Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. Nicht nur bei Bürger, auch bei deM guten, milden Seume finden wir einen in ziemlich hitterem Tone gehaltenen Angriff gegen die -Personen unserer Bibel. - In seiner Abhandlung: „Mein Sommer"» sagt er von der" Bibel im Allgemeinen: s fß „So lange man als die reinste Quelle göttlicher Wahrheit und" als die heiligste Norm der vollendetsten Moral ein Buch aufsteE" dessen Inhalt dunkel und widersprechend, selten auf das Leben be-' zogen und: voll - moralisier Inkonsequenzen ist, und dessen wahres' brauchbares Gute auf unhaltbaren Gründen eines finsteren/ theosophischen Enthusiasmus beruht, wird die wahre wohlthätige. . Aufklärung weder in der Kirche, noch im Staate, feste Wurzel schlagen." Wenn Seume nun fortfährt und erklärt: „. . es ist kein! leichterer, und gewöhnlicherer Sprung als vom Kardinal zum^ Atheisten", so darf man, trotz alledem, ihn doch nicht etwa für ‘ einen Religionsverächter halten. Seume war eine tief religiöse Natur, nur allem Zwang und jeder Heuchelei abhold. In seinem Gedichte: „Meinem Freunde H.", durchbricht der echte, innige Gottesglaube das Dunkel der vorher aufgehäuften grüblerischen Zweifel siegreich und klar in den Worten : „Gott! nenne Dich die Welt mit tausend Namen, Quell, Ursach', Vater, Grund, aus dessen Hand , Der Ewigkeiten Erstgeburten kamen, Gott Epikurs und Moses', Du alleine Durchsiehst das Labyrinth, das um uns liegt, ' Und kennest ganz die Wahrheit von dem Scheine, , ,p Der unaufhörlich uns in Jrrthum wiegt." — Während'Bürger in seiner „Frau Schnips" die Personen des Neuen Testamentes ebensowohl wie' die des Alten im gleichen respekt- und zuchtlosen Tone behandelt, schleudert Seume seine Anklagen, wie schon. erwähnt, nur gegen Gestalten unserer Bibel. Dabei laufen auch unbewußt kleine Fälschungen mit unter, indem Seume auch . Lot nennt, der nie und nirgends als Muster ausgestellte; ist, und sodann von Jakob sagt: „er betrog seinen wackeren, ehrlichen Bruder um die Liebe seiner Eltern." Hier könnte man schon - beinahe an ein absichtliches „Falschlesen" glauben. Joseph nennt er einen. „Fürstendiener, einen Finauzrath, wie er sein muß!" und fügt hinzu: „Mir ist in den Annalen der Menschheit kaum ein größerer Bube bekannt." Ferner: „Saul, der hohe, großmüthige^ . königliche Mann wird verworfen, weil er menschlich war... Freilich i war der Knabe Jsais folgsamer und frömmer, der dann die Weiber verführte und ihre Männer im Hinterhalt morden ließ." Wäre man nicht von der streng wahrhaften und ehrlichen. Natur SeumeS fest, überzeugt,'die hier nur im Eifer über ihr Ziel weit hinausschießt, man würde ein bewußtes, absichtliches Falschlesen der Bibel annehmen müffen. In Bezug auf David liest Bürger richtiger als Seume, indem er doch nicht von „verführten Weibern" und deren „im Hinterhalt gemordeten Männern" spricht, sondern seine Frau Schnips dem... König David auf deffen gerade nicht sehr höfliche Begrüßung : ' „Was für Halloh, Du Teufelsweib?" nur erwiedern läßt: „Ei, Herr, wär' ich Uriahs Weib, Ihr würdet so nicht schelten .... Es war, mein Seel! wohl mehr Halloh, Mit Bathseba zu liebeln." .. . Auch die Antwort, die Frau Schnips dem Salomo giebt, der ihr zuruft: „Das Weib ist toll!" fällt ziemlich