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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 halbe Stunde darauf seinen Geist aufgab. Wie die gerichtliche Sektion der Leiche später ergeben, waren ihm einige Rippen gebrochen worden und die Zunge zerquetscht. Einige junge jüdische Damen waren dem ganzen Vorfall nicht fern und vermochten bei der später vorgenommenen behördlichen Verhandlung die nöthigen Aussagen zu machen. Das Fuhrwerk, wodurch das Unglück herbeigeführt wurde, gehört einem Besitzer aus der hiesigen Gegend, doch läßt sich noch nicht absehen, ob er zu einer Entschädigung an den Vater des Verunglückten wird herangezogen werden können. Dieses der ungefähre kurze Bericht über das traurige Vorkommniß. Allein wir können ihn nicht abgeben, ohne noch auf die Ursache so besonderer Theilnahme zurückzukommen, welche das Opfer des unglücklichen Zufalls in so weiten Kreisen bei uns, ebenso sehr bei Juden als bei Christen, hervorgerufen hat. Wenn der 24 jährige junge Mann in dem halbjährigen Wirken bei uns so viel Jnteresie für sich wachgerufen, so lag es wohl in erster Reihe an dem so überaus traurigen Schicksal, das ihn ereilt, allein auch nicht weniger daran, daß er in dieser kurzen Zeit Tugenden dargelegt, wie wir sie nur an den besten Menschen vorzufinden pflegen. Im Dienste der Menschenfreundlichkeit hat er sein junges Leben eingebüßt, wie sich denn auch sein kurzes Dasein aus Gefälligkeit und Zuvorkommenheit gegen Andere zusammensetzte. Davon nur der folgende Zug: Vor ungefähr einem Vierteljahr traf hier eine junge Russin, Christin, aus Moskau ein, die in einem Städtchen diesseits der Grenze geboren, solches durch die hiesige Regierung legitimirt wünschte. Da sie nur der russischen Sprache mächtig war, so suchte sie lange in hiesiger Stadt nach Jemandem, mit dem sie sich verständigen konnte, bis sie endlich an den nunmehr Verstorbenen gewiesen wurde. Da dieser das Russische vollkommen beherrschte, so war es ihm leicht, sie mit den Wegen bekannt zu machen, welche sie zur Erreichung ihres Zweckes einzuschlagen habe. Dabei nahm er sich der Fremden in der zuvorkommendsten Weise an, bewirthete sie mit dem Wenigen, was er bei sich hatte, und räumte ihr sein Logis zur ungestörten Benutzung ein. Zu mir selbst kam er damals, mich zu befragen, ob er es mit dem inkorrekten Deutsch, das er sprach, wagen dürfe, mit der Dame zum hiesigen Regierungspräsidenten zu gehen, diesen mit ihrem diesbezüglichen Gesuche bekannt zu machen. Ich ermunterte ihn dazu, und niemals werde ich das freudestrahlende Gesicht vergessen,. mit welchem er später bei mir eintrat und mir mit begeisterten Worten .kund that, wie sehr freundlich er von dem hohen Beamten ausgenommen wurde. Jene Russin konnte bei ihrer Abreise nicht Worte genug finden, ihrem Landsmann ihre Dankbarkeit und Erkenntlichkeit darzulegen, und wollte, wie sie sich äußerte, bei ihrer Heimkehr in der „Moskauer Zeitung" bekannt machen, welch treffliche Juden sie drüben im Preußenlande angetroffen habe. Und so stand der nur allzu früh Verblaßte Allen, ganz gleich, ob Juden oder Christen gegenüber, die mit ihm in nähere Beziehungen kamen. Ausgerüstet mit einem ganz besonderen gesanglichen Talent, mit einer Stimme von seltener Kraft und ungemeinem Wohlklange — er war seinerzeit Chordirigent in Wlozlawek und Warschau — und erfüllt von dem besten Eifer, einst zu bett Besseren in seinem Berufe zu gehören, schaute er in einen lichten, hellen Himmel seiner Zukunft, glaubte er an ein glückliches Ziel seines Strebens; der jähe Abschluß seines Lebens machte diesem allen ein Ende. Und dort der alte, arme, kranke Vater in der Ferne, welche treue Stütze besaß er in ihm einst! Siebzig ganze Pfennige befanden