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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 zu richten. Außerdem sind die Superintendenten der Landeskirche' ersucht worden, mit ihren Diözesen weiter über die Frage zu verhandeln. Wir befinden uns hier einmal in voller Uebereinstimmung mit dem Oberkirchenrath. Am Ende hat das Judenthum bei diesen Mischehen noch mehr zu verlieren, da es erfahrungsgemäß in den meisten Fällen der unterliegende Theil ist. . Ein gerichtliches Erkenntniß, das — natürlich nur bei Laien — wieder einiges Befremden erregen dürfte, wird uns aus München berichtet. Das dortige antisemitische „Deutsche Volksblatt" hatte zu Weihnachten vorigen Jahres einen Aufruf gebracht, nur in deutschen und christlichen Geschäften einzukaufen. Sechs jüdische Kaufleute stellten deshalb gegen den Herausgeber Klage wegen Beleidigung. Der Prozeß ist durch sämmtliche Instanzen gegangen, die — zuletzt das Oberlandesgericht — den Beklagten frei s-rachen. Sämmtliche Instanzen stellten sich auf den Standpunkt, daß der Aufruf wohl gegen das Judenthum im Allgemeinen gerichtet sei, aber deshalb müßten nicht gerade die sechs Kläger gemeint sein, an die der Beklagte auch persönlich nicht gedacht haben werde. Das landgerichtliche Urtheil hatte noch besonders angedeutet, es wäre eine Verurteilung wahrscheinlich eingetreten, wenn ans einem anderen Rechtstitel (Grober Unfug) abzuurtheilen gewesen wäre. Sollte nicht auch der „unlautere Wettbewerb" hier mit anzuziehen fein d Es wäre interessant, wenn juristische Fachmänner sich darüber aussprechen wollten. : ■■ / : * Die Antisemiten jammern über den Rückgang des Deutschthums in der Provinz Posen und klagen die Juden an, daß diese dort sich mit, den Polen — namentlich bei den Stadtverordnetenwahlen — gegen die Deutschen vereinigt hätten. Die Lage der Juden ist natürlich eine sehr schwierige, aber wir glauben doch behaupten zu dürfen, daß sie sich gerade in. der Provinz Posen immer als die festesten Stützen des Deutschthums erwiesen haben. Sollte das in irgend einer Stadt anders sein, so darf man "wohl mit Sicherheit annehmen, daß sie von Deutschen daselbst in irgend einer Weise vor den Kopf gestoßen wurden. Aber es ist interessant, zu beobachten, wie die Antisemiten mit zweierlei Maß messen, wo es sich um die Juden handelt. Unmittelbar auf die Klage, daß in Kulm die Juden den. Polen gegen die Deutschen beigestanden hätten, folgt die lakonische Notiz, daß in Gollub sich die Deutschen und die Polen gegen die Juden zusammengeschlossen hätten. Also die Deutschen dürfen im gegebenen Falle mit den Polen, gehen, die Juden Über nicht! Ja, noch mehr: - Der „Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken" > : haj dem Antisemitenführer in Thorn ausdrücklich vorgeworfen, daß^ „er Deutsche und Polen zu Gunsten der Juden verhetzt^ und in einem seiner Flugblätter das Judenthum einen besonders wichtigen Theil des Deutschthums genannt habe". Diese Leute sind wie die Aale, an keinem Punkte zu fassen, an keinem festzuhalten. Das Interesse, welches die russischen Regierungskreise in letzter Zeit, den jüdischen Ackerbaukolonien' und der Förderung des Ackerbaues unter den Juden überhaupt entgegenbringen, ist auch ganz und gar nicht nach dem Geschmack der Antisemiten. Sie behaupten schon jetzt in thörichter Weise, daß der Jude auf die russische Landwirthschaft einen bedenklichen Einfluß gewinne. Ein bei dem deutschen sozialdemokratischen Parteitage eingegangenes Begrüßungstelegramm des sogenannten „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Rußland" bot den Antisemiten, den willkommenen Anlaß zu solchen Ver- Züchtigungen/ Diese Kundgebung einer erst neu begründeten und nach nicht 100 jüdische Arbeiter Rußlands umfassenden Vereinigung veranläßte die „Tägliche Rundschau" zu nachstehender Prophezeiung : ^,V'on den Industriestädten werden die Juden mit ihrer Agitation bald zu den Bauern aufs Land ziehen, wo der Nothstand den Boden ja genügend vorbereitet hat. Dann kann dem russischen. Reiche eine unabsehbare'Gefahr erwachsen, zumal wenn die jetzige Regierung ihren Juden die bisherigen Rechte zu erweitern gedenkt. Man darf sich nicht wundern, wenn die Behörden jetzt den Ausständigen nicht mehr zu Hilfe kommen, sondern wieder zu den alten Gewaltmitteln greifen." Das letztere mögen die russischen Gesinnungsgenossen der „Täglichen Rundschau" allerdings wünschen-, aber es steht doch zu hoffen, daß sie damit kein Glück haben werden. -K'; . ■:; , - Es ist interessant, zu erfahren, daß bei der letzten Bürgermeisterivahl von Groß-New-Aork das jüdische Votum sehr schwer, in das Gewicht fiel. Begreiflich genug, denn von den 400 000 Juden in New-Zork haben sicher mindestens 100 000 Stimmrecht. Obwohl nun auch hier die Juden sich dagegen wehren, daß sie als einzelne, politisch zusammengehörige Gruppe betrachtet werden, sehen doch alle Politiker die Sache so an und nehmen deshalb auf ihre Listen immer einige jüdische Kandidaten, wenn auch für Stellen zweiten oder dritten Ranges, auf. Viel charakteristischer ist aber, daß sich die Kandidaten wechselseitig des Antisemitismus beschuldigten, um dem anderen die Stimmen abzutreiben. Die jüdischen Freunde der einzelnen Bürgermeisterkandidaten waren daher zu einer Polemik in den weitverbreiteten Jargonzeitungen, genöthigt, um ihre Erwählten von dem schwerwiegenden Vorwurfe der Judenfeindschaft reinzuwaschen. , ..'7 Aus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbel. in tieftrauriges Ereigniß. ein Ereigniß, dessen erschütternde Einzelheiten; noch, nicht aufgehört haben, Gegenstand fortwährender Erörterung nicht blos in hiesiger jüdischer Gemeinde, sondern auch in Stadt und Umgegend zu bleiben, hat sich in jüngster Zeit in Gumbinnen zugetragen. Im Monat April d. I. wurde ein junger Mann aus Kreuzburg in Kurland von der hiesigen jüdischen Gemeinde zum Hilfsbeamten engagirt, wozu die Genehmigung der Regierung, weil er eben Ausländer war, schwer zu erlangen gewesen, aber schließlich doch für ein halbes Jahr erfolgt ist. Eben im Begriff, ein weiteres Verbleiben des Herrn Wolf Nadel— so war der Name des Betreffenden — bei der Regierung nachzusuchen, erfolgte der Tod desselben unter sehr traurigen Umständen.. Es war am 3. d. M., Abends M Uhr, als Herr Nadel-nach dem Bahnhof ging, um eine ihm bekannte Frau von dort abzuholen. In seiner Begleitung befand sich eine junge Dame, Fräulein Wallerstein aus Neustadt in Rußland, eine Verwandte jener Frau. Er war eben im Begriff, über den Fahrdamm nach' dem jenseitigen Trottoir, zu schreiten, als ein herrenloses Fuhrwerk einherbrauste, mit seiner Deichsel den Herrn Nadel vor die Brust stieß und unter die Räder schleuderte; zu gleicher Zeit wurde auch die junge Dame zu Boden geworfen. Doch während diese mit einigen leichten Abschürfungen der Haut davon kam, erlitt der Elftere so schwere innere und äußere Verletzungen, daß er, von einem Fuhrwerk nach. Hause gebracht, eine

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