gelinde aus, und man" kann ihr nicht ganz Unrecht geben, wenn sie ihm sagt : * „Und sein Verstand war klimperklein. Als er von Gott sich wandte , Und Götzen, pur von Holz und Stein, Sein thöricht Opfer brannte!" Freilich sagt sie zu Adam, der sie „Frau Liederlich, Frau Lecker" nennt: „Er zupfe sich, Herr Erdenkloß, > - Doch nur an eigner Nase! , . Denn was man ist, das ist man blos Von seinem Apfelfraße." Und zu Jakob, der sie „Zum Teufel" schickt: „Hast Bruder und Papa geprellt Mit deinen Ziegenfellen." — Immerhin fällt die Anschuldigung hier milder aus als bei Seume, der auch des Schwiegervaters Jakobs, des betrügerischen Laban, sich annehmen zu müffen glaubt. Auch läßt Bürger sowohl den Erzvater Abraham, als auch Joseph ganz ungeschoren. Was soll man aber dazu sagen, wenn ein Mann unserer Zeit, -ein überzeugter Jude, der Dichter L. A. Frankl, in seinem zweiundachtzigsten Lebensjahre noch voll jugendlichen Eifers, wenn er, voll Entrüstung wegen der Austreibung Hagars, auch die Opferung Isaaks als „unerhört" verdammt und schließlich in Betreff des Erzvaters Abraham das geflügelte Wort niederschreibt: „Ich hasse diesen Patriarchen!" . Wie soll nun aber die Bibel gelesen werden? II. ■' Fast noch schlimmer als diese offenen Angreifer der Bibel sind jene mattherzigen Freunde derselben, welche ihre Unfähigkeit, sie richtig7zu lesen, dadurch offenbaren, daß sie über die Mängel der biblischen Helden den bewußten „Mantel der Liebe" breiten. Unsere^ Bibel will diesen Mantel nicht. Ihre Wahrheit ist ihre Schönheit, und Schönheit braucht keine Verhüllung. Wir dürfen doch wohl zum mindesten für das Lesen der Bibel jene Sammlung fordern, die Goethe mit Recht schon für das Lesen eines Gedichtes beansprucht: „Daß durch seine Form hinan Du den Weg dir aufwärts bahnest. Und, wie's Dichteraugen sah'n. Selbst der Schönheit Urbild ahnest!" Der Schönheit Urbild ist auch der Wahrheit Urbild. Die Bibel würde nicht seit Jahrtausenden das Buch der Bücher genannt werden, wäre sie nicht im ewigen Geiste der Wahrheit geschrieben. Aber es fällt Vielen schwer, „durch ihre Form hinan" zu dringen. Sie lesen mit der Brille ihrer eigenen Zeit vor den Augen. Kein Wunder, daß ihnen dann statt des Bildes der Schönheit ein Zerrbild erscheint. , .■ Es ist, als ob man irgend eine vorgeschichtliche Persönlichkeit in der ganzen Kraft und Ursprünglichkeitihres Zeitalters, ja, auch mit dem wildwachsenden Kopfhaare und dem ungepflegten Barte' und der, gegen unsere peinlichen Begriffe von Sauberkeit stark abstechenden, zweifelhaften Reinheit der Gewänder mitten in einen modernen, menschengefüllten, elektrisch erhellten Salon stellen würde! „Seht, so schaut euer Held in Wirklichkeit aus!" Wie klug sich die auch noch dünken, die das sagen. Es herrscht eben in vielen Kreisen eine gar zu nüchterne und darum auch öde und gedankenlose Auffaffung gegenüber den Helden der Bibel. Sie bewundern nicht die hohe Wahrhaftigkeit des biblischen Chronisten, sie bedenken gar nicht, wie leicht es ihm gewesen wäre, -seine Gestalten als frei von allen menschlichen Fehlern darzustellen. Nur, daß dies allerdings blos auf Kosten der Wahrheit hätte geschehen können; nur daß er uns dann Bilder /ohne Inhalt, leere, todte Geschöpfe würde gegeben haben. . .