Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 die sich um Reuchlin schaarten, dem sie in zahlreichen Briefen ihre Verehrung und Anerkennung ausdrückten und in den „Briefen der Dunkelmänner". die meistens von Ulrich von Hutten und dem deutschen Humanisten Crotus Rubianus herrührten, die Kölner Dominikaner als Obskuranten geißelten und lächerlich machten. Reuchlin nahm die Juden, die er als „Glieder imb Mitbürger des Deutschen Reiches" bezeichnete, in Schutz. Die Juden, bisher die Parias der bürgerlichen Gesellschaft, die „Kammerknechte des deutschen Kaisers", wurden von dem Humanisten Reuchlin zum ersten Male „Glieder und Mitbürger des Deutschen Reiches" genannt. Die Menschen als solche, frei von jeder religiösen und nationalen Voreingenommenheit, nur nach ihrer persönlichen Würdigkeit achten, das ist echte Humanität. Der durch den Humanismus hervorgerufene Wandel der Weltanschauung wird vortrefflich illustrirt durch die Dichtung des englischen Humanisten, des unglücklichen Lordkanzlers Thomas Morus (1480 bis 1536) „Ueber die beste Staatsverfaffung nnd die neue Insel Utopia". Fern im Weltmeere, erzählt der Dichter, findet sich eine Insel mit Einrichtungen, die von den unsrigen völlig verschieden sind. Da gibt es kein absolutes, erbliches Königthum, keine Behörde, die nach Willkür schaltet, kein Söldnerheer, das zum Zwecke der Eroberung in den Krieg zieht, keine Reichen, welche allen Grundbesitz an sich reißen und in wollüstigem Leben schwelgen, während die Armen in der Roth darben, keine herrschsüchtigen, fanatischen Priester, keine Religion mit einer weitläufigen Theologie, keine dickbändigen Gesetzessammlungen, deren Keuntniß den besonderen Stand der Juristen erfordert. Das Volk wählt auf dieser Insel seinen König auf Lebenszeit und seine Obrigkeit auf ein Jahr. Es ergreift nur die Waffen, um die eigenen Grenzen zu schützen oder unterdrückte Völker zu befreien. Der Grund und Boden ist gemeinsames Eigenthum Aller, die sich von der Arbeit ihrer Hände nähren. Arbeit und Genuß sind gleichmäßig vertheilt. Der Müßiggang ist die größte Sünde, die empfindlich bestraft wird. Es giebt nur wenige Priester die das Volk an Wiffen und Sittenreinheit überragen. Die Theologie ist sehr kurz. Sie besteht nur aus den drei Fundamentallehreu der Religion, bem Glauben an ein göttliches, höchstes Wesen und dessen Vorsehung, an die Unsterblichkeit der Seele und die Wiedervergeltung nach dem Tode. Jeder Gewissenszwang, jede Belästigung wegen des Glaubens ist vollständig ausgeschlossen. Es steht Jedem frei, Gott anzubeten, wie er will. Die Gesetze sind sehr einfach. Jeder befleißigt sich der Tugend und lebt der Natur und Vernunft gemäß. Dem Dichter Moore schwebte offenbar der Platonische Staat vor. Sein Ideal ist die griechische Demokratie, seine Organisation der bürgerlichen Gesellschaft ist der Sozialismus, seine Ausgleichung der Gegensätze der Stände ist ein Phantom, das Ganze ist eine Utopie. Seine Auffassung aber über die Religion und die Rolle, die sie im Staate spielen soll, wie sie die Menschen nicht durch den Fanatismus der Priester trennen und gegenseitig verbittern, jonbern durch die Liebe, durch die Entfaltung der ihr innewohnenden sittlichen Macht vereinen und zur gemeinsamen Uebung der Tugend anleiten soll, das ist kein Phantom, keine Utopie, sondern wurzelt in der wahren, echten Humanität, der trotz aller noch herrschenden Vorurtheile die Zukunft der Menschheit gehört. Der Briefwechsel von Michael Sachs und Moritz Deit. ine der interessantesten Publikationen dieses Jahres ist unstreitig der Briefwechsel der