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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-26 · Heft 48 (26.11.1897) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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„Wie denkst Du wohl, endete dieser Vorfall?" „Ich weiß. nicht. -( Höchst wahrscheinlich, wie es wohl enden mußte: Der Gerettete 'wurde ins Krankenhaus zur Pflegegebracht,; und Beigelmann empfahl man der Behörde zur Belohnung mit einer Rettungsmedaille." „Ich '.will nicht widerstreiten, möglich, 'ja höchst .wahrscheinlich hat es auch so geendet. Aber ist es Dir nicht in den Sinn gekommen, daß diese Erzählung auch anders enden konnte?" ' „Daß etwa Beigelmann selbst ertrinken konnte; verhält es sich so?" „Nein, nicht das!-. . . Aber stelle Dir folgendes Bild -vor ' Auf der Brücke — nicht auf der Jsmailow'schen, gleichviel, auf .irgend einer — preßt und drängt sich in Verwirrung eine Unmasse von Volk zum Brückengeländer. In der Menge erblickt man plötzlich -erschreckte und aufgeregte Personen, aber ein großer Theilder Gesichter verrüth blos eine blöde Neugier. Man hört einzelne heftige Ausrufungen." „Wer es sei? . . . Man sagt ein Handwerker?" „Doch nicht! . . .-Ein Postillon!" „Was da? Ein Postillon. . . Ein Knabe aus einem Milchgeschäfte." „Und auch gar kein Knabe, sondern ein Kutscher." „Wohl ohne Vorsatz, wie?" „Wer mag ihn kennen? . . . Da, an dieser Stelle, plumps, ins Wasser." „Wo ist er? Hat man ihn herausgezogen?" „Herausgezogen! . . . Hast Du etwa ihn heransgezogen?" „Duminkopf! Wie soll man ihn herousziehen, wenn es ihn schon längst unter das Floß hinuntergezogen hat." „Warum wird er nicht gesucht, nicht gerettet?" fragt aufgeregt eine Dame. - „Nicht gerettet.! . . . Sieh mal, welch eine Schlaue! . . . Wer soll ihn retten? Vielleicht hast Du Lust, unter das Floß hinunterzusteigen? So wirf schnell Deine Tournüre ab. steige unter das Floß hinunter, habe die Gnade! ... In der Menge entsteht ein Gelächter. Die Dame wendet sich in, ihrer Entrüstung von den Lachenden ab und stößt auf einen stattlichen, älteren Herrn mit Cylinder und Gla^e-Handschuhen, welcher eilig ein goldenes Pince-nez auf die Nase setzt, und durch die Menge drängend, vergeblich zu erfahren sich bemüht, was vorgefallen sei. ' „Ach, Monsieur, würden Sie vielleicht-befehlen?" setzt die erregte Dame fort.- „Man muß' sofort nach der Polizei senden, daß man ihn herausziehen solle. Vielleicht lebt er noch, nur mit Wasser vollgeschluckt." „Wer denn, meine Dame? Jemand von Ihren Angehörigen?" erkundigt sich der stattliche Herr, indem er höflich seinen. Hut lüftet. „Ach, nein! . . . ich weiß nicht, wer. Gleichwohl, man muß ihn retten. . . Die Polizei muß kommen." . . . - „Ach, ja, ja! . . . Die Polizei, durchaus die Polizei . . . wo ist der Gorodowoj (Polizeimanu)? Gorodowoj! . . ." - Da plötzlich dringt eilig» ein junger, unbekannter Jude durch die Menge zum Brückengeländer, und um keine Zeit mit Fragen zu verlieren, wirft er schnell seine Stiefel, und Oberrock ab, und. ohne daß Jemand erwägen konnte, was er zn thun beabsichtige, stürzt er sich über das Geländer ins Wasser. . . „Ganz einfach, daß er ertrinken wird," bemerkt einsichtsvoll ein älterer Bauer, „braucht ein Mensch viel Zeit, um zu ertrinken?" . „Warum ertrinken!" . . . erwiedert Jemand aus der Menge. „Er ist ja hinunter, nur den zu retten; so wird er auch sorgen, daß er sich selbst nicht vollschluckt. Sieh', gleich wird, er ,auftauchen." Alle Blickesaugeil gleichsam begierig die feste Glätte des entschlummernden Flußes ein. Es vergehen-einige lange, ermüdende Sekunden. . . - ' - „Ist nicht-irgend-etwas sichtbar?" hört man Jemand mit. einer unschlüssigen Stimme fragen. ' . „Was nützt es; er wurde wohl selbst unter das Floß gezogen. . .