Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
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581 steht er natürlich die unvermeidlichen Juden. — Nun, Herr Professor der Moral und der Theologie, das Sichfreuen haben wir Juden längst verlernt; für uns giebt es im Angesichte solcher Kämpfe, hören Sie es, Herr Professor der christlichen Moral, keine Freude, nur tiefen Abscheu und Ekel. Solche Leute, welche sich die gemeinsten Schimpfworte, derartig „höfische" oder, besser gesagt, „parlamentarische" Wahrheiten zurufen, wollen uns Juden Hofmeistern, beschimpfen uns Juden! Das ist, Herr Professor der Theologie, Deine Welt, das ist Deine Moral. Uns Juden ist es ganz gleichgiltig, ob Lueger Schönerer oder Schönerer Lueger mit mehr oder weniger, aber nicht nach Knoblauch, sondern nach ganz etwas anderem duftenden Schimpfworten bewirft, wir wollen Frieden haben und erbitten ihn uns auch von Ihnen. Herr Professor der christlichen Moral und Theologie, der Sie die heuchlerischen Worte von der Nächstenliebe im Munde führen und Haß säen gegen Bürger des Staates, welche ihre Pflicht zu allen Zeiten geübt haben, welche zwar nicht von salbadernden Worten übertriefen, aber sich dafür desto thatkräftiger der Hungernden und Frierenden, der Mühseligen und Belasteten aunehmen, nasse Augen trocknen, zitternde Hände kräftigen, betrübte Gemüther erquicken, getreu ihrem Stammvater Abraham, welcher das Evangelium der Menschenliebe viele tausend Jahre vor Ihnen, Herr Professor der christlichen Moral und Theologie, verkündete und übte, was noch mehr sagen will. Freilich eines begreifen wir schwer, wie nämlich Studenten, die von Juden abstammen, hingehen und mit den schreienden Heilo- Brüderln Schönerer und seinen Kumpan Wolf, den Deutsch-nationalen Don Quijote und seinen Sancho Pausa, anbrüllen und „anhochen" (man verzeihe das harte Wort). Wissen diese Jünglinge nicht, daß, wenn es auf den Millionär von Rosenau, dessen Schätze aus der Tracirung der „verjudeten" Nordbahn stammen, dessen germanische Gattin sich direkt von Schmul Loeb Kohn aus Pohrlitz in Mähren ableitet, daß, sage ich, wenn es auf den famosen Georgsritter von der allertraurigsten Gestalt ankäme, kein Jude an der Wiener Universität stndiren. daß kein Jude in Oesterreich und Deutschland existiren dürfte? Wir wollen in diesem Falle die jüdischnationale Studentenschaft nicht vertheidigen, welche, nach der Manier der Urgermanen, mit farbigen Mützen und Bändern geschmückt, mit tüchtigen Stöcken bewaffnet, gegen die jüdischen Schönererschwärmer loszog und einen heillosen Skandal in der Aula der Universität entfachte; aber soviel müssen wir sagen, charaktervoller haben diese jungen Leute gehandelt wie ihre jüdischen Brüder, welchen von den deutsch-nationalen Burschen Fußtritte versetzt werden, und welche die Hände Derer küssen, die ihnen soeben Backenstreiche versetzt haben. Wir Juden freuen uns des Zwistes nicht, welcher unter Deutschen und Tschechen, zwischen Germanen (Wotansanbeter werden sie von Lueger und Kompagnie genannt) und Christlich-Sozialen (die aber weder christlich, noch sozial sind) jetzt in Oesterreich tobt; aber andererseits wollen wir uns auch in diesen Streit nicht mengen, nicht versöhnend und nicht anfeuernd. Wir wollen zusehen, wie die Saat, welche gewissenlose und rohe Hetzer ausgestreut, üppig in die Halme schießt. Die große Lüge, genannt Antisemitismus, beginnt unheimlich zu wirken in unserem Lande. Wir gehen schweren Tagen entgegen. Da heißt es, sorge für dein Haus, Israel, und gehe zu deinen Zelten. Der Fluch, der über uns heraufbeschworen wurde, er rächt sich in