Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
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569 und sinnbildlicher Handlungen sind zum Theil für ihn besonders charakteristisch. Vor allem aber ist er der tragische Held der Prophetie; in ihm kämpfen Ideen gegen Ideen und Ideen gegen die Wirklichkeit. Er, der gefühlvolle, weichherzige Mann, erlebt den grausigen ersten Untergang seines Volkes Jahrzehnte lang, bevor er eintritt, in seinem Innern. Er empfindet es mit grausamer Deutlichkeit, daß derselbe verschuldet ist, während sein Volk sich bis zum letzten Augenblick leichtfertiger Sorglosigkeit und Sittenlosigkeit hingiebt. Seine stete Gottergebenheit und Gottergriffeuheit steht in schreiendem Widerspruch mit der kalten Verrohung aller Gemüther, das mächtige Gefühl der inneren Würde seines Berufs in schneidendem Gegensatz zu der Schmach und Verfolgung, die er in Ausübung desselben erduldet. Und dazu kommen innere Gegensätze des eigenen Gedankeninhalts. Seine Liebe zur Vergangenheit und Tradition des Volkes sowie zu den messianischen Hoffnungen desselben auf der einen Seite, auf der anderen die kühne Forderung einer freien Fassung des religiösen Inhalts und seiner Entwickeluugsfähigkeit, seine Liebe zum Symbol und Kultus und die Furcht vor der Verkennung und Ueberschätzung desselben bei den Massen u. s. f. Dazu die grundverschiedene Auffassung der politischen Stellung und Aufgabe seines Volkes, hier auf Macht und Wohlleben gerichtetes Streben, bei ihm der alleinige Ehrgeiz, dieewigen Schätze religiöser Erkenntnisse zu fördern und zu vermehren, 311 hüten und zu verbreiten. Ueberhaupt aber ist die Prophetie Jeremias von zwei gewaltigen Ideen beherrscht, die als Krystallisatiouspunkte seiner Gedankenwelt bezeichnet werden können: Reinheit der Gotteserkenntniß und Sittlichkeit des Lebens, zumal des Volkslebens. In erster Hinsicht mag er schon bei der berühmten Reform des Josia mitthätig gewesen sein, deren Nachwirkungen nach berufenem Zeugniß bis auf unsere Tage reichen. Er ist der schärfste Redner gegen Veräußerlichung des Kultus, den Verbildlichuugstrieb der gemeinen Phantasie, vor allem aber gegen jede Uusittlichkeit im Dienste Gottes, wie sie in schamloser Form nur das Heidenthum, in mannigfachen feineren Formen aber auch noch die Gegenwart kennt. Und er dringt in zweiter Hinsicht auf Versittlichung des Volkslebens, des ganzen Lebens auch außerhalb des Gotteshauses. Gott soll als der Inbegriff der höchsten Sittlichkeit erfaßt, ihre Verwirklichung aber zum eigentlichen Lebensideal gemacht werden. Denn „der eigentliche Kern des jüdischen Gottesbewußtseins ist: Gott als Urbild und Vorbild der Sittlichkeit, als Gesetzgeber und als Vollstrecker derselben zu betrachten". Religion und Sittlichkeit sind da nicht mehr zu trennen. Jeremias findet die Formel für ihre Verbindung: nicht der Kult, sondern das ganze Leben soll „Gottesdienst" sein. Das Leben in der Wahrheit, in der Gerechtigkeit und Liebe! Diese Lebensrichtung soll nicht nur „auch diePolitik" des Volkes beherrschen, fonbern seine ganze Politik selbst sein. Und diesschon deshalb, weil diese Versittlichung gleichsam das historische'Prinzip oderdie historische Berufung Israels sei, sein immanentes Gesetz, sormulirt in den erhabenen Worten: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!" Ein heiliges Volk! In der Heiligkeit sieht nnser Prophet das oberste Gesetz Israels, und „Heiligkeit ist," so hören wir, „nach altjüdischen Begriffen, daß an die Stelle aller anderen Zwecke und Bestrebungen die sittliche Einheit und die sittliche Reinheit des Volkes als der eigentliche und wesentliche Zweck des Lebens tritt". Als „Volk" soll Israel sie anstreben, weil sie nur von und in der