Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
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57 L -Die^ Mannigfaltigkeit der seelischen Erscheinungen iir Zuständen und Thätigkeiten —. Sinnlichkeit und Verstand, Gedächtniß, Phantasie, Rechnen und Dichten, Begehren und Planen, Gesetze entdecken und Jirstitutionen schaffen rc., alles dies ist ein Chaos; — die. Wissenschaft sucht Ordnung, Uebersicht, Klarheit: der Unterscheidung der inneren Vorgänge. Dann sucht sie zu'den Wirkungen die Ursachen, die allgemeinen Gesetze, welche in der Seele herrschen. Ebenso aber wie der Einzelne verhält sich jede Menge von Menschen, welche eine Gesammtheit, eine Einheit bilden, z. B. die Einheit eines Volkes oder einer Religion. Ein gemeinsamer Geist lebt in ihnen und wirkt in allen Einzelnen. Die Einzelnen würden den Inhalt und die-Richtung ihres Geistes gar nicht besitzen, wenn sie beides nicht von der Gesammtheit, aus der sie stammen und zu der sie gehören, empfingen. Der Einzelne würde nicht seine Sprache, nicht das Recht u. s. w. besitzen oder schaffen; in der Gesammtheit lebt, im Gesammtgeift wird es geboren und gepflegt, von welchem der Einzelne nur ein Theil ist. Wir werden deshalb einsehen, wie diese, die Wissenschaften dazu dienen können, uns über die Quellen der Religion und Sittlichkeit, über die Ereigniffe, die erzählt, die Lehren und Personen aufzuklären. . - Die Geschichte erzählt uns nur die äußeren Vorgänge, die Reden .und Handlungen der Personen rc. Aber - die psychologische Wissenschaft soll uns anleiten, das innere Geschehen, die Vorgänge im öffentlichen Geist und in der Seele der handelnden Personen zu schauen; aus all den Umständen und Verhältnissen, die uns berichtet, wollen wir ein klares Bild der Ereigniffe schöpfen; besonders aber von den hervorragenden, einflußreichen Männern, von deren Worten wir heute noch leben, wollen wir den Charakter, ihre Geistesrichtung, ihre Absichten und Bestrebungen kennen lernen; dann erst verstehen wir ihr Wesen, aber auch ihre Reden und Lehren und die Geschichte, in welcher sie standen und <mf welche sie zu wirken suchten. Dann nämlich sehen wir auch nicht blos das Einzelne — eines Satzes, einer Rede, einer Handlung — sondern das Ganze, das Zusammenhängende der Begebenheiten und der Charaktere. Und das nun ist meine Absicht gewesen: meine Wissenschaft, der ich mein ganzes Leben gewidmet hatte, die Psychologie und auch die Völkerpsychologie,, deren Anfänge zu finden und die zu begründen Gott mich begnadet hat, — anzuwenden, um das Leben und Wirken, den Charakter und die geistige Macht des Propheten Jeremias, so weit es mir möglich war, zur klaren Darstellung zu bringen. Wohl mußte jedes Wort, das er gesprochen, und jedes das von ihm und aus der Zeit, sin der er lebte, erzählt, erwogen werden; mir aber, der ich nicht einen Kommentar zum Buche. Jeremias schreiben, wollte, kam es nur darauf an, aus all dem Einzelnen ein Ganzes zu machen, ein Gesammtbild seines Wesens herzustellen, - die innere Triebkraft und Geistesmacht in seinem Handeln und Reden und den innersten Zusammenhang zwischen alledem aufzudecken. Um seine Herrlichkeit und die Erhabenheit all' der Lehren, die wir ihm verdanken, zu erörtern, um fVfcnö 77^1221 ,*)Öpn' nütffc zu bewirken, mußte ich ihn mit anderen Männtzrn, auch zuweilen anderer Völker, vergleichen, mußte ich auch die Geschichte Israels mit der anderer Nationen vergleichen, mußte ich Jeremias im Zu- - sammenhang der jüdischen Geschichte, und die Geschichte der Juden; im Zusammenhang der Weltgeschichte betrachten. Und nun, meine Brüder und Freunde, ich habe