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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-26 · Heft 48 (26.11.1897) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 ersprießliche Thätigkeit, unterstützt neu entstehende jüdische Elementarschulen, hilft den unbemittelten Besuchern der verschiedensten Lehranstalten und bietet in den verschiedensten Publikationen werthvoll'e Materialien zur Geschichte der Juden, in Rußland. Auf der Nischni- Nowgoroder Ausstellung war die Gesellschaft in einem eigenen Pavillon vertreten. Sie hatte Daten über 515 jüdische Lehranstalten gesammelt, eine reiche Kollektion von Büchern über Religion und alle Zweige der jüdischen Geschichte und Litteratur ausgestellt und zeigte ein anschauliches Bild der erfolgreichen Thätigkeit der jüdischen Handwerks- und landwirthschaftlichen Schulen u. s. w. Dem Zarenpaar durfte die Gesellschaft einen Abriß der Geschichte ihrer Thätigkeit (1864 bis 1896) darbringen sowie verschiedene ihrer letzten Publikationen, darunter eine „Zusammenstellung von Materialien über die Geschichte der Juden in Rußland (Regesten und Inschriften)". Man darf dieser Gesellschaft wohl auch fernerhin Dlüthe und Gedeihen wünschen. Wir haben in der letzten Zeit oft von einer gewissen Rührigkeit bei der Sekte der Karäer zu berichten gehabt. Die Seele aller Agitation ist der Chacham Pampulow in Eupatoria, der von dem Ehrgeiz beseelt ist, eine Regeneration dieser dem Untergang verfallenen Sekte zu bewirken. Er ist nun dabei auf folgende ingeniöse Idee verfallen, zu deren Propaganda er sogar ein hebräisches Blatt begründen will. Bekanntlich giebt es in Rußland selbst etwa 43 karäische Gemeinden, die sich aber natürlicherweise ständig vermindern, da die Zahl der Mädchen weit die der jungen Männer übersteigt, und diese zudem oft nicht einmal heirathen. Diese Gemeinden und einzelne reiche Wohlthäter haben nun einen Fonds zusammengebracht, aus dem jedes Mädchen eine Mitgift von 600 Rubeln erhalten soll. Außerdem petitioniren sie an die Regierung, daß dieselbe jedem Talmudjuden, der ein karäisches Mädchen heirathet, die Rechte der Karäer verleihen inöge. Man weiß, was das zu bedeuten hat: die Karäer sind emanzipirt in Rußland und die Talmudjudeii so bedrückt wie möglich. Es fragt sich nur, ob die Regierung auf diese Transaktion eingehen, und selbst für diesen Fall, ob die russischen Rabbiner solche Ehen billigen werden. Das Letztere erscheint uns so gut wie ausgeschloffen. Prof. Lazarus über den Propheten Jeremias. Bon Dr. S. Samuel-Essen. elten mag ein litterarisches Werk mit solch freudiger Spannung erwartet worden sein als die „Ethik des Judenthums" von unserem allverehrten Meister Professor Dr. Lazarus, deren baldiges Erscheinen nunmehr angekündigt ist. Man ahnt, daß inan es da mit einem litterarischen Ereigniß zu thun hat, bei dem Philosophie; und Theologie, Rechtswissenschaft und selbst Politik betheiligt sind, mit einem Standard work ersten Ranges, in dem der Berufensten einer die Summe langjähriger Geistesarbeit niederlegt. Schreiber dieses hatte denBorzug, gelegentlich eines Besuches in dem Gelehrtenheim zu Schöuefeld, den Verfasser sich über sein neues Werk verbreiten zu hören. Statt aber mit verfrühten Andeutungen über dasselbe hervor-' zurücken, möchte er jetzt gerade auf die letzte Veröffentlichung Lazarus', einen Vorläufer der Ethik, zurückgreifen, auf das Schriftchen „Der Prophet Jeremias" (Breslau, bei Schottländer 1894), das soeben in vorzüglicher hebräischer Uebersetznng von R. Brainin, dem rühmlichste bekannten Schriftsteller, im Verlage des Achiassaf in Warschau erschienen ist und zwar mit einem Vorwort, das in der Originalniederschrift diesem Artikel folgt. Das Buch kann in mehr als einem Punkte als eine Art Einführung in die Lazarus'sche Ethik und Religionsphilosophie gelten. Man wird nicht erwarten, daß uns Lazarus eine rein biographische Skizze des Helden entwirft, das Problem ist, kurz gesagt, psychologisch, genauer, völkerpsychologisch gefaßt. Wir sollen das reiche Seelenleben des Propheten verstehen und die Prophetie selbst als die Seele des altjüdischen. Volkslebens kennen lernen. Und zwar geht unser Verfasser von dem letzteren aus, um durch Darlegung seiner Meinung über dieses wichtigste Grundproblem aller jüdischen Religionswissenschaft den Weg zum Verständniß jener bedeutenden weltgeschichtlichen Persönlichkeit zu bahnen., Prophetie darf nach Lazarus vor allem nicht verwechselt werden mit Mantik, d. i. Wahrsagerei, Vorausverkünden der Zukunft. Hatte sie in ihrer Urform etwas hiervon an sich, so hat sie sich doch bald darüber erhoben und in ganz anderer Richtung entwickelt. Prophetie ist Mahnung und Warnung aus innerer.sittlicher Nöthigung des Mahners heraus und zum Zwecke sittlicher Läuterung und Hebung. Während das heidnische Orakel eine unabänderlich feststehende Zukunft zu enthüllen sich anheischig macht, nur eben in geheimnißvoll dