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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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>. ' Wie könnte sonst ein Dichter, - wie L. A. Frankl, auf eine der poetischsten. Gestalten, die im Volksbewußtsein leben und je leben Werdern auf den Erzvater Abxaham sagen: „Ich Haffe diesen Patriarchen?" Wie könnte man,wäre jene oberflächliche Auffassung nichtvorherrschend, Abraham geringe Liebe zu seinem Sohne Jsmael verwerfen? - Liebte denn 'wirklich Abraham seinen Sohn. Jsmael nicht? Welche Liebe eben zu diesem Sohne athmet die Antwort, die er dem Ewigen giebt, als ihm zum ersten Male die Verkündigung eines Sohnes von Sarah wird: „O, wenn doch Jsmael lebte vor Dir!" (I. B. M. 17, 18). Es überwiegt nicht die Freude, daß er von seinem geliebten, ihm gleichstehenden Weibe Sarah einen Sohn erhalten soll, sondern die innige Vatersorge um den anderen, bis jetzt durchaus nicht nach Wunsch gerathenen Sohn. Und es ist nicht etwa bloße Eifersucht und kleinliche Engherzigkeit von Seiten Sarahs, die dem Sohne ihres Mannes kein Erbtheil gönnt, wenn sie die Austreibung der Hagar verlangt. Man vergißt, daß jetzt die Ursache nicht inehr vorliegt, um derentwillen die stolze, königliche Sarah sich sogar Kränkungen von ihrer Dienerin Hagar gefallen ließ, so lange ° diese die Mutter des berechtigten Stammeserben, freilich des nur halb ebenbürtigen, war. Nun, da Sarah selbst einen Sohn besitzt, fällt für sie die Ursache fort, den Sohn der Hagar 'in ihrer Nähe zu dulden. Namentlich, da sie als zärtlich besorgte Mutter vollauf befugt ist, den schädlichen Einfluß der rohen Redensarten Jsmaels auf ihr geliebtes Kind zu fürchten. Zudem ist ihr Sohn der „Majoratserbe"; „der Sohn jener Magd soll nicht erben mit meinem Sohne Isaak!" Ein im Geiste jener Tage und vielfach sogarnoch in unserer vier Jahrtausende späteren und vor Humanität triefenden Zeit ganz und gar natürliches Verlangen. - Auch, daß „das Kind Jsmael" bei der Vertreibung der Hagar etwa fünfzehn Jahr alt und als Sohn der heißen Zone bereits ein angehender Jüngling war, wird jetzt nicht berücksichtigt. .. Wenn trotz alledem „die Sache sehr leid ist in den Augen Abrahams um seines Sohnes willen" (man beachte wohl, nicht um der Hagar willen, die er demnach auch gar nicht liebt), so muß er in seinem unbegrenzten Gottvertrauen dennoch nur den Worten Sarahs folgen, zumal Gott selbst ihm verheißt, daß „er auch Jsmael zu einem großen Volke machen" werde. Nicht also schickt er seinen Sohn in die Wüste, ins Verderben, wie man zu sagen beliebt, sondern Abraham weiß, daß er den Sohn Jsmael einer ihm zwar unbekannten, aber, da Gott es verheißen, einer großen Zukunft entgegensendet. Ich liebe diesen Patriarchen! -Wie ist er liebenswürdig und verträglich, da die zänkischen Hirten Lot's wegen der Weide für das Vieh Streit beginnen! Wie eilt er voll kriegerischen Muthes mit sammt seinen Bewaffneten herbei, um den gefangenen Neffen Lot zu befreien und ihn und alle seine Leute wieder in ihr Hab und Gut einzusetzen! ' Wie ist er großmüthig und edelherzig, nachdem er „Kedorlaomer und die Könige, die, mit ihm gewesen", besiegt und sie und ihre Herren in die Flucht geschlagen! „Gieb mir die Seelen, und die Habe' nimm Dir!" so spricht der König von Sodom zu Abraham. Aber Abraham schwört, daß er keinen Faden von ihm annehmen werde: „Nichts mir! Nur meine Knechte, die Männer, die mit mir gezogen, die mögen ihren Theil nehmen." Wie warm und liebevoll' bittet er für die bösen Einwohner von Sodom und Gomorrha; wie beharrlich und eindringlich, selbst auf die.. Gefahr hin, dem Ewigen durch seine wiederholten Bitten lästig zu