Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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überhandnehmend ist als gerade in Gemeinden mit orthodoxer Spitze, so daß es für den Kundigen nicht zu gewagt erscheinen dürfte, wenn wir auf Grund. von Erfahrungsthatsachen "die Behauptung auf- Aellen/daß in der Mehrzahl der Fälle die orthodoxen Jührer nur 'Platzmacher find für das entgegengesetzte Extrem, das nach ihnen kommen wird. Wenn aber trotz ihrer numerischen Schwäche die Orthodoxie Wahlsiege feiert selbst in Gemeinden mit entschieden freisinniger Färbung, so ist das' durchaus nicht das Verdienst der Orthodoxie, so ist das vielmehr das Verdienst des Freisinns, dex diesen Namen gar nicht verdient. Die Orthodoxen sind eifrig und rührig, opferfähig und kampfeslustig, sie schrecken selbst vor einet Erschütterung des Gemeindefriedens nicht zurück, während die ' sogenannten Freisinnigen, wenn sie nicht überhaupt in völlige Teilnahmslosigkeit versunken sind, um-des lieben Friedens willen es sich gefallen lasien, daß eine Handvoll von Schreiern und Lärmmachern Besitz ergreift von der.Herrschaft Über eine ganze Gemeinde. Die „Frommen" halten zusammen, sie sind eine Partei, die Freisinnigen sind keine Partei. Als vor Jahresfrist, auf den Trümmern des alten ein neuer Räbbinerverband Alldeutschlands gerade auf Betreiben der Freisinnigen sich konstituirte.der wie der Regenbögen alle Schattirungen in sich vereinigen sollte, da wurde erklärtdieser neue Verband solle -kein Pärteiverband sein.; Das war ein /Fehler. Allenfalls ein -Parteiverband hätte Aussicht gehabt auf ein längeres Leben- Zuö Vertretung von Standesinteressen oder zur Vertheidigung gegen verunglimpfende Angriffe auf das Judenthum hätte eine leicht zü Stande zu bringende Vereinigung von Fall zu Fall genügt. Die Unmöglichkeit eines Zusammenschweißens von seit den Tageil der Schöpfung vorhandenen Gegensätzen zeigte sich sofort, als man bis-, zur Berathung der Statuten zusammengekommen war. Da mußte , weiter erklärt werden, daß bei den Berathungen religiöse Fragen -auch nicht einmal erörtert werden dürfen, sobald sie einen Verstoß' gegen die religionsgesetzlichen Bestimmungen der maßgebenden Decisoren in sich schließen könnten. Das ist gerade so, wie wenn ein politischer Verein die Fragen der Politik ausschließen würde von seinen Tagesordnungen.' Aber was thut man nicht alles um des lieben Friedens willen? An Selbstentäußerung hatten die Anhänger des Freisinns das Menschenmögliche geleistet. Aber alle Fehler und Zugeständnisse der lammfrommen Freisinnigen genügtem nicht den nicht lammfrommen Frommen im Lande. Kaum daß der. parteilose Verband ins Leben getreten war, da vereinigten sich, die Orthodoxen hinter dem Rücken ihrer freisinnigen Verbandsgenoffen zu einem besonderen Parteiverbande. Die Protokolle, die über die zu diesem Zwecke stattgehabten Besprechungen veröffentlicht, wurden, überboten alles, wessen man sich von dieser Seite zu der-, sehen gewohnt war. Unter sich entschuldigten sich die Rechtgläubigem gegenüber den noch Rechtgläubigern für die..Sünde, mit den. „Epikorßim" an einem Tische nicht etwa gegessen, sondern blos gesessen zu haben. — Jetzt erst gingen auch dem gutmüthigsten Frei--, sinnigen die Augen auf. Jetzt erst erkannte man die Nothwendigkeit eines engeren Zusammenschlusses auch derjenigen Rabbiner Deutschs lands, welchen die Entwickelung und Erstarkung des Judenthums' in der Richtung des Fortschritts am Herzen liegt. Jetzt erst wurdem Versuche gemacht, auch eine liberale Fraktion innerhalb des allgemeinen Verbandes der Rabbiner Deutschlands zu begründen.. Mögen diese Versuche baldigst zum Erfolge führen, daß endlich ein Halt zugerufen werde den bedenklichen Fortschritten des Rückschritts.. Die Woche. Berlin. 1. Dezember, ublizistische Erörterungen über die „Jud enfreunds'chast d er D e uts ch - Fr ers in nig en" haben das l eitende Organ der. „Freisinnigen Volkspartei" in den letzten Tagen zu folgenden Erklärungen veranlaßt: „Die Freisinnige Volkspartei ist weder von „Juden-Freundschast" noch von „Juden-Feindschaft" beseelt. Als politische Partei nimmt sie überhaupt zu den einzelnen Religionsgemeinschaften weder eine besonders freundliche noch eine besonders gegnerische Stellung ein. Die Freisinnige Volkspartei sieht in ihren Mitgliedern nur gleichberechtigte Politiker, 'nicht aber verschiedene konfessionelle Gruppen. Was sodann die Kandidaten für die Volksvertretung anbetrifft/ so hat die Central-Leitung der Freisinnigen Volkspartei überhaupt kein „entscheidendes Machtwort" zu sprechen. Die Entscheidung liegt bei den Vertrauensmännern in den . einzelnen Wahlkreisen, und die Centralleitung kann sich nur darauf beschränken, falls in einem Wahlkreise selbst keine geeignete Persönlichkeit für eine Kandidatur sich findet, geeignete Kandidaten von außerhalb in '.Vorschlag zu bringen. So weit ein solcher Vorschlag in Frage kommt, macht die Central-Leitung auch keinen Unterschied in Bezug auf die..Konfession der Mandatsbewerber. In der Regel sendet sie den Vertrauensmännern eine Liste der sämmtlichen Bewerber um ein Reichtags-Mandat. Bei diesen Vorschlägen sind auch bisher in erheblicher Zahl Kandidaten jüdischer Konfession nominirt worden, und zwär sowohl 1893 wie für die allgemeinen Reichstagswahlen von 1898. Auch befindet sich unter den fünf Mitgliedern des .geschäftsführenden Ausschusses der Freisinnigen Volkspartei, also der Central-Leitung der Partei, ein Mitglied jüdischer Konfession. Bei früheren Wahlen, und zwar auch zur Höhezeit der antisemitischen Bewegung, sind ,auch Reichstags-Abgeordnete jüdischer Konfession gewählt worden. Wir erinnern nur an den verstorbenen Ludwig Löwe. Auch würde es wünschenswerth sein, wenn in der Partei gegenüber den Antisemiten im Reichstage ein Reichstagsabgeordneter jüdischer Konfession ein Mandat besäße. Wenn es gleichwohl für die nächsten allgemeinen Reichstagswahlen bis jetzt nur zur Aufstellung eines einzigen Reichstagskandidaten jüdischer Konfession gekommen ist, so liegt dies in der Hauptsache daran, daß gerade die Juden im Wahlkreise durchweg entschiedene Gegner der Aufstellung eines Kandidaten jüdischer Konfession sind." Die letztere Mittheilung dürfte wohl nur auf vereinzelte Fälle zutreffen. Der Artikel schließt mit folgender Versicherung: „Jm Uebrigen verwahren wir uns entschieden.gegen den darin vertretenen Grundsatz, die politischen Ehrenämter, soweit der Einfluß der Partei reicht, in gewissen Prozentsätzen nach Konfessionen zu vertheilen. Wäre dies übrigens der Fall, so würden in manchen Kommunal-Verwaltungen unter den.Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern weit weniger Juden sich befinden, als es gegenwärtig thatsächlich der Fall ist." Wir nehmen um so lieber Kenntniß von diesen bündigen Erklärungen, als bis jetzt thatsächlich nicht unbegründete Zweifel in dieser Richtung wiederholt geltend gemacht wurden, und wir werden wohl noch Gelegenheit haben, die Leitung dieser Partei an ihre bestimmten Erklärungen zu erinnern. . , * Auch die jetzt in Berlin tagende Generalsynode hat sich mit unseren Angelegenheiten beschäftigt. In der Sitzung vom 26. v. Mts. wurde mitgetheilt, daß der Oberkirchenrath - über die christlich-jüdischen Mischehen statistische Erhebungen gestellt habe mit dem Ergebniß, daß in den Jahren 1886 bis 1893. die Zahl der Mischehen im preußischen Staat von 217 auf 316, im Gebiet der evangelischen Landeskirche von 128 auf 144 gestiegen ist. Diese Zahl hat den Oberkirchenrath nicht veranlaßt, in der Sache weitere Schritte zu thun, da er nur in Bezug auf Berlin der Ansicht war, das Bedenken, zu erheben seien. Es ist demgemäß das Berliner Konsistorium ersucht worden, seine. Aufmerksamkeit auf diese Frage