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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-26 · Heft 48 (26.11.1897) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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eure'Gedanken" u. s. w., ruere Methode ist nicht meine Methode' Das-durste man sich gefallen lassen; denn nicht nur hat man diel Gutes und Schönes aus den Quellen geschöpft, was eigentlich nicht; darin war, sondern das Wort blieb ja an seiner Stelle Dl,222 22D und man durfte sagen bV pK* Schlimmer aber war es für die richtige Auffassung der biblischen Quellen, daß man sich dadurch gewöhnt -hatte, jeden 2DLfür sich zu betrachten, ihn ganz außer dem Zusanunenhang anzusehen, und so verlernte man einzusehen, daß die wahre Bedeutung doch nur aus der Beachtung des Ganzen, des Zusammenhängenden' zu gewinnen ist.' hat Man LN'N gewesen; den wirklichen Zusammenhang des'Ganzen und seinen Einfluß auf den Sinn der Theile hat man oft genug' außer Acht gelassen. Aber ebenso fehlt es deshalb an der Erkeiintniß eiuestheils der ganzen Werke, zum Beispiel einer Rede eines Prpoheten eines Psalmcs, dessen zusämmeuhüngcuden und nur im Ganzen verständlichen Inhalt man nicht erforscht hat. „ Und noch wichtiger ist in der ganzen älteren Littcrätur der Mangel, daß man nicht das Ganze einer Person, ihrer Stellung unb ihrer Leistung erforscht hat, Von den Verfassern-der Psalmen, des Hiob, u. s. tv. wissen wir sehr wellig; aber von den Propheten ist uns Vieles überliefert. Wir müssen jedes Bruchstück sammeln, jede Notiz, müssen, was wir von den Umständen und' Zeitverhältnissen, von den persönlichen Begebenheiten und Schicksalen erfahren, zusümmenstellen, lim uns ein Bild der Persönlichkeit zu schaffen. Das haben in neueren Zeiten die Verfaffer der Geschichte der Juden oder der Geschichte der Litteratur versucht. Dann aber fehlt uns noch Eins,, um eine vollkommene historische Auffassung und Einsicht zu gewinnen; bevor ich dies erörtere, muß ich einen allgemeinen-Gedanken voranschicken. - - Die Menschen schreiten in aller Kulturschöpfung, besonders auch durch Entwickelung der Erkenntniß, der Wiffenschaften fort. Alle Dinge der Natnr, die Vorgäilge im thierischen Leben, im menschlichen Wesen, in seiner äußeren und innereil Gestaltung, werden durch Nachdenken. Beobachtung. Zerlegung und Verbindung, durch Messen und Wägen und Rechnen genaller erkannt; die geistige Natur des Menschen, die Formen der Gesellschaft, des Verkehrs, der gemeinsamen Wirksamkeit in Recht lind Verwaltung und Kulturschöpfnug, in Erzeugung der Industrie und der Gewerbe werden durchschaut. Aus all dieser geistigen Arbeit sind mehr und mehr neue Wissenschaften entstanden. Und alle diese Wissenschaften sind in Verbindung mit einander; jede leistet der anderen wichtige Dienste, alle sind mit allen zu gegenseitiger Belehrung verknüpft. Alle Wissenschaften /schreiten fort, aber jede wesentlich durch die Erleuchtung, welche sie von anderen erfährt. Wie aber steht, es mit der Theologie und der Ethik, mit der Wissenschaft'vom Verhältuiß des Menschen zu Gott und zu anderen Menschen nach göttlicher Vorschrift? Viele behaupten seit langer Zeit, in der Beschränktheit ihres Geistes .und in ihrem Mangel an Einsicht: -die Wissenschaft von diesen Dingen" sei in'der heiligen Schrift überliefert; sie steht für ewige Zeiten fest, und ein Fortschritt sei weder möglich noch nöthig. Aber wir fragen: wie? alles Andere, Menschliche soll durch die geistige Arbeit der Gesammtheit, durch Zusammenwirken aller Theile verbessert, veredelt werden, und nur das Beste, das Höchste im Menschen, 'seine Religion und seine Sittenlehre sollen davon ausgeschlossen, sollen verurtheilt seiti, starr und stumpf stehen zu bleiben? — sollen von der Erleuchtung, von der Befruchtung dmch andere Wissenschaften keinen Gewinn ziehen? —der durch