mich gefreut, daß der ^elriassat meine Schrift auch in nuferer heiligen Sprache herausgeben wollte!; ich selbst hätte sie zu übersetzen nicht gewagt.; denn i seit , dem Tode meines Vaters, dem ich-nur in dieser Sprache schrieb, l. habe ich -äußerst selten Gelegenheit gehabt, sie zu -üben. Zu meiner [ . Befriedigung ist die Uebersetzung den *r»n& des Herrn Brainin übertragen worden. — Aber nun meine Brüder und : Freunde, habe ich die Bitte, beim Lesen der Schrift Folgendes zu denken: Bei der Erhabenheit des Gegenstandes, von dem sie handelt,- kann es ja . nicht fehlen, daß Viele über Vieles,. was ich vorbringe, eine andere Meinung haben; .dann prüfet mich die meinige mit Sanftmuth; und , wenn' ich Euch nicht überzeugt habe, nehmtsie nicht an; aber rechnet < es mir nicht gleich als einen Fehler an, daß Eure'Meinung nicht - auch die meinige ist. — Und dann glaubt immer: geschrieben habe , ich stets in meinem Leben, besonders aber in dieser Schrift, nur was - ich nach reiflicher Erwägung und wiederholter Prüfung als Wahrheit zu erkennen glaubte. Veröffentlicht aber habe ich sie und besonders in dieser Sprache nicht K2K 7P2 ‘TOsbl N122^ sondern weil ich meine, jedes Zeitalter'ist verpflichtet, dem Jeremias Gerechtigkeit zu zollen, ihn zu verherrlichen, ihm den Dank adzustatten, zumal wir Alle beklagen müssen : arw irma» Sie haben sich an ihm so schwer versündigt! Und wenn die - folgenden Zeiten, lue 2500 Jahre ihn desto mehr anerkannt, so. meine ich doch: 717 nn 771^7^2 "itth, N2^aN Aber Jeremias selbst würde uns lehren, und ihm wollen wir .willig folgen, daß es auch um seine Ehre sich nicht handelt, sondern einzig und allein Ihm unseren Dank darzubriugen, Ihn zu preisen, der . der Urquell aller Weisheit und auch der Prophetie ist, der auch unseren .. Jeremias mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat. Nichts Anderes wollte ich beim Schreiben, nichts Anderes sollt Ihr wollen, beim Lesen, als-das ganze Leben des Jeremias uns lehrt: vVN 77*7,*5)2 zu sein. Humanismus und ÜuinattWät. Bon Dr. Heinrich Groß. III. as Votum eines so gefeierten Hebraisten wie ReuHlin zu Gunsten des Talmud und der Juden fiel stark in die Waagschale und verfehlte seinen Eindruck nicht, rief, aber den .Zorn der Kölner Dominikaner hervor, welche in demselben geradezu eine Ketzerei erblickten und Reuchlin zur Verantwortung vor-ein geistliches Gericht citirten. Der Prozeß zog sich in die Länge. Er verlief in Mainz resultatlos, schloß in Speier mit der Freisprechung Reuchlins und wurde infolge der Appellation der Kölner Dominikaner nochmals in Rom verhandelt: wo er Anfangs eine für Reuchlin günstige Wendung nahm, endlich aber doch 1520 mit der Verdammung seines Gutachtens endete. Reuchlin hatte inzwischen den Hergang der ganzen Angelegenheit in seinem „Augenspiegel" dargelegt, der seine Gegner zu neuen Ausbrüchen des Zornes reizte. Pfefferkorns Schriften der -„Judenspiegel", „Handspiegel" und „Brandspiegel" zeigen uns das Bild des Neophyten, der durch den Haß gegen/seine früheren Glaubensgenossen sein neues Christenthum dokumentiren will. Der -/-Augenspiegel" Reuchlins dagegen zeigt uns das Bild des. Mannes, der sein ganzes Leben nur. der Wissenschaft geweiht und inallen seinen Forschungen nur die Wahrheit gesucht, hat. Die Wahrheit siegt am Ende doch. Der leidige Streit hat Deutschland in zwei Lager gespalten. Wir sehen aufder einen Seite die kirchlichen ^.Eiferer, die jede freie Meinun'gsiucherung verketzern. Es sind die / Repräsentanten des zur Neige gehenden Mittelalters. Ihnen gegent über stehen die Repräsentanten einer neuen Zeit, die Humanisten, >