beiden hervorragenden Männer, die während ihres Lebens in so inniger Verbindung gestanden und für die Berliner Gemeinde von so großer Bedeutung gewesen sind. Wir danken die Veröffentlichung dieses Briefwechsels Herrn Professor Dr. Ludwig Geiger?) Das Material hat Geiger aus dem Nachlasse beider Mäirner erhalten und — wie es von dem verdienstvollen und wohl erfahrenen Litterarhistoriker nicht anders zu erwarten war — sehr geschickt verwerthet, indem er dasjenige wörtlich mittheilte, was zur Charakteristik des seltenen Freundschaftsbundes, zur Geschichte des Judenthums, zur Beurtheilung hervorragender Persönlichkeiten, Schriften oder Kunstwerke, zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Berlin und der allgemeinen Verhältnisse der Juden in Deutschland ^wichtig war. Auch die Art der Wiedergabe kann nur gebilligt werden, indem Geiger die fortlaufende Erzählung wählte, welche die Briefe durch Uebergang mit einander verbindet und jeden einzelnen Brief gleichsam als Text des etwa zu Erklärenden folgen läßt. Es ist eine der feinsten Bemerkungen, die Lazarus in seinem unvergleichlichen Essay über die Freundschaft gemacht hat, daß die Freundespaare, denen Geschichte und Dichtung ein ewiges Gedächtniß geschaffen habe, ein besonderes Interesse gewähren, weil sie uns einen Einblick gestatten in die Individualität, hier der Quellen, dort der Erfolge solcher Bündnisse. Unbedenklich kann man den Beispielen für die Bedeutung der Freundespaare, die der große Seelenkenner in seiner Arbeit anführt, auch das Verhältnis; zwischen Michael Sachs und Moritz Veit anreihen. Das ethische Wesen der Freundschaft besteht nach Lazarus darin, daß sie die Menschheit aus dem Bann getrennter Ichheit erlöse, daß die Gemüther ihr eigenes Leben nicht als gesondertes, sondern mit einander gemeinschaftliches führen, daß die Ziele und Zwecke des Daseins gemeinsam erstrebt, daß Freuden und Leiden, gute und böse Tage wie ein gemeinsames Schicksal erlebt werden. Alle diese Bedingungen sind in dem Freundschaftsbund zwischen Michael Sachs und Moritz Veit erfüllt und noch andere. Auch das, was der Völkerpsycholog als den Triumph der ethischen Freundschaft feiert, daß die Freunde nicht nur ihre Interessen gemeinsam pflegen, sondern der eine das Interesse des anderen ost über das eigene stellt, könnte man in diesem Freundschastsbunde finden. Von Jugend auf waren Michael Sachs und Moritz Veit mit einander befreundet. Veit war Buchhändler, Schriftsteller, Politiker, in der Verwaltung der Stadt Berlin wie in der der Gemeinde und später auch in der des Staates eifrig und mit großem Erfolge thätig. Er war ein wissenschaftlich gebildeter, vielseitig unterrichteter, fein empfindender und vornehm handelnder Mann, dessen Haus einen Mittelpunkt der schönsten Geselligkeit Berlins bildete. Wer Michael Sachs war, braucht den Lesern dieses Blattes nicht mehr gesagt zu werden. Es war ein Glück, daß diese beiden Männer einander gefunden und es war selbstverständlich, daß sie, nachdem sie sich gefunden, nicht mehr von einander ließen. Sachs war von 1835 bis 1844 Prediger in Prag. In diese Zeit fällt der Haupttheil des Briefwechsels, in dem natürlich vor allem die jüdischen Angelegenheiten in Preußen, die Lage der Berliner Gemeinde, die große Frage der Reform im Judenthum, welche damals auftauchte, sodann aber auch allgemeine Fragen der Kultur, der Litteratur und der Politik besprochen wurden. Was aber auch in diesen; Briefwechsel zur Erörterung y Michael Sachs und Moritz Beit. Briefwechsel, herausgegeben von Ludwig Geiger. Frankfurt a. M. 1897. I. Kauffmcmu.