sich noch bei seinem Tode in dem Portemonnaie, nachdem er am vorangegangencn Tage das, was er an Vermögen besaß, an seinen Vater geschickt hatte. Es giebt in der That einen Edelsinn, der ganz im Verborgenen blüht, eine, Tugend, die sich am wohlsten bei verschlossenen Thüren befindet, und man braucht wahrlich nicht erst hohen Rang und vornehme Stellung erklommen, ein hohes Alter erreicht zu haben, um seiner Lebensaufgabe gerecht geworden zu sein, sondern das kurze Dasein des Verstorbenen genügte, um mit diesem erworbenen Werth die Welt zu verlassen. Das waren auch die Worte, in welche ich am Grabe des Verstorbenen dessen Verdienste zusammenfaßte... Verzeihen Sie, Herr Redakteur, wenn ich dieser Stelle meines diesmaligen Berichtes eine größere Ausdehnung gebe, als wie Sie es vielleicht für angemessen finden. Allein ich kann, dem Drange meines Herzens folgend, nicht umhin, meinen: entschlafenen jungen Amtsgenossen an dieser Stelle und in der gegebenen Weise ein kleines Zeichen der dankbaren Erinnerung niederzulegen für die mir von ihm gewordene Mithilfe in meiner amtlichen Thätigkeit, für seine wahrhaft zu bewundernde Anhänglichkeit, welche er mir zu jeder Zeit an den Tag gelegt hat. Und vielleicht werden diese Worte auch sonst nicht vergebens niedergeschrieben sein, vielleicht werden sie dazu beitragen, die jüngeren Kräfte im Amte auf gleiche Bahnen zu führen und zu gleichem Pflichteifer anzuregen. Wie viel wäre hierdurch nicht schon gewonnen! Möge der Gute hier auf fremder Erde, fern von seinem Vaterlande, den wohlverdienten Frieden finden! Brief aus Oesterreich. Ende November 1897. ^M^m Mittelalter nannte man die gebildete Redeweise, als nur an den Höfen der Fürsten gebräuchlich, „die höfische". Die Dichter, welche die ritterlichen Thaten besangen, wurden als höfische bezeichnet. Und so wurde luftig darauf los gedichtet, wie dieser und jener Ritter ausgezogen, um gegen Drachen und Riesen zu kämpfen, und wie sie sich gegenseitig abgestochen haben, die Ritter ohne Furcht und Tadel, und das alles wurde gesagt und gesungen in höfischen Formen und Worten. Im modernen Europa erregen die alten Ritter, die Heine so lustig besingt, welche auf der Vorder- und Rückseite ihr Wappen so malerisch zur Schau trugen, keinen Reiz mehr, und das Wort „höfisch" ist in das allgemein gebräuchliche Wort „parlamentarisch" übertragen worden. Die Parlamente sind die mehr oder weniger geistigen Turnierplätze der Gegenwart. Die modernen Ritter von oft ganz absonderlichem Geiste halten hier zwölfstündige Dauerreden lind führen so den Achtstundentag ad absurdum. Hier werden auch die wilden Kämpfe ausgefochten zwischen den Nebenbuhlern, nur daß dem Sieger keine Dame den Preis reicht; es wäre auch eine etwas absonderliche Dame, die sich entscheiden sollte dafür, wem der Siegespreis gebührt, ob dem Ritter, welcher dem Gegner das Adelsprädikat vom „politischen Gaukler" zuruft, oder dem, welcher den Rivalen den Wirth eines Hauses nennt, in dem es nicht traurig zugeht. Mit derartigen Lanzenstichen suchten sich auf unserem parlamentarischen Turnierplatz die beiden Hauptkämpen des Antisemitismus in unserer Ostmark, der dicke Germane Schönerer und der weihrauchduftende Bürgermeister von Wien, der Herr Advokat a. D. Dr. Lueger, zu tobten; so wie einst die rothe und weiße Rose, so kämpften hier die blaue Kornblume und weiße Nelke, — wahrlich, sie sind einander würdig. Und da kommt der Professor der Moraltheologie von St. Pölten, der wohlgenährte P. Scheicher, und kapuzinert in einer christlich-sozialen Frauenversammlung: während die beiden Blumen (sie haben allerdings keinen Duft) streiten, freue sich der Knoblauch; darunter ver-

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