Gesammtheit erreicht werden kann, durch Niederringen ihrer gefährlichsten Feinde, des Hochmuths, der Selbstsucht, der Heuchelei, Falschheit und Verleumdung, und durch siegreiche Throncrhebung ihrer Schutzgeister: der Demnth, der Liebe und des Friedens. Wenn jemals Ideen im Kampfe geboren, vertheidigt und siegreich verfochten worden sind, so gilt dies von denen des Jeremias. Meisterhaft sind sie abgezeichnet, jene alten (und unsterblichen?) Gegner des Propheten, abgesehen von einer kleinen „stillen" Gemeinde,'waren es in seinen eigenen Tagen so ziemlich Alle. Jeremias kannte und nannte sie selbst mit Namen: die Könige und die Fürsten, die herrschsüchtigen Priester und falschen Propheten und selbst das Volk des Landes. Ja, auch das Volk war gegen Jeremias, obwohl er doch zumeist desien Wohlthäter. der Anwalt seiner unterdrückten Rechte war. Aber freilich, er verlangte zu viel von ihm; erbekämpfte ihre liebgewordenen Gewohnheiten, rüttelte sie aus moralischer Stumpfheit und geistiger Trägheit auf, geißelte sie ob ihrer niederen Sinnenlust; das war zu viel. Hat demnach aber auch vielleicht kein Prophet weniger greifbare Erfolge zu seinen Lebzeiten erzielt, so hat andererseits keiner mächtiger auf die Zukunft gewirkt. Die Katastrophe von 586, Jerusalems Einnahme durch Nebnkadnezar, die babylonische Gefangenschaft brachen seinen Ideen zuerst eine Gaffe. Esra und Nehemia führen in ihren Normen und Einrichtungen Geist vom Geiste Jeremias der Volksseele zu. Und seine Gedanken wirken lebendig noch in uns fort. So ergreifend daher auch sein sang; und klang-, ja wortloser Hintritt in die Ewigkeit war, er paßte zu seinem Leben; wie von Mose, gilt' von ihm: „man kennt seine Grabstätte nicht bis auf diesen Tag" — er ist nicht gestorben. Er war und bleibt einer der größten Gotteslehrer und Ethiker, nicht nur des Judenthums, sondern der ganzen Menschheit; ein Lehrer für Millionen, der System durch Ideen, Methode durch überwältigende, göttliche Intuition ersetzte. In Lazarus' Studie huldigt daher der Ethiker dem Ethiker. der Seelenkenuer einem der edelsten Menschen, dessen Seele „rein und schön" lind schon hienieden gottgestimmt war. Daß in einer Schrift von Lazarus auch, abgesehen vom Hauptthema, so manche verwandte Gebiete herangezogen und beleuchtet werden, sichlüberhaupt aus jeder Seite bedeutende Ausblicke eröffnen und überraschende Aufschlüsse finden, bedarf wohl kaum des Hinweises. Der „Jeremias" ist überreich daran, nicht nur in den besonderen Anmerkungen, sondern auch in der Abhandlung selbst. Wohin unser Meister mit der Fackel seiner Weisheit leuchtet, da wird es hell, und der Zauber des lichtvollen Stils und der alles überwindenden Beredsamkeit thun das ihre, um auch bei dem einfachsten Manne Interesse und Verständniß zu erwecken. Der „Jeremias" des Professor Lazarus, damit möchten wir schließen, ist in seinem allgemeinen Theile die schönste Beleuchtung des Problems der Prophetie und in seinem speziellen die liebevollste Würdigung des Propheten Jeremias, die beide vielleicht je in dieser edelsten populären Form und im Rahmen einer Studie gefunden haben. Vorrede?«r hebräischen Vebrrsehnng des Jeremias. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. f ie Pietät, die Liebe zu den Worten der heiligen Schrift hat die Folge gehabt, daß die Juden späterer Zeit alle eigenen Gedanken in dieselbe hineingetragen haben; jede neue, feine, höhere Eilisicht hat man au die Worte der Schrift angeknüpft, deshalb hat man auch oft genug Ideen, welche dem Urheber der Worte fremd waren, hineingelegt; wenn es hieß Yn"n oder n"Üw7 hat man solches angebracht, woran der Verfasser nie gedacht hat, und die Thora, 'die Propheten konnten oft genug sagen: „Meine Gedanken sind nicht