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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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585 bereits Exemplare des fertigen Bogens ab. Der Aufsatz ist dazu bestimmt, dem Gerücht entgegenzutreten, daß die Judenschaft zu Amsterdam wegen der Herausgabe der „Wolfenbütteler Fragmente" Lessing ein Geschenk von 1060 Dukaten gemacht haben soll. Das Gerücht ist gänzlich unwahr, übrigens auch sehr plump erfunden. Denn welches Interesse hätten die Juden überhaupt und die Amsterdamer insbesondere daran haben können, sich über die „Fragmente" zu freuen und ihrer Freude einen so äußerlichen Ausdruck zu geben, über die „Fragmente", in denen die Juden sicherlich noch schlechter behandelt werden als die Christen? Lessings Entgegnung ist, eben weil er sie als Werk seines Stiefsohns passiren lassen wollte, nicht recht lessingsch. Er konnte, wenn er wollte, edler, zornmüthiger, kräftiger schreiben. Aber die kleine Schrift gehört als nothwendiger Bestandtheil zu dem Fraginentenstreit. Und so sei sie aufs Neue der Aufmerksamkeit empfohlen. Sie bietet besonders Gelegenheit, auch den Lesern dieser Zeitung die neue, ausgezeichnete Ausgabe von Lessings Schriften (G. I. Göschenscher Verlag, Leipzig) zu empfehlen, die, 1886 begonnen, bereits bis zum 13. Band vorgerückt ist und, wenn sie weiter so fortschreitet, bald beendet sein wird. Ein dem letzterschienenen Bande beigegebener Prospekt enthält die froh zu begrüßende Mittheilung, daß als Ergänzungsbände 17 und 18 die vollständige Ausgabe von Lessings Briefen folgen soll. Da zahlreiche unb schöne Briefe an Moses Mendelssohn einen besonderen Schmuck dieser Sammlung ausmachen, so ist eine Empfehlung der genannten Ausgabe an dieser Stelle besonders berechtigt. -, WiWWsM 1—1 1-m mzz-^-1 MMMMsMMMMMMiWMMiiMMMMMMMMMlWMMM 1—1 1iimmiffwira I 1 | FEUILLETON 1 1 m MMNM irWMm -1 1—I 1-^-, I—I .iLHnrrmiMiiigp -iwmMMsL 1- Kaiser und Uabbi. Historische Erzählung. I. (7^n der jetzt sogenannten breiten Gasse der Prager Judenstadt steht ein Haus, durch nichts als eine kleine thurmartige Er- Höhung auf dem Dache vor den anderen ausgezeichnet. Ueber der Hausthür zeigte im sechszehnten Jahrhundert bereits der in Stein gehauene Löwe, der uns noch heute dies merkwürdige Asyl jüdischer Gelehrsamkeit kenntlich macht, den Namen seines Besitzers an. Dieser war kein Geringerer als Rabbi Löb, gemeinhin der hohe Rabbi Löb genannt, welchen Beinamen ihm auch seine nicht jüdischen Genossen gaben, und unter dem er noch heute im Munde seines Volkes lebt. Es war Abend, der Rabbi war aus der Schule zurückgekehrt, die Studirlampe vor ihm angezündet. Er schickte sich eben dazu an, in dem vor ihm aufgeschlagenen Folianten eine Stelle aufzusuchen. über die er heute mit einem seiner gelehrten Amtsgenossen in Streit gerathen war. Die Stube des Rabbi, selbst für seine Hausbewohner ein^Heiligthum, in das, mit Ausnahme seines alten Aaron, Niemand Zutritt erhielt, war mit jenen geheimnißvollen Apparaten augefüllt, deren sich in jenem Zeitalter der Charlatanerie selbst die hellsten und gelehrtesten Köpfe bedienten. Der Rabbi war Astrolog, Chemiker, Philologe und Arzt und trieb, wie es im Munde des Volkes lautete, noch allerlei geheimnisvolle Künste. Sein Anseheil war jedoch ein so bedeutendes, daß selbst die orthodoxesten seiner Glaubensgenossen nichts gegen dieses Treiben einzuwenden wagten; und da sich der Rabbi von allen unmittelbaren Beziehungen mit den Christen fern hielt, so war ihm auch von 'dieser Seite nie etwas in den Weg gelegt worden. Selbst die gelehrte Welt, welche sich damals am kunstliebenden Hofe Rudolphs II. in Prag versammelt hatte, kannte ihn nur seinem Rufe nach, und wie Neugierde, ihn einmal persönlich zu sehen, wurde, trotz mannichfacher Bedenklichkeiten bei dem Kaiser selbst und seinem Hofastronomen, dem Ritter Tycho de Brahe, so mächtig, daß sie beschlossen, ihn einmal heimlich zu besuchen. V Kaum hatte der Rabbi an diesem Abend seine Studien begonnen, als Aaron, ein kleines, graubärtiges Jüdchen mit klugen Augen und einem grinsenden Lächeln, durch die Seitenthüre hereinschlich und wartete, bis der Rabbi das Auge vom Buche erhob. „Was willst Du Aaron? „Hoher Herr," antwortete der Diener, nicht ohne einige Verlegenheit, „ein Ungläubiger ist draußen!" „Was will er?" „Mit Euch sprechen. Er sieht wie einer von jenen Priestern aus, die dem neuen Dagon Feuer und Wein opfern, und besteht darauf, mit Euch selbst zu sprechen." Der Rabbi lächelte und erhob sich, um in das anstoßende Gemach zu gehen, wo Aaron kopfschüttelnd die Kerzen auf einem silbernen Armleuchter anzündete unb die Decke von zwei mit Sammet überzogenen Lehnstühlen riß. Einen Augenblick später trat der Fremde herein. Er schien ein Mann in den besten Jahren zu sein, ein langer spitzer Bart hing von seinem Kinn herab, und das scharfe, durchdringende Auge wie die hohe, imponirende Stirn, gaben ihm das Ansehen eines Deukers und selbstbewußten Mannes. Als er auf die Einladung des Rabbi, sich niederzusetzen, mit einem lateinischen Verse dankte, und zugleich eine blitzende Ordenskette auf dem seidenen Wams sichtbar wurde, zweifelte der Rabbi nicht, daß er einen der Bedeutendsten aus des Kaisers gelehrter Umgebung vor sich habe. Der Fremde schlug den Mantel vollends zurück, und der Rabbi erkannte die Insignien des dänischen Elephantenordens, welche, wie er wohl wußte, Niemand anderes am kaiserlichen Hofe trug, als Tycho de Brahe, der weltberühmte Astronom. Der Rabbi fragte daher freundlich nach dem Begehren des fremden Herrn, und ob er nicht die Ehre habe, Seiner Majestät Kämmerer und Hofastrologen vor sich zu sehen. Der Fremde gab sich mit verbindlichem Lächeln als diesen zu erkennen und ersuchte den „Gelehrten und berühmten Rabbi", wie er sich ausdrückte, alle Umschweife und Ehrenbezeigungen bei Seite zu setzen, indem er dabei den Horazischen Vers citirte, daß die Gelehrtenwelt eine Republik sei. „Ich komme," fuhr er fort, „im Aufträge unseres allergnädigsten Herrn und Kaisers, der Euch, weil die Sterne diesem Vorhaben-günstig sind, heute Abend in Euerem Hause besuchen und von Angesicht kennen lernen will." Der Rabbi war erstaunt von seinem Sessel aufgestanden und entblößte mit tiefer, ehrfürchtiger Verbeugung das Haupt: „Ist es möglich? der gnädige Kaiser entschließt sich, in die dunkle Hütte des geringsten seiner Knechte herabzusteigen? Wahrlich, ich kann mich kaum des Staunens bemeistern, mit dem diese große Kunde mich erfüllt." „Wir kommen, wie es dunkel wird, um neun Uhr etwa, von Hradschin herüber; da ich nun den Weg zu Euerem Hause kenne, so erwartet uns nur in der Thür. Ich brauche Euch nicht erst zu sagen, Meister, daß der Kaiser die tiefste Verschwiegenheit über diesen Besuch beobachtet wissen will." Der Rabbi neigte sein Haupt und legte die Hand ans Herz. Tycho de Brahe erhob sich, um zu gehen. Der Rabbi bat ihn, noch zu verweilen, indem der Besuch eines so geehrten und berühmten

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