werden: „Nur noch e i n mal zürne-mir, mein Herr, nicht wegen meines Redens: Vielleicht finden sich dort. Zehn (Gerechte)!" . Wenn heutzutage sensible Seelen sich davon abgestoßen fühlen, , daß Abraham thatsächlich bereit ist, seinen geliebten Sohn Isaak als Opfer zu schlachten, so vergessen sie vor allem, daß dieser Bericht aus einer Zeit stammb deren Kultur die Darbringung von Menschens opfern zuließ. Daß die hochgebildeten Griechen noch tausend Jahre '! nach Abraham Menschenopfer darbrachten, scheint weniger Entrüstung hervorzurufen. Wenigstens dürfte man nirgends , merken, daß auch nur in annähernd scharfen Ausdrücken über die Opferung der. Iphigenie durch Agamemnon gesprochen wird. Nicht das Gräßliche der — was nicht übersehen werden darf — von Gott selbst, nach dem Berichte, geforderten That darf man sich hier beim Lesen der. Bibel besonders vor Augen führen. Nicht dies heute abstoßend wirkende „Zeitkostüm" ist hervorzuheben, sondern' das demüthig allem Besitz und Glück entsagende Gottvertrauen Abrahams. Und weil er die Prüfung so glänzend bestanden, darum ist auch sein Lohn so reich. Gallia Judaica. §ie moderne jüdische Litteratur ist leider nicht reich an großen, grundlegenden Werken. Auf die wichtigen und bedeutenden - Arbeiten der Renaissance der jüdischen Wiffenschaft in diesem Jahrhundert ist ein Epigonenzeitalter gefolgt, das sich mit der Kärrnerarbeit, der dürftigen Nachlese, begnügen muß. Wenn wir die Arbeiten einiger tüchtiger jüngerer, sowie die wenigen gottlob noch wirkenden bewährten älteren Kräfte ausnehmen, so ist in unseren Tagen für den Aufbau der Wiffenschaft des Judenthums leider nur sehr wenig geschehen. Und doch sind noch große Lücken auszufüllen, ja weite Gebiete urbar zu machen. Es ist deshalb eine überaus erfreuliche Erscheinung auf diesem, jetzt so arg vernachlässigten Gebiete, wenn ein Autor mit einem großen Werke hervortritt, das schon auf den ersten Blick sich als die , Frucht Jahrzehnte langer Arbeit präsentirt, und das berufen ist, das Bild des jüdischen Geisteslebens nach einer bestimmten Richtung nicht nur zu ergänzen, sondern förmlich neu aufzubauen. Ein solches Werk ist das von Herrn Rabbiner Dr. Heinrich Groß in Augsburg kürzlich unter folgendem Titel erschienene Buch : Gallia Judaica.; Dictionnaire geographique de la France d’apres les sources rabbiniques. Par Henri Gross. Traduit sur le manuscript deTauteur par Moise Bloch. Publication de la societe des etudes Juives. Paris. Leopold Cerf, 1897. Die Wiffenschaft des Judenthums hat während des Mittelalters im Norden wie im Süden Frankreichs, wie bekannt, Hervorragende Vertreter in der Dichtkunst .sowie in der Schriftauslegung und im Talmudstudium gehabt. In Nordfrankreich blühte die Bibelforschung - und die Erklärung des Talmuds, in der schönen Provence die Poesie und die religionsphilosophische Litteratur. Beide Richtungen sind trotz der unerhörten Bedrückungen, welchen die Juden in jenem . Lande und in jener Zeit ausgesetzt waren, maßgebend geblieben für die Folgezeit, etwa bis zum 14. Jahrhundert und darüber-hinaus. ,>Das jüdische Gallien" ist in der Litteraturgeschichte des Judenthums . eine der wichtigsten Provinzen. Es erschien deshalb dringend nothwendig, eine Art geographischen Wörterbuchs zu bieten, in welchem 1. alle französischen, geographischen Namen, welche in der rabbimschen v Litteratur des Mittelalters erwähnt werden, festgestellt, 2. historische^ Notizen über die Juden jener.- Städte und Provinzen und 3. litterarische Nachweise über die Rabbiner und hebräischen Schrift- > steller dieser Städte genau gegeben werden. Nur , wer .die Be-

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