Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-26 · Heft 48 (26.11.1897) · p. Seite 573

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228251--54174-3268140
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

573 kommt, alles ist von einem reinen Geist, von einer edlen Gesinnung und von einem hohen, über dem Treiben des Alltags stehenden Gesichtspunkte aus angesehen und erörtert. Dies vor allem macht uns den Briefwechsel interestant und tief sympathisch. Mit Recht hat Geiger beide Männer Romantiker genannt. Aber es ist natürlich, daß sie keine Begeisterung für die Passionsblume, für Ritterburgen und Minnedienst hatten. Ihre Romantik war etwa dieselbe wie die Heine's, von dem Julian Schmidt sehr zutreffend sagt, daß das Judenthum seine romantische Vorzeit war, wie etwa die Kreuzzüge die der deutschen Romantiker. Die schwärmerische Versenkung in die Vergangenheit, das Jdealisiren verklungener Zeiten führte beide Männer zu einer eigenartigen Stellung in den Parteiwirren der vierziger Jahre; sie sind Gegner der Reform, aber auch keine Freunde der Orthodoxie; sie lieben das alte Judenthum, aber nur in einer dichterischen Verklärung; sobald die rauhe Wirklichkeit in ihre Rechte tritt, ziehen sie sich scheu vor ihr zurück; ff)r ästhetischer Sinn umkleidet das Alte mit poetischer Weihe, aber an einer Neubelebung desselben wollten und konnten sie doch 'nicht denken. So ist es wohl gekommen, daß inan Sachs ein Räthsel genannt hat, und daß fast Jeder, der in den Bannkreis dieses^merkwürdigen und hoch bedeutenden Mannes trat, an der Lösung dieses Räthsels auf seine eigene Art sich versuchte. Aber es will mir scheinen, daß man der Lösung am nächsten kommt, wenn man Sachs mit den Charaktern aus der jüdischen Litteraturgeschichte vergleicht, denen er mit besonderer Vorliebe seine Lebensarbeit zugewendet. Sachs war eine Jehuda-Halevi-Natur. Dies erklärt alles. Deshalb auch unterschied er die Gedanken von der äußeren Form; in jenen wollte er sich durchaus die Freiheit seiner philosophischen Ueberzeugung, die Selbstständigkeit seines religiösen Denkens wahren, für diese, als eine durch Zeit und Gewöhnung geheiligte, verlangte er Respekt. Diesen Standpunkt muß man festhalten, wenn man den Briefwechsel beider Männer liest und in diesem heute eine scharfe Philippika gegen die Reform und morgen eine nicht weniger scharfe Abfertigung der Neuorthodoxie findet. Am 6. August 1835 setzt die Korrespondenz ein mit einem Brief von Veit an Sachs, in dem es sich um eine deutsche Bibelübersetzung für die Juden handelt. Die Antwort darauf von Sachs bringt eine sehr interessante Charakteristik von David Strauß, dessen Werk den jungen Theologen merkwürdig aufgeregt hat. Ein wichtiges Thema des Briefwechsels bildet lange Jahre das Studium des Midrasch, das beide Männer in hohem Grade fesselt. Immer und immer wieder kommt Veit darauf zurück, und er ist es, der das große Uebersetzungswerk plant, zu dem der Legenden- und Sprachschatz des Midrasch die Grundlage bilden sollte. Daneben wandern auch sehr interessante Briefe zwischen Wien und Prag hin und her über Bettina von Arnim und Eduard Gans, über Moses Moser und den gemeinsamen Freund Karl Werder, über Franz Liszt, über Hegel u. A. Da Veit in den Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins eintritt. wendet er sich natürlich sehr oft mit Fragen und der Bitte um Rath an den erfahrenen und gelehrten Sachs: über die Organisation eines Seminars, über Schulwesen u. s.. w. Es ist selbstverständlich, daß er, nachdem Frankel die Wahl als Oberrabbiner von Berlin abgelehnt, auf die Idee kommt, Sachs zu gewinnen. Die Auseinandersetzungen