklärten bleibt im Segen. sgg Memel, 28. November. Das vom Borstande der hiesigen Synagogengemeinde eingesetzte Komitee zur Unterstützung der landesverwiesenen Juden hat Herrn Dr. Rülf in seiner letzten Sitzung den Auftrag ertheilt, den jüdischen Zeitungen über seine bisherige Thätigkeit zum zweiten Male Bericht zu erstatten: Die Sammlungen, welche wir jetzt als geschlossen betrachten dürfen, da Eingänge in letzter Zeit nicht mehr zu verzeichnen waren, haben die.Summe von 8523 Mark 69 Pf. ergeben, welcher Summe bis heute eine Unterstützungsausgabe von 3374 Mark 80 Pf. gegenübersteht. Die einzelnen Empfänger namhaft zu machen, erscheint wohl als überflüssig. Mittlerweile ist diese leidige Angelegenheit insoweit zur Ruhe gekommen, als die Ausgewiesenen nicht mehr mit schweren Exekutionsstrafen — Geld und Gefängniß — belegt werden, allein zurückgenommen sind die Ausweisungen nicht. Nur der Wittwe Lande, Tochter eines hiesigen Bürgers, die aber durch ihre Verheirathung an einen längst verstorbenen, nicht naturalisirten Mann ihr Aufenthaltsrecht verwirkt hatte, ist nachträglich regierungsseitig der Aufenthalt gestattet worden. Die Anderen sind die hier verbliebenen Frauen, deren Männer sich bereits im Auslande befinden. Auch von den in der Kasse verbliebenen 5130 Mark 89 Pf. werden noch einige Unterstützungen entnommen werden müssen. Der Rest jedoch muß für den Fall zurückbehalten werden, daß Einzelne der Ausgewiesenen mit Reisekosten versehen werden können, falls sie schließlich doch den Ort zu verlassen gezwungen sein sollten. Nach Abschluß des Unterstützungswerkes wird das Komitee einen nochmaligen Rechenschaftsbericht veröffentlichen.