Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Pentateuch und zu einigen anderen Stellen der Schrift von Salomon Astruk (dem Heiligen), nach den Handschriften in Mailand und Oxford- : bearbeitet von Dr. Epp enstein in Briefen. Ueber andere sehr - wichtige Litteraturwerke hoffen wir bald nähere Mittheilungen folgen zu lassen, sobald die noch schwebenden Unterhandlungen über die Herausgabe derselben zum Abschluß gelangt sein werden. Am Schluß fügen wir die Bitte hinzu, die gefl. Einzahlung des Jahresbeitrages recht bald erfolgen zu lassen. Dr. A. Berliner. — Alt-Israelitische Gesänge, gesammelt von Abr.Eisenstq.dt, Kantor der jüdischen Gemeinde Berlin, Heft 1 und 2. Die Herren Professoren Dr. Oskar Fleischer an der hiesigen - Universität, Joachim an der königlichen Hochschule, Gernsheim an dem Stern'schen Konservatorium bekunden, daß die vorliegende Sammlung sehr schön und werthvoll ist, daß die Gesänge, obwohl nur einfach und leicht singbar, doch von großex Gefühlstiefe und ungewöhnlichem melodischen Reiz sind und nicht nur für die Wissenschaft und Musiksorscher, sondern für jeden Musikfreund Interessantes und Anregendes bieten. Dieselben zeigen zugleich große Freiheit der Modulation, keine Beschränkung des Stils oder gezwungene Kadenzen, somit ist in einer Melodie oder in einem Rezitativ viel Abwechselung und Neuheit geboten. Herr Professor Ad. Lazarus, Oberkantor der israelitischen Gemeinde zu Budapest, hebt noch besonders hervor, daß diese alten Tempelgesänge mehr als jeder moderne Kunstgesang geeignet sind, die Andacht zu wecken. Eine Kritik an diesen Gesängen zu üben, hält er aus Rücksicht der Pietät für nicht berechtigt, andererseits könnte eine solche nicht geübt werden, weil aus den uns zu Gebote stehenden Werken ersichtlich ist, daß traditionelle Melodien von jedem Verfasser in andere Form gebracht erscheinen, das Leitmotiv ist überall dasselbe. Wir wünschen Herrn Eisenstadt zu seinem Unternehmen Glück; möge es ihm bald gelingen, das ganze Werk zu veröffentlichen. Diese Gesänge empfehlen sich von selbst allen Musikfreunden, Synagogen-Gemcinden und Vorbetern, welche den Gottesdienst zu veredeln und die Andacht zu heben beabsichtigen. P. Sprechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^ie haben natürlich mit der Vermuthung Recht, daß Herr Baumle garten mit seinem Artikel über „Jüdische Politik" nicht an den hiesigen Centralverein, sondern an Wiener Vereine gedacht hat. Lassen wir, um nicht Persönliches zu behandeln, die Frage beiseite, weshalb Herr Baumgarten bei einem Berliner Blatt Gastfreundschaft sucht, um seine Wiener Klagen vorzutragen. Begnügen wir uns mit der Thatsache, um Folgendes festzustellen: Erstens, daß in xolitids Rathschläge werthlos sind von solcher Unbestimmtheit, daß sie für Wien gemeint waren und auf Berlin bezogen wurden. Gerade in der Politik giebt es allgemeine, abstrakte Regeln überhaupt nicht, was hier und heute gut, ist dort und morgen falsch. Zweitens, daß unsere Kenntniß der österreichischen Verhältnisse überhaupt nicht ausreichend ist, um uns zum Richter über dortige Zustände zu machen. Selbst in Wien weiß man, Dank gewisser Eigenthümlichkeiten der dortigen Preßverhältnisse, nicht immer Bescheid. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Zu dem vor etwa 14 Tagen abgehaltenen Bozener Parteitag der Deutschen Tirols, auf welchem eine Verbrüderung der Deutschnationalen und Deutschliberalen stattfand, wurde der Korrespondent der „Neuen freien Presse" nicht zugelassen. Zu dieser Verbrüderung, welche auch nach dem Bericht der „Neuen freien Presse" genau genommen eine Kapitulation der Deutschliberalen vor ihren antisemitischen Bundesgenossen bedeutete, wollte man den jüdischen Berichterstatter eines jüdischen Blattes nicht haben. In der „Neuen Freien Presse" stand nichts davon, ich ersah die interessante Thatsache aus dem Jewish Chronicle, der sie einem Wiener Bericht der „Daily Meil" entnahm. Einige Tage darauf fand ich die Thatsache in der Wiener' Sonn- und Montagszeitung erwähnt. In so verworrenen Verhältnissen, die einen großen Theil Juden in die Gefolgschaft Schönerers gedrängt Haben, ist es schon den österreichischen ’ Juden nicht leicht, sich zurecht zu finden, geschweige deutschen. Mir