mit den Ministern über die Gleichstellung der Juden und die Ausführung des Edikts vom 11. März 1812, der Thronwechsel und andere historische Ereigniffe unterbrechen die Verhandlungen über dieses Projekt, die sich noch drei Jahre hinziehen. Innerhalb dieser Zeit berichtet Veit regelmäßig über den Verlauf der Verhandlungen, während Sachs ebenso regelmäßig über den Fortgang seiner Arbeit Mittheilung macht, die endlich unter dem Titel: „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien" erschienen und eines der -bedeutendsten Werke unserer Litteratur geworden. Im Jahre 1844 erfolgt endlich die Wahl Sachs' zum Predigerder jüdischen Gemeinde. - Damit ist ein Herzenswunsch von Moritz Veit erfüllt, und von nun an entspinnt sich ein freudiges, durch ideale Gesinnung geweihtes, von religiöser Begeisterung getragenes gemeinschaftliches Leben und Wirken, das nicht nur der jüdischen Gemeinde in Berlin, sondern dem ganzen deutschen Judenthum zum Segen geworden ist. Der Freundschaftsbund dauerte bis ans Ende; der letzte Brief von Sachs an Veit vom 23. August 1861 ist ein schönes Zeugniß' dafür. Er enthält die Rückschau „auf eine glücklich zurückgelegte gemeinschaftliche Lebensreise" und erklärt diesen merkwürdigen Freuudschaftsbund in sinniger Weise. Unsere Litteratur ist an solchen Memoirenwerken und Briefwechseln leider noch sehr arm, und man darf deshalb Herrn Prof. Geiger zu ganz besonderm Dank für diese Publikation, die der persönlichen Beziehungen und vieler anderer Momente wegen wahrhaftig keine leichte Arbeit war, verpflichtet sein. Und nicht etwa um zu kritisiren, sondern nur der historischen Genauigkeit wegen will ich zum Schlüsse einige Berichtigungen anfügen. Der Rabbinatsasiessor Rosenstein hieß mit dem Vornamen nicht Elias, wie Geiger Seite 20 schreibt, sondern Elchanan und ist nicht 1866, sondern 1868 gestorben. Seite 2 kann nicht von einer Hanewald'schen Bibel, sondern von der katholischen Bibelübersetzung des Abtes B. Haneberg die Rede sein; der Seite 26 genannte Lehrer am Zunz'schen Seminar Dr. Cohn hat von 1833 bis 1835 ein religiöses Erbauungsblatt für Israeliten, „Zivil", herausgegeben, von dem sich auch auf der hiesigen königlichen Bibliothek ein Exemplar befindet, und aus dem über die Geistesrichtung des Mannes mancherlei zu entnehmen ist. Endlich ist dem Herausgeber Seite 37 leider gerade die Verwechselung passirt, vor der er seine Leser warnt. Sachs spricht nämlich thatsüchlich von Samson Raphael Hirsch und nicht von Samuel Hirsch, der der radikalen Reformrichtung huldigte und nicht nur den Schulchan Aruch, sondern auch selbst den Talmud verworfen, hat, während Samson Raphael Hirsch in Frankfurt a. M. in seinem 1835—1837 erschienenen „Chaurew" nicht nur eine wirkliche Philosophie des Schnlchan Aruch, sondern auch des Taschlichmachens zu geben verflicht und in diesenl Werke die Schreibart der „Eidauß und Mizwauß" beständig angewendet hat. Doch diese an sich geringfügigen Ausstellungen vermögen natürlich nicht das Geringste von dem Werth des Buches zu nehmen, desien Anziehungskraft vor Allem darin besteht, daß es uns zwei hervorragende Charaktere des modernen Judenthums in voller Innigkeit des Verkehrs, in freundschaftlicher Offenheit und Wahrheit, in treuer Liebe und Hingebung vorführt. G. K. FEUILLETON Ber Lebensretter. Eine wahre Geschichte aus dem Russischen. Von M. Diman. #ast Du in den Zeitungen gelesen, wie der Jude David Beigelmann einen Trunkenbold ans dem Wasser gerettet?" fragte inich neulich mein Freund Praxin, da er mir auf der Straße begegnete. „Ja. Nun, was soll es?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.