Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht Verschmähen und — tun nach keiner Seile zu verstoßen — letztere streng „koscher" zubereiten lassen. Was .aber bis jetzt nur Wenigen bekannt sein dürfte,.das ist die Thatsache, daß ein Theil der Berliner Judenheit auch dem Todtensonntag seinen Tribut zahlt, daß - besonders viele -Damen diesen von der protestantischen Kirche zum Tag der Erinnerung an.die Verstorbenen geheiligten Sonntag benutzen, um die Gräber der „theueren Heimgegangenen" mit duftenden Blumen zu schmücken. Wer gestern die Schönhauser Allee passirte und unter den - vielen Tausenden, welche, mit Kränzen beladen nach den in jener Gegend liegenden Friedhöfen zogen, die vielen Juden und Jüdinnen beobachtete, die ebenfalls Kränze tragend den jüdischen Friedhof aufsuchten, fragte sich unwillkürlich: Hat denn die Nachahmungssucht schon alle Pietät und Selbstachtung ertödtet, daß sie selbst an den Gräbern, die sie sonst an ihr Judenthum erinnern, vor der Ausübung eines fremden Brauches nicht zurückschrecken und nicht merken, wie lächerlich sie sich durch diese Nachäffung in den Augen jedes edlen, denkenden Nichtjuden machen? Hat man je schon die Wahrnehmung gemacht, daß Protestanten das katholische Fest Allerseelen oder daß Katholiken den protestantischen Todtensonntag mit feiern? Nur unsere Glaubensgenossen feiern alle Feste, wie sie fallen; noch wenige Jahre und die Heranwachsende Jugend wird den Todtensonntag zu den Festen des Judenthums zählen, das - Gott sei es geklagt — ohnedies fast zu einer Religion des Todes geworden ist. Berlin, 21. November. Das Andenken des verstorbenen Geheimraths Professor Goldschmidt ist sowohl von der. hiesigen .„Juristischen Gesellschaft", als auch von der „Internationalen Vereinigung für vergleichende Rechtswissenschaft" in würdiger Weise gefeiert worden.- In diesem Verein hielt Professor Dr. Pappenheim aus Kiel die Gedenkrede, und es erfüllt uns mit Genugthuung, konstatiren zu können, - daß der Redner wiederholt und ausdrücklich das jüdische Bekenntniß des Heimgegangenen hervorgehoben hat. In der „Juristischen Gesellschaft" fand die Gedenkfeier am 15. d. M. statt in einer Sitzung, zu der die nächsten Verwandten des Verstorbenen, die Mitglieder der hiesigen juristischen Fakultät und die Spitzen der juristischen Behörden geladen waren; auch der Kultusminister Dr. Bosse war erschienen. Der Prä-> sident der Gesellschaft, Reichsbankpräsident Dr. Koch, berührte kurz diegroßen Verdienste des Entschlafenen um die Juristische Gesellschaft, der er seit seiner im Jahre 1875 erfolgten Uebersiedelung nach Berlin an- , gehört habe. Er gedachte, indem er die Verdienste Goldschmidts um die Entwickelung der ßandelsrcchtswisscnschaft hervorhob, noch eines anderen auf dem Gebiet des Handelsrechts hervorragenden Juristen, des Reichsgerichts-Senatspräsidenten a. D. Dr. Wiener, der kürzlich entschlafen sei. Demnächst entrollte Justizrath Dr. Rießer ein Lebensbild Goldschmidts, indem er kurz dessen äußeren Lebensgang berührte und sodann auf seine wissenschaftliche Bedeutung einging. Thöl und Goldschmidt seien die beiden Reformatoren auf dem Gebiete des wissenschaftlichen- Handelsrechts gewesen. Goldschmidt habe schon, als er als junger Privatdozent in Heidelberg die Zeitschrift für das gesummte Handelsrecht gründete, in deren erster Nummer sein Programm entwickelt, das das Handelsrecht auf eine neue Basis stellte. Seine späteren Werke hätten ihn weit über die anderen Forscher auf diesem Gebiete hinaus- , gehoben, und er sei der eigentliche Begründer der neueren Handelsrechtswissenschaft. Aber auch aus dem Gebiete des Genossenschaftswesens und in der schwierigen Frage, wie die juristische Vorbildung zu gestalten sei, habe er als Schriftsteller sich hervorgethan. Vortragender ging auch auf den Charakter, die Anschauungen und Gesinnungen des Verstorbenen ein, derwie er hervorhob, ein überaus begeisterter Patriot gewesen sei und als Mensch die Wahrheitsliebe über Alles gestellt habe. n. Memel, 19. November. Der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. Rülf, verläßt mit dem 1. April k. I. unseren Ort, nachdem ihm die nachgesuchte Pensionirung ehrenvoll bewilligt wurde. Wir behalten es uns. vor, die Thätigkeit dieses Mannes, der 32 Jahre an unserem Orte segensreich gewirkt, nach Gebühr zu würdigen. — Hierorts hat sich ein „Verein zur Verhütung der Wanderbettelei" gebildet, dessen Zweck es ist, das Bettelwesen in hiesiger Gemeinde zu beseitigen. In Schaaren kommen die Bettler bei dem jedesmaligen Beginn des. jüdischen Monats aus den nahe liegenden Grenz ortendie eine größere jüdische Einwohnerzahl haben, um hier ihr Scherflein zu holen. Mrti der ihnen eigenen Beharrlichkeit wissen sie dieses auch immer zu erlangen. Allgemein wird daher die Bclastlgung empsundcn; und wenn trotzdem'hier und da eine.' Opposition gegen den jungen Verein geltend gemacht wird, so geschieht es, weil man an einen Erfolg ohne polizeiliche Hilfe, die selbstverständlich ausgeschlossen ist, nicht glaubt, allerdings theilweise wohl auchum mit einer altengewohnten, doch darum -durchaus nicht 'berechtigten Einrichtung, wie unser Ort deren viele haben .soll, nicht zu brechen. Der Verein zählt bereis fünfzig Mitglieder,die einen Jahresbeitrag von über 1200 Mark "gezeichnet haben. Gewiß ein schönes Zeugniß für die Opferwilligkeit unserer Gemeindemitgliederl Der Verein ist dadurch im Stande, seinen Pfleglingen eine größere monatliche 'Unterstützung znkommen zu lassen, die am Anfang des jüdischen Monats regelmäßig vertheilt wird. Sache des Vorstandes wird es sein, durch -Umsicht und Energie dem Uebel zu steuern. Wünschen wir dem. jungen Verein guten Erfolg! E. Z. Posen, 8: November. Am.4. b. M. starb hier im 67. Lebensjahre der Kaufmann Michaelis Reich. Von Jugend an auf sich selbst angewiesen — seine Eltern starben früh — hat er sein ganzes Leben dem Wohlthun und der Gerechtigkeit gewidmet. Diese Eigenschaften erwarben ihnr nicht nur die Liebe feiner Glaubensgenossen, sondern auch die seiner christlichen Mitbürger. Herr Rabbiner Dr. Feilchenseid hielt die Trauerrede, die auf die äußerst, zahlreich anwesende Trauerversammlung, die sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammensetzte, einen tiefen Eindruck hinterließ. Mit seltener Menschenkenntniß und umfangreichem Wissen begabt, wandte Reich diese Eigenschaften nur zum Wohle seiner armen Mitbürger an, welchem Glauben sie auch angehören mochten. Stets war der Heimgegangene ein Anwalt der Wittwen und Waisen, die seiner so beredten Fürsprache vieles verdanken. Dabei war er von seltener Bescheidenheit. Von derLiebe, die er genoß, zeugen die Nachrufe, die ihm von.Seiten zahlreicher Vereine, deren Vorstand er angehörte, und auch von seinen Freunden, auch christlichen, gewidmet wurden. Diese seine Fähigkeiten anerkannte, und würdigte, die Stadlvertretung dadurch, daß sie ihn zum Armenrath, zahlreiche Vereine dadurch, daß sie ihn in den Vorstand wählten. Möge sein'Andenken in Ehren gehalten werden.;Z. Posen, 16. November. Nachdem die erste Kantorstelle an der hiesigen Brüdergemeinde (Orgel-Synagoge) seit beinahe zwei Jahren verwaist gewesen, hat sie endlich in der Person des Kantors Herrn Lichten st ein aus Berlin einen ebenso würdigen wie tüchtigen-Vertreter gefunden. Herr Lichtenstein, der seit den Festtagen hier provisorisch angestellt war, hatte jüngst auch Gelegenheit, seine Fähigkeiten als tüchtiger Chorleiter zu zeigen durch die Einstudirung eines Damenchors zur Hochzeit des Mühlenbesitzers Notholz. Herr Rotholz spendete aus diesem Anlaß seiner Vaterstadt Schwersenz 300 Mark zur Vertheilung an die Armen ohne Unterschied der Konfession. Die Trauung fand im Tempel statte Dieser edle Brauch scheint sich hier mit der Zeit auch einbürgern zu wollen Zum ersten Male hatten wir dabei auch die Gelegenheit, hier im Tempel einen Frauenchor zu hören. — Im Alter von 82 Jahren starb hier am 12.d. M Herr Hermann Ehrenwerth, der Inhaber der ältesten hebräischen Buchhandlung Posens. Am letzten Bersöhnungstage verrichtete er noch in allgemeiner körperlicher und geistiger Frische das Nellahgebet als Vorbeter. Herr'Ehrenwerth war' Ehrenmitglied vieler jüdischer Vereine. ' X Bromberg, im November. Der Lehrer Fensteraus Flatow ist als Lehrer an der Kommunalschule in Mrotschen angestellt worden, und der Lehrer Rosenbaum aus Znin, wo er an der höheren Knaben- und Mädchenschule angestellt war, ist nach Rybnik in Schlesien versetzt. — In Samter feierte das Kauff'sche Ehepaar die Silberhochzeit. Das Repräsentanten-Kollegium und Korporations-Vorstand waren iri corpore erschienen zur Beglückwünschung des Paares. Herr Rabbiner Dr. Wreschner hob in einer längeren Rede die Verdienste des Jubilars als Vorsteher hervor. Ter Synasioge in Samter schenkte der Jubilar zwei werthvolle Leuchter in Form einer Krone. — Der Lehrer H. Lauser irrJarotschin ist zum Mitglied des Schulvorstandes gewählt und bestätigt worden. II. Rosenberg-18. November. Die hiesige ^Chewra Kadischa", wohl eine unter den ältesten der Gemeinden Oberschlesiens, begeht am 13 Januar nächsten Jahres das Fest ihres >7ö jährigen Bestehens.- Neben der wahren Wohtthätigkeck, welche sie stets übt, verfolgt sie den hehren Zweck, für die verstorbenen.Mitglieder und Solche/welche eine Stiftung verfügen, während des Trauerjahres die üblichen Gebete zu verrichten und für