sind die Verhältnisse indessen genügend bekannt, um Ihre Leser zu versichern, daß die Ausführungen Baumgartens in sachlicher Beziehung .ebenso verfehlt sind, wie sie in sprachlicher Beziehung schwülstig sind, das haben die politischen jüdischen Vereine mit dem Eingehen des „Freien Blatt" zu thun? Den Vereinen, die Herr Baumgarten wahrscheinlich meint, denen ich aber vorwerse, daß sie nicht genug politisch sind, i) gehören nur wenige Hundert Juden an, nicht gerade die wohlhabendsten. Warum wirft Herr Baumgarten das Eingehen des „Freien Blatt" gerade diesen paar Hundert Menschen vor, die sich erst zusammenthaten, als das „Freie Blatt" in den letzten Zügen lag, und nicht den anderen Hunderttausenden österreichischer Juden? Liest man die Ausführungen des Herrn Baumgarten, so möchte man die Schlagworte „Judenpresse" oder „Judenliberale" für eine Folge der Bildung politischer jüdischer Vereine halten. Die Reihenfolge der Thatsache» ist gerade umgekehrt. Als eine Folge der immer wiederholten Borwürfe gegen die Judenliberalen ist es zu betrachten, daß diese ihren Liberalismus allmälig aufgeben, wie aus Hunderten von Beispielen ersichtlich ist. Und das ist bis zu einem gewissen Grade menschlich.' Zwischen den Juden und den Deutschnationalen stehend, waren die Liberalen bei ihren Wählern der Konkurrenz der Deutschnationalen ausgesetzt, während sie auf die Gefolgschaft der Juden rechnen konnten. Die Folge war natürlich, daß sie mehr und mehr der Deutschnational-antisemitischen Richtung Konzessionen machten (wie zum Beispiel im deutschen Schulverein und auf dem Bozener Parteitag), während man glaubte, auf die jüdischen Wähler, welche nicht organisirt sind, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Die Bildung politischer Vereine und selbst einer politischen jüdischen Partei wäre deshalb sehr nützlich, um ein Gegengewicht zu bieten. Politik ist nur eine Frage der Möglichkeiten, der Opportunität. Während in Deutschland ein solches Verfahren durchaus verfehlt wäre, ist es in Oesterreich am Platze, denn dort scheiden sich die Parteien nicht nach Prinzipien, hauptsächlich nach ihrer Abstammung, und die Juden haben, sei es als Handelskammerwähler, sei es als ausschlaggebende Dritte in gemischtsprachigen Bezirken, sei es als Majorität der Wähler, über eine Anzahl von Wahlkreisen zu verfügen. Ueber die jetzigen Zustände ist ja auch in Ihrem Blatte oft genug geklagt worden, so lange die Auspitz re. als Deutschliberale, die Byk und Genossen als Polen gewählt sind, dürfen sie ihrer mißhandelten Glaubensgenossen sich nur dann annehmen, wenn es den geschäftlichen Dispositionen des Polenklubs oder der Deutfchliberalen Partei entspricht. Also unsere Kandidaten sollen eben Judenkandidaten sein — was bisher auch die jüdischen Erwählten der Juden nicht waren. Herr Baumgarten meint zum Schluß: „Die gerade nach vorwärts strebende (Richtung) führt mit Sicherheit zur Förderung und Befestigung des Staatswohls. Dieser Richtung schließe sich der Jude an." Aber um von den verschwommenen Allgemeinheiten auf den Boden der Thatsachen zu kommen: Wie soll der Jude wählen, wenn es sich im Wahlkreise um Jungtschechen, Liberale, Sozialisten handelt? Welches ist von diesen dreien die nach vorwärts strebende Richtung? Dies hängt in vielen Fällen nicht von den Prinzipien der Parteien ab - die meist fortgeschrittener sind als ihre Anhänger —, sondern von den Personen, welche die Parteigrundsätze in die Sprache des täglichen Lebens zu übersetzen haben. Sie werden umsomehr die nach vorwärts strebende Richtung einschlagen, je mehr dies die Voraussetzung dafür ist, daß ihnen bei der Wahl die Stimmen einer geschlossenen und ausschlaggebenden jüdischen Wählerschaft zufallen. Eine solche Wählerschaft wird auch bewirken, daß Parteien, die auf die Hilfe der Juden angewiesen sind, schon in der Auswahl der Kandidaten die Rücksicht üben, an welcher sie es bisher mangels einer Organisation der jüdischen Wähler so häufig haben fehlen lassen. Hochachtungsvoll Dr. H. M. Cohn. Berlin, im November. Die letzte Sitzung des „Politischen Bolksvereins" beschäftigte sich mit der Reform des Armenwesens. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für-die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.