Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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W 584 schaffenheit der Quellen kennt, aus denen. die Belehrung über alle diese Fragen zu schöpfen wäre, kann die Schwierigkeiten ermessen, mit denen eine solche Arbeit zu kämpfen hatte. Es war deshalb Niemand so geeignet, dieselbe zu unternehmen und zu gedeilichem Ende zu führen, als gerade Herr Dr. Heinrich Groß, dessen „Studien zur Litteraturgeschichte der Juden in Frankreich" in der Frankel-Grätz'schen Monatsschrift sowie in der „Hevue des Etudes Juifs“ längst vortheilhaft bekannt waren. - Nun liegt das Werk vor uns, und wir staunen über den Fleiß, der es geschaffen, über den Scharfsinn und die Fülle des Wissens, die aus demselben hervorgeht, und über den Geist der Wiffenschaft, der es belebt. Ein weites und wichtiges Gebiet thut sich vor uns auf, wir erhalten einen Einblick in die Geschichte des Mittelalters, und an unserem geistigen Auge ziehen mächtige, große und folgenschwere Ereigniffe vorüber: Kreuzzüge, Judenverfolgungen, Beschuldigungen aller Art, Vertreibungen ohne Zahl, daneben aber auch große geistige Strömungen, eine Riesenarbeit im Dienste der Wissenschaft, unermüdliches Studium der heiligen Lehre. Die dürren Namen und Zahlen beleben sich, die trockenen Notizen erhalten Fleisch und Blut, und das biographische Wörterbuch wird zu einem farbenprächtigen Bilde der Geschichte der Juden im Mittelalter — freilich nur für den Sachkenner — aber welche Erinnerungen steigen in diesem auf, wenn er Städte nennen hört wie Avignon, Arles, Montpellier. Narbonnes, Paris, Corbeille, Trotzes, Rameru, Rheims! Und welche Namen ziehen an uns in diesem Buche vorüber: Raschi und Abraham ben David, Salomo beu Aderet, Menachem Meiri, die Tibboniden und die Toffasisten, die Fabeldichter und religiösen Poeten, die Philosophen und die Forscher. Es ist ein buntes und farbenprächtiges Bild, das durch den Fleiß des Forschers zu einem Ganzen geordnet wurde, aber es kann sich, wie gesagt, nur Der eine Vorstellung von der Bedeutung dieser Arbeit machen, der die Schwierigkeiten kennt, mit denen auf diesem Gebiet Schritt für Schritt durch unermüdliche Hingabe, durch eiuen Fleiß, den keine Mühe bleicht, und durch großen Scharfsinn das Terrain erobert werden muß. Mit allen diesen Eigenschaften ausgerüstet, konnte Dr. Groß sich an dieses Riesenwerk wagen, und es muß zu seiner Ehre gesagt werden, daß es ihm in glänzender Weise gelungen ist, diese Schwierigkeiten zu überwinden und ein Werk zu schaffen, welches zu den grundlegenden unserer Literaturwissenschaft immer gehören wird. Es versteht sich von selbst, daß ein solches Werk, welches das erste auf seinem Gebiete ist, nicht frei sein kann von Fehlern und Jrrthümern. Es muß den Spezialforschern auf diesem Gebiete überlasten bleiben, diese hervorzuheben und zu verbessern, aber auch selbst der strengste Kritiker wird es dabei nicht unterlassen dürfen, den Geist und Scharfsinn, die Wissensfülle und philologische Akribie, die sachliche Zuverlässigkeit des Mannes anzuerkennen, dem wir dieses Werk verdanken, das, wie zum Schluffe noch ausdrücklich bemerkt sein soll, nur deshalb französisch erschienen ist, weil es auf Kosten der „Loeiete des Etudes Juifs“ gedruckt wurde, eine Thatsache, die ausdrücklich koustatirt werden mußte, einmal, um allen chauvinistischen Anklagen vorzubeugen, sodann aber, um festzustellen, daß das Mäcenatenthum der jüdischen Wissenschaft heute nur noch höchstens in Frankreich,' England oder in Amerika, leider aber fast gar nicht mehr in Deutschland anzutreffen ist. G. K. Lesefrüchte. Bon Prof. Dr. Ludwig Geiger. fv. em feinen, wenn ich so sagen darf, gebildeten antisemitischen Roman, der in einer früheren Nummer charakterisirt war, steht in „LaTribu d’Isidore," roman de moeurs juives von Victor Joze, Paris 1897, der rohe und ungebildete gegenüber. Roh und gemein ist er in jeder Beziehung. Schon in dem widerwärtigen Bilde auf dem Umschlag, welches das aufgedunsene, häßliche Gesicht des Titelhelden darstellen soll, roh in der Sprache und der ganzen Erzählungsart, roh endlich in den geschilderten Vorgängen. Der Roman enthält die Geschichte eines jungen jüdischen, begabten, reichen Mannes, der aus einer kleinen russischen Stadt stammt, in Warschau sein Glück machen will und wirklich macht. Er läßt sich taufen, ohne dadurch die Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft aufzngeben, ja in der Absicht, ihr weiter zu nützen, wird Mitglied der Polizei und gelangt zu hohen Ehren. Er ist ein völlig demoralisirter Bursche, der weder Pietät gegen Familie noch Freund noch Gönner kennt. Eine Kusine richtet er zu Grunde, einen Freund überliefert er durch gemeinen Verrath dem Tode. Gönner, die, wenn auch sonst schlecht, sich ihm gegenüber freundlich erwiesen hatten, giebt er dem Verderben preis. Sein Hauptlebenszweck ist Verwirklichung seines Ehrgeizes, ein fernerer: Befriedigung seiner zügellosen Sinnlichkeit. Die Abenteuer, die in letzterer Beziehung geschildert werden, übersteigen alles Maß und sind überdies reizlos und ohne jedes künstlerische Vermögen dargestellt. Der Verfasser schöpft seine Kenntniß jüdischer Sitten und hebräischer Ausdrücke aus einigen antisemitischen Büchern und verräth häufig genug eine bodenlose Unwiffenheit, die verächtlich sein würde, wenn sie nicht unerhört lächerlich wäre. Wirklich verächtlich dagegen sind an dem Buche zwei Momente, .eine sklavische, vollkommen äußerliche Nachahmung Zolas, die so weit geht, daß nach des Meisters Vorbild auch hier der Stammbaum der zu schildernden Familie beigebracht wird; sollte der Verfasser wirklich seinen sauberen Plan ausführen, dann könnte man auf mehr als ein Dutzend Romane rechnen, von denen manche in Deutschland zu spielen hätten. Das zweite überaus verächtliche Moment an dem Buche ist die Unehrlichkeit des Verfaffers. Statt seine antisemitischen Tendenzen offen zu bekennen, gefällt er sich in der Rolle des unparteiischen Kulturhistorikecs; besonders in der gespreizten Vorrede thut er als seinen Plan die Entrollung eines großen Sittengemäldes dar und gerirt sich als wissenschaftlichen Forscher, statt seine wahre Absicht, die Mehrung des Judenhaffes, die doch klar genug zu Tage tritt, offen einzugestehen. VI. Ein Stückchen Antisemitismus des vorigen Jahrhunders führt uns der soeben erschienene 13. Band der von F. Muncker besorgten dritten Auflage des Lachmann sch en Lessing vor. In diesem Bande nämlich wird der kleine Aufsatz: Noch nähere Berichtigung des Märchens von 1000 Dukaten oder Judas Jscharioth dem zweyten, wieder abgedruckt, und zwar nach seinem ersten Drucke, wodurch einzelne, den Inhalt allerdings nicht berührende Berichtigungen des früher bekannten Textes möglich waren. Lessing ließ diesen Aufatz separat, angeblich in Regensburg, drucken. In die Werke wurde er erst 1793 aufgeuommen. Der Verfasser fingirte, daß nicht er, sondern sein Stiefsohn König den Aufsatz geschrieben habe. Der Aufsatz selbst richtet sich gegen einen Artikel des „Wienerischen Diariums", Oktober 1779. Lessing antwortete im Dezember, spätestens Anfang Januar 1780, denn am 22. Januar sandte er