Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Hochverehrte Redaktion! on einer meiner liebsten und ältesten Freundinnen, einer dem orthoboxen Judenthum angehörenden Frau von moderner Bildung regem Streben und vornehmer Denkungsart, geht mir infolge meiner Bemerkungen zu dem Aufsatz: „Frauenfrage und Frauenberuf im Judenthum" soeben nachstehender Brief zu, und würden Sie mich zu großem Danke verbinden, wollten Sie denselben im Sprechsaal Ihres geschätzten Blattes veröffentlichen. Breslau, den 7. November. Regina Neißer. Liebe Freundin! Hierbei folgen die beiden geliehenen Nummern der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" mit Dank zurück. Du hast eine Lanze für die jüdischen Frauen der orthodoxen Richtung gebrochen. Gestatte mix einige Nachträge hierzu: Eine gut organisirte Armenpflege ist.gewiß nicht zu tadeln. Sehr oft aber thut der Teller Suppe, der Kasten Kohlen oder eine kleine Labung, sofort verabreicht, einem armen Kranken bei Weitem mehr als die Unterstützung, welche durch mehrere Sitzungen hingezogen, erst am nächsten Ersten oder noch später ausgehändigt wird. „Wer bald giebt, giebt doppelt." Neulich sprach mich, neben mir hergehend, ein Arbeiter an: „Ja, gnädige Frau, da lauft ma den ganzen Tag nach a bissel Arbeit, und Frau und a paar Kinder warten daheme uf a paar Pfennige." Sollte ich den Mann auf die Armenpflege verweisen? Kränklich sah er aus, die Kleinigkeit, welche er sofort erhielt, war nach meinem Dafürhalten richtiger. Eine jüdische oder christliche Hausirerin bringt Strümpfe, Kurzwaren u. s. w. ins Haus. Im großen Waarenhause ist alles bedeutend billiger, aber die arme Frau ist die Ernährerin der Ihren, man muß sie damit unterstützen, indem man von ihr kauft. So auch mit abgelegten Kleidungsstücken. Jeder hat wohl in der nächsten Umgebung Leute, die solche zum sofortigen Gebrauche begehren, und es ist wenigstens bei uns Sitte, die Sachen für diese Fälle weniger abzutragen, damit für den Bedürftigen noch etwas übrig bleibe. Dies sind nun zwar Dinge, die mit freidenkendem oder orthodoxem Judenthum nichts Spezielles zu thun haben, die jedoch in jeder besseren Familie, namentlich aber in orthodoxen Kreisen, geübt wurden und werden. Jedem Nachkommen dieser Familien schwebt dies Thun vom Vater und Mutter her bestimmend vor, und das eigene Empfinden hilft ihm, impulsiv zu handeln. Wenn Leute dort ausschließlich Wohlthaten ausüben, wo man ihre Namen gedruckt lesen oder wo ein Amt oder eine bessere gesellschaftliche Stellung ihnen dafür zutheil werden soll, was will solches Wohlthun bedeuten? Sich selbst thun sie nur damit wohl! Die jetzt so beliebte Chanukahfeier mit dem für den Empfänger beschämenden Aufbau von Geschenken u. s. w., sie erwärmt weder das Gemüth der Spender noch der Empfänger wie jene Art des Wohlthuns, da die orthodoxen Juden noch jeden Erew Jomtow den Armen das Kibed-Jomtow ins Haus schickten. Eine meiner liebsten Jugenderinnerungen ist damit verknüpft. Wie mir meine selige Mutter die in Papier eingewickelten Beträge, genau nach der Reihenfolge, Diesem mehr. Jenem weniger, in die Hand gab, mir einschärfte, nichts zu vertauschen, und wie ich von einer armen alten Wittwe zur Belohnung für meinen Gang einen Apfel bekam; schön ausgesucht, lag er schon für mich in Bereitschaft, und welches Hochgefühl ich dabei empfand, die Mizwah und der schöne Apfel! Ja, siehst Du, meine Liebe, das war die Poesie des Judenthums, die den Kindern der Gegenwart unbekannt bleibt! Nehmen wir Sammlungen für Bedürftige; ist es da nicht gleichbedeutend, ob diese von Freidenkenden oder Orthodoxen ausgeführt werden? Allerdings dabei läßt sich über die Würdigkeit des Empfängers wie des Sammlers streiten; in Einzelfällen hat wohl Jeder hierbei gute und schlimme Erfahrungen zu verzeichnen, und was dem Einen zweckmäßig erscheint, verwirft der Andere. Die Unterstützung von Sammlungen fällt sehr oft Hausfrauen zu, deren Budget nicht allzu reichlich, die selbst mit kleinen Gaben schon ein Opfer bringen, welche die Sammlerin als zu geringfügig zurückmeist; erging es mir doch jüngst selbst derartig, wo die Sammlerin drei Mark nicht annahm; es ist dies ein doppelt großes Unrecht; jede Gabe, auch die kleinste, sei willkommen, und eine jede Sammlerin kann sich ja doch selbst sagen. Jeder, der die Mittel besitzt, hat in erster Reihe sicherlich auch Angehörige, die seiner Hilfe bedürfen, und daß es seine erste und heiligste Pflicht ist, diesen vor allen Anderen beizustehen! Die Ansicht P. Bertholds, daß „die jüdische Frau wenig Anstalt macht, sich zu einer Individualität auszubilden", stimmt ebenfalls nicht. Da brauche ich gar nicht weit zu suchen; gerade in meiner Familie gab es vor fünfzig, ja fast hundert Jahren schon kluge, thatkräftige Frauen, welche die Ernährerinnen ihrer Familie durch einen Kleinhandel waren, während die Männer dem Studium der Thora oblagen. Allerdings standen ihnen bei der mangelhaften Schulbildung der damaligen Zeit nicht die Wege offen wie der Frau unserer Zeit! Von dem so überaus segensreichen Wirken einer „Gabbete" in unseren Jugendtagen in den kleinen Städten scheint P. Berthold überhaupt gar nichts zu wissen. Du erinnerst Dich so gut wie ich meiner Großmutter in B. und Deiner Großtante in L.; jener verehrungswürdigen Frauen, deren Andenken nach einem Menschenalter noch allen Denen, die sie gekannt, in lebendigster Erinnerung ist, jener wahren irdischen Engel an den Leidensbetten der Kranken und Sterbenden, die, nicht Wind und Wetter scheuend, in später Nacht mit der Laterne ihre Liebespflicht übten; damals machte man seine Krankenbesuche nicht mit der Pferdebahn und fuhr nicht zu Beerdigungen; das war opferwilliges und opferfreudiges Wirken im Dienste echter wahrer Humanität, von schlichten, einfachen Frauen, die Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hatten, geübt! Wollte man alles systematisch betreiben, so würde das Mitleid ganz fortsallen; und wir Frauen lassen uns ja nur zu gern von der Eingebung des Augenblicks leiten. Und so ist denn meine Meinung, ob freidenkend, ob orthodox, auf dem Felde des Wohlthuns und der Nächstenliebe lassen sich die Extreme sehr gut ausgleichen, überbrücken, vereinen, wenn nur die Herzen gut jüdisch sind! Der Eingang, gleichsam das Motto zu den Sprüchen der Väter, heißt: „Ganz Israel hat Antheil an dem zukünftigen Leben"; setzen wir dem Modernen entsprechend hinzu: „und die Guten aller Nationen ebenfalls". Mit warmen Grüßen Deine alte Freundin F. L. * Sehr geehrter Herr Redakteur! Älch erachte es als ein Gebot der Höflichkeit, auf die sich mit meinem A Aufsatze „Jüdische Melodien" befassenden Auslassungen des Herrn Kantors Friedmann in Berlin zu antworten. Was an Herrn Friedmanns Ausführungen als sachlich gelten konyte, fand in meiner in Nr. 20 des „Jüdischen Kantor" veröffentlichten Antwort Punkt für Punkt Widerlegung. Nun kommt jener Herr in Nr. 46 Ihres geschätzten Blattes wieder auf die Sache zurück. Ich habe aber begreiflicherweise wesentlich Besseres und Nützlicheres zu thun, als nochmals zu antworten, ganz abgesehen davon, daß die Leser dieses Blattes der Polemik voraussichtlich kein übermäßig großes Interesse entgegenbringen dürften. Wenn ich heute nochmals — und zwar endgiltig zum letzten Male — das Wort in dieser Sache ergreife, so geschieht es lediglich, um einzugestehen, daß ich Unrecht hatte, überhaupt auf derartige Auslassungen zu reagiren — und um beizufügen, daß ich das Urtheil über meine Darlegungen und die von mir entwickelten Gesichtspunkte ruhig den unbefangenen Lesern Ihrer geschätzten Zeitung überlasse. Nürnberg, 17. November. M. Rosenhaupt, Oberkantor. 4r Geehrter Herr Redakteur! u den in Nr. 47 der „A. Z. d. I." veröffentlichten Mittheilungen aus den „Dibre Emeth" erlaube ich mir Folgendes zu bemerken: 1. Die von mir aufgezählten Taufen dienen nur als Beispiele. Dem englischen Jahresbericht der Londoner Gesellschaft zufolge kamen noch aus anderen Missionsplätzen Uebertritte vor. Wenn dieser Bericht die Taufen nirgends zusammenstellt, so deutet er hiermit an, daß es der Gesellschaft nicht daran liegt, möglichst hohe Taufzahlen aufweisen zu können. 2. Die Folgerung, daß drei Missionare auf einen Taufvollzug entfallen, trifft aber auch, bei der von Ihnen genannten Summe der Taufen nicht zu; da unter den im Dienst der Gesellschaft stehenden 192 Personen die Frauen von 33 Missionaren mit einbegriffen sind. 3. Missionar Kameras in Wien, welcher aus Sibirien die thörichte Bitte um briefliche Taufe erhielt, gehört nicht der Londoner, sondern der später entstandenen Britischen Gesellschaft an. Hochachtungsvoll Friedenau, 23. November. W. Becker,- Pastor. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.