allerlei Wiffenschast -und - die Methoden geistiger Arbeit erleuchtete, aufgeklärte-Geist soll 'die biblischen Lehren und Worte nicht besser verstehen, als wer ungebildeten Geistes und. auf die biblischen Quellen allein angewiesen ist? Vor Allem müssen wir zur Beantwortung dieser Fragen die Thatsache' feststellen,' daß unsere Weisen, die -^22 darin-ganz anderer Ansichbwaren. JnunzähligenStellen des Talmuds und der Midraschim kehrt der Grundsatz wieder: daß 'jede Zeit nach ihrem- Wissen und Gewissen das Oesttz, die heilige Schrift auslegen, nach eigener Einsicht entscheiden soll: ONN 2^2 -s'N.I!' 2U82 Sie selbst haben vermöge ihrer geistigen Entwickelung und erworbenen Kenntnisse (die Mitglieder des Landeäi in sollten mehrere Sprachen verstehen!) fort und fort neue Gedanken geschaffen,, in biblische Worte, hineingelegt. Ich wist meine eigene. Meinung kurz aussprechen: ja, die biblischen Schriften, vor Allem die Thora, aber auch die Propheten und Psalmisten, die Denker und Dichter der biblischen Schriften enthalten ewige Wahrheit. — Aber diese ewige Wahrheit kann und soll immer klarer, deutlicher, Heller und herrlicher, immer reicher und tiefer erkannt, immer vollkommener dqrgestellt werden, wie das Vorbild der Heroen des Talmuds und Midrasch uns deutlich zeigt, denen wir hierin nacheifern sollen. Die Lehre, daß Gott der Schöpfer des Weltalls, daß er es mit Weisheit in höchster Zweckmäßigkeit und strenger Gesetzlichkeit geschaffen, ist eine der ewigen unabändellichen Wahrheiten der heiligen Schrift. Wird diese Lehre nicht durch alle Naturwissenschaft, z. Bdurch die - Astronomie, bestätigt, bereichert,, vertieft, geklärt und veredelt werden? Die Astronomie lehrt die Größe und die Bahnen der Gestirne, die Harmonie ihrer Bewegung kennen; erst solches Erkennen ist die wahre Anerkennung der Weisheit Gottes in seiner Schöpfung; was vorher nnr eine hohe, aber eine unbestimmte/und darum kraftlose Meinung sein konnte, ist durch die astronomische Einsicht ein erleuchteter, erwärmter und begeisternder Gedanke. — Darum hat auch Samuel — einer der hervorragendsten Rabbiuen'des Talmud — sich so sehr dem Studium dieser Wiffenschast ergeben, daß er von sich sagen konnte: ihm seien die Pfade des Himmels besser bekannt als die Straßen seines Wohnortes Nehardaa. v Und wenn der Prophet Jesaias seinen Zeitgenossen vorwirft, „daß sie dem, Zechgelage und dem Ergötzen hingegeben, die Werke Gottes nicht schauen", so gilt sein Vorwurf auch allen Denen, welche von der Erkenntniß der göttlichen Werke aus irgend einem Grunde sich abwenden, aus frommem, aber verkehrtem Eifer, aus falscher Delnuth und dergleichen mehr. — Haben denn jene Zecher und Sänger die Werke Gottes nicht gesehen? — Sie wußten doch auch, daß Sterne am Himmel stehen. Aber nicht mit den Augen blos, nicht dumpf und stumpf, sondern mit dem Geiste, mit der durch ausdauernde hingebungsvolle Arbeit der Wissenschaft stetig wachsenden Erkenntniß s soll man die Schöpfung Gottes betrachten, — dann erst findet das Gebot der Erkenntniß Gottes als des Schöpfers seine stetig wachsende und immer werthvollere Erfüllung. Und ebenso müssen wir alle Wissenschaften zu Hilfe rufen, welche im Stande sind, einerseits über die Gegenstände der Religion und der Sittenlehre uns aufzuklären, andererseits unsere Geisteskraft zu stärken und uns wichtige und fruchtbare Me thoden zu geben. Dann erst werden die Worte Ben Soma's zur vollen Wahrheit werden, wenn ^22 bedeutet : von den Männern der verschiedenen Wissenschaften. Zn den Wissenschaften, welche besonders berufen, sind, in den Dienst unserer religiösen und ethischen Erkenntniß zu treten, gehören besonders die Psychologie und die Völkerpsychologie.; Ich will kurz erklären, was diese Wiffenschaften bedeuten, und welche Aufgabe sie zu erfüllen haben. - :

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