-Sieh' mal, es sind ja der Flöße viele hier hingestellt." „Warum denn hinuntergezogen V Es wird ihn nicht hiuunterziehen. . . Hier ist ein stilles Wasser." ' „Ja, sage nur, ein stilles.. Sehr einfach, es erfaßt und zieht hinunter." - „Willst Du - eine Wette auf ein Paar Flaschen Bier machen, daß es ihn nicht hinuuterziehen wird?" . Endlich zeigt sich auf dem. Wasser ein dunkler Fleck; nach' und nach erscheint nasses Haar, dann eine Stirn, nachher erscheint der ganze Kopf des Juden, der sich ins Wasser gestürzt hatte, auf der Oberfläche. Sein Gesicht ist bleich. Er ist ermüdet und athmet ununterbrochen, indem er das ihm in den Äund gelangte Wasser anskencht; und mit Anstrengung rudert er mit dereinen Hand, da die andere augenscheinlich mit einer noch unsichtbaren Last , beschäftigt ist, die er nach sich zieht. ,^Schau, er zieht etwas! . ... Ach ja, ein braver Bursche!.. ." erschallen zustimmende Ausrufe von der Brücke. „Er lenkt nach dem Floß . . . Sieh' mal, er wendet sich zum Floß. . Laufen wir dahin, so schnell wie möglich, Kameraden! r. Die neugierige Menge stürzt ungestüm zum Floß. Nach langen, anstrengenden Bemühungen ist der Jude endlich wohlbehalten auf das Floß gestiegen und zieht darauf den bewußtlosen Körper des von ihm aus dem Wasser Geretteten. Von dem Juden fließtdas Wasser wie ein Strom, sein Hemd ist fest an seinen Körper geklebt, er athmet schwer und läßt sich kraftlos auf das Floß nieder. - In diesem Augenblick erscheint endlich auch dergesetzliche Hüter der Ordnung. ■ - > „Was ist denn da los d" ruft er mit gravitätischer Miene, in-- dem er zugleich mit Würde das Degengehänge seines Säbels in Ordnung bringt. „Gehen Sie aus einander, meine Herren!" „Da, Herr Gorodowoj, dieser Jude hat den Ertrunkenen aus dem Wasser gezogen." „Nun, so hat er ihn herausgezogen! Ohne Euch wird auch untersucht werden, was nöthig sei. Zerstreut Euch, dringend muß ich darum bitten!" „Sie müssen durchaus sofort heißen Thee trinken," wendet sich plötzlich auf dem Floße die frühere nervöse Dame zu dem Juden. „Ja, ja, Thee . . . mit Rum . . . Sie können sich erkälten. Und die Wüsche muß gewechselt werden. Ueberhaupt alles trocken. Fohren sie schnell nach Hause . . . Fuhrmann!" " > „Erlauben Sie, meine Dome!" unterbricht sie streng der Gorodowoj. — „Zuerst muß in der Polizeiabtheiluug ein Protokoll aufgesetzt werden." Bei dem Worte „Polizeiabtheilmig" schaudert der Jude zusammen. „Aber er könnte sich doch erkälten!" erwiederte die Dame dem -Gorodowoj. „Ohne Protokoll ist es auf keinen Fall möglich. Alles mach dem Gesetze.' Bitte, auf die Polizeiabtheiluug!" " - Der Jude springt heftig auf, als wäre' er von einemglühenden ^Eisen berührt worden. - Er inacht eine Bewegung, als» beabsichtige er, zu entfliehen. * . ' ' - „Uebrigens, man kann ja auch auf die Polizeiabtheilung," setzt die Dame schwatzend fort. „Innwird ihm dort irgend - etwas

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