Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Mannes ihm viel zu kostbar sei, als daß er '.nicht wünscheil sollt^ ihn nach Möglichkeit zu verlängern. „Doch tretet, wenn's @iid/g|gj fällig, in meine Studirstube, Herr! sie wird, obwohl alles äußeres .Prunkes entbehrend, der schicklichste Aufenthalt für Euch in jjteinenv, Hause fein!" -i Tycho nahm mit unverkennbarer Neugierde das Anerbieten 8^ weisen Mannes an, der, den Armleuchter fassend, dem "Gaste nach-, folgte. „Ich bin wohl der erste Christ," Hub der Ritter an, indem/ seine Augen das Gemach hastig überflogen, „der in dieses heimlich^ Kämmerlein, den Herd so vieler Weisheit und geheinlnißvoller Kunst-rgelangt ist!" , «n* „Ihr seid überhaupt der erste Fremde," antwortete der Rabbis „der diesen Raum betritt; denn ich habe gleiche Ursache, vor meinem eigenen Stammesgenossen wie vor den Christen dies Gemach undalles, was ich darin thue, geheim zu halten." Tycho hätte indeß ein und das andere Instrument genauer betrachtet und schien überrascht zu sein, daß ihm das Meiste bekannt sei. Der Rabbi, der in den Mienen seines Gastes las, sagte lächelnd: „Ihr werdet wenig finden,- was Euch überrascht, vielleicht nichts, was Euch unbxkönnt ist." Er öffnete bei diesen Worten eine kleine Thür, die in ein dunkles Laboratorium führte, auf dessen Herde Kohlen glimmten- und eine rothe Flüssigkeit in einer gläsernen Retorte brodelte. Auchhier fand der Astrologe nichts, dessen Bedeutung er sich nicht zu er-< klären gewußt hätte. ,; r „Ihr glaubtet gewiß, bei mir viel Neues zu sehen, edler Herr)' ich bedauere, daß Ihr Euch getäuscht findet.", — r. „In der That, nach dem, was man von Eueren geheimen. Künsten spricht und von Eueren Zauberbüchern —" „Wir lesen nur im Buche der Natur,", unterbrach ihn der Rabbi, , „dessen Schrift Euch ebenso geläufig ist als dem Weisesten unter uns."' : „Warum verhüllt Ihr dann Euere Forschungen in ein so undurchdringliches Dunkel?" „Auch Ihr, edler Herr," wandte bescheiden der. Rabbiein,. „verhüllet sorgsam dem gemeinen Auge, was Euch der Gott der Weisheit in stillen Stunden vertraut. Um wie viel besorglicher müssen wir zu Werke gehen, die vom Volke verflucht sind, und übqr deren Haupte das Schwert - des Zornes hängt. Von Kerker, Schmach und Feuertod bedroht, müssen wir uns wohl hüten, selbst mit wohlthätiger Kunst hervorzutreten, in welcher der Aberglaube' und der angestammte Haß unserer Feinde nur Werke des Teufels, und der Zauberei erblicken würde." „Es ist wahr, man erzählt sich seltsame Geschichten, insbesondere von Euch, sogar der Kaiser weiß davon. Wir sprachen neulich mit einem Herrn, der steif und fest behauptete, Ihr hättet einen Teufel in Euerem Sold, den Ihr durch einen Zauberspruch so zu, bannen wüßtet, daß er alle Euere Hausgeschäfte wie ein ordentlicher- Dienstbote verrichtete. Wenn etwas an der Sache ist, so wäre ich recht neugierig, den sinnreichen Automaten zu sehen!" „Das könnt Ihr sogleich." Der Rabbi öffnete einen Kasten,' in welchem eine menschliche Figur, mit anatomischer Genauigkeit^ aus Holz geschnitzt, lehnte. Der Rabbi nahm den Kopf aus einander und zog ein künstliches Uhrwerk auf. Der Golem zuckte, reckte sich und ging in der Stube, - wiewohl etwas steif, aber mit ziemlicher Hastigkeit umher. Freilich? mußte ihn der Rabbi mit einem Stabe gängeln, damit er nicht geradezu auf die Gläser los ging oder den Tisch mit der Studirlampe umwarf. Tycho de Brahe lachte aus vollem Halse über den possirlichen Anblick, und der Rabbi stimmte ein. , „Das ist also Euer Spiritus familiaris? Fürwahr, wenn Ihr solche Kunststücke macht, so dürft Ihr Euch gar nicht wundern, wenn Euch die Leute als einen'intimen Freund des Teufels .betrachten/ Sagt mir jetzt, wie bringt Ihr den Burschen wiederzum Stehens bevor sein Uhrwerk ganz abgelaufen ist?" Der Rabbi zeigte auf eine Feder, welche er berührte, worauf der Golem, der noch vor einer Sekunde lustig mit Armen und Beinen gewackelt hatte, steif und starr "umfiel. Der Rabbi schob' ihn wieder in seinen Kasten und verschloß diesen mit einem, wie es schien, nagelneuen Schlosse. -' ' - " „Es ist noch nicht lange her," sagte er, „daß mir meinhölzerner Knecht sehr viel Rumor machte. Ich sperrte nämlich, um in die Schule zu gehen, das Räderwerk, stellte ihn in seinen Kasten und entfernte mich, indem ich wie gewöhnlich die Thüre; dieser Stube abschloß. Nun mochte die Feder, durch den oftmaligen Gebrauch abgenützt, nicht mehr stark genug sein, den Trieb der Räder zu hemmen. Der Bursche wurde mit einem Mal lebendig, stieß endlich die Thür seines Kastens auf und machte, alles umwerfend, einen Spaziergang durch, die Stube, bis er an die Wand dort anprallte und umfiel. Mein Diener kam in halber Todesangst in die Schule gelaufen, wo ich eben das Abendgebet begonnen hatte, und flüsterte mir erschrocken zu, daß der Golem los sei und ' alles - in meiner Stube zerschlage.' Ich mußte daher das Gebet unterbrechen und eilig nach Hause geh'n, wo ich ihn auf dem Boden zappelnd und um sich schlagend fand. Seit dieser Zeit halte ich ihn unter Schloß und. Riegel. Daß dieser Umstand. vielfach bekannt und besprochen wurde, wußte ich wohl, daß er aber dazu beitragen werde, die Aufmerksamkeit unseres gnädigen Kaisers auf meine unbedeutende Person zu lenken, hätte ich nichterwartet." „Ihr könnt versichert sein, Meister, daß diese 'Geschichte dem gnädigen Herrn viel Vergnügen machen wird; er hat selbst - ein paar tanzende - Zigeuner und einen Löwen nach dem Muster. der beiden, welche im Thronsaale der byzantinischen Kaiser standen / gegen dieses Kunstwerk aber halten sie keinen Vergleich aus!" Die beiden Gelehrten sprachen noch eine lange Weile und machten sich über dje Unwissenheit und den Aberglauben..ihrer Zeitgenossen, besonders aber einzelner Stände derselben, lustig, wobei der Rabbi soviel beißenden Spott und gute Laune zeigte, bajj: der Astronom von ihm mit der Versicherung schied, dieser Abend sei einer der frohesten gewesen/welche er in Prag mUbt habe. (Fortsetzung folgt.) Litterarische Mittheilnngen. „Die Quelle". Von Leopol d Dan dau, Pforzheim. I. und II. 1897. In Kommission bei'Poppelauers Buchhandlung, Berlin, Neue Friedrichstraße. Unter diesem Titel liegt uns eine vorzügliche poetische Schöpfung vox, eine Schrift, die nichts Geringeres als die Geschichtsgestalten des biblischen Schriftthums : die.Lehrer, die Propheten, die Priester, die Könige, die Helden und Bolkssührer, die Richter und andere bedeutende Persönlichkeiten in poetischer Gewandung vorführt. Sprache und^ Darstellung sind lebendig und an passenden Stellen schwungvoll. Der Verfasser versteht es prächtig, auch von den Sagen der Agava, von den biblischen Persönlichkeiten Gebrauch zu machen, die manche Lücke in der Erzählung ausfüüen. In Heft II, S. 103 Hörers wir ihn von der frühen Lebensgeschichte Moses*): Geschlagen waren'des Aegypters Heere, w Vor Memphis schon stand des Aethiopiers Macht, c - Daß Krieger zahlreich wie Per Sand am Meere, >' > . Die Stadt bestürmen kühn bei Tag und Nacht. r - Es sank das Herz und mit ihm Ruhm und- Ehre, Die starken Mohren rufen wild zur Schlacht. — *) Siehe Hamburger: „Moses".