furchtbarer Weise an Denen, welche ihn ausgestoßen; das Feuer, das unsere Hütten hätte einäschern sollen, hat die Häuser Derjenigen nicht verschont, welche es entfacht haben. Falsch und trügerisch ging man gegen uns vor. Diejenigen, welche sich unsere Freunde nannten, sie haben uns mit Füßen gestoßen: „Lange genug weiltest du, meine Seele, mit den Friedenshassern." Und nun ist ein Stärkerer gekommen über Jene, mit denen einst die Juden durch Dick und Dünn gingen. Es ist nicht an uns, ihnen jetzt die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Mögen sie selbst sehen, wie sie sich in dem schweren Kampfe helfen, den sie nun kämpfen. Erwärmen wir uns weder für Tschechen noch für deren Feinde, sammeln wir uns vielmehr, mustern wir unsere Kräfte, auf daß wir mit den alten Waffen des Geistes und nicht mit Stöcken und Schlägern den Kampf aufnehmen können, wenn er wieder gegen uns entbrennt. Man gönnt uns jetzt „Schonzeit", wie es ein germanischer Profeffor (von der Seite ist selten Heil gekommen) ausdrückte. Gut, wir wollen die Schonzeit benützen. Und wenn Ihr das edle Wild Juda wieder jagen werdet, werden wir Euch unsere Waffen zeigen. „Es lebt ein Gott, der uns erlöst von allem Uebel". - Jwri. Ueber Bibeltesen. Von Henriette Hirschberg. I. äem Buch auf Erden wird mehr gelesen als die Bibel, aber auch keines häufiger falsch gelesen. Von den Gelehrten und Kundigen, welche die heilige Schrift studiren, sei hier ganz abgesehen. Nur die große Menge Derer ist gemeint, welche die Bibel lesen, sie in der guten Absicht lesen, sich zu erbauen. Warum finden so Viele nicht die gehoffte Erbauung, ja, warum empfinden Viele sogar eine gewisse Enttäuschung? Sie lesen falsch! Nicht als ob in den meisten oder auch nur in vielen Fällen eine böse Absicht vorläge. Ganz im Gegentheil. Die Mehrzahl der Lesenden tritt mit der besten Absicht an das heilige Buch heran, um es dann in so und so vielen Fällen gründlich mißzuverstehen! Wie Vielen mangelt der historische Sinn, die Gabe, sich in den Geist vergangener Zeiten vollkommen zu versenken. Alles ändert sich, alles nimmt andere Form und Farbe an, in gewissem Sinne selbst das Gefühl des Herzens, vor allem aber das Gefühl der Moral. Nur die ewigen Grundzüge der Moral, die Sittengesetze, welche, wie die Zehngebote, ihre Dauer und Geltung für alle Zeiten in gleichem Maße besitzen, die sind und bleiben unverändert. Aber gleichwie die alten Maler von den tausend Feinheiten moderner Malkupsl nichts ahnten, wie sie die Gegenstände hart neben einander stellten, ohne Abstufung, ohne perspektivische Verkürzung, so hat auch unser ethisches Empfinden in vielen Dingen andere Formen angenommen, als es vor etwa viertausend Jahren hatte. Doch dies wird ganz und gar nicht berücksichtigt. Es wjrd besonders an den Personen des sogenannten Alten Testamentes eine eigenthümliche Art der Kritik ausgeübt, und zwar sowohl von Juden, wie von Nicht-Juden. Nur einige Beispiele seien hier angeführt. Wer kennt nicht das Gedicht von Bürger: „Frau Schlüps. Ein Märlein, .halb lustig, halb ernsthaft, sammt angehängter Apologie"? Adam und Jakob, David, Salomo und viele Andere werden hier von Frau Schnips, dem keifenden Weibe, weidlich durchgehechelt. Sie will sich durchaus Einlaß in den Himmel erzwingen und mit ihren Schandreden beweisen, daß auch ihre Sünden nicht schwerer als die Vergehungen der genannten, im Himmel so hoch angesehenen Persönlichkeiten zu wiegen brauchen. Trotz der scherzhaften Einkleidung sind die erhobenen Vorwürfe ganz ernst gemeint und zeigen auch bei Bürger die oben erwähnte schiefe Auffassung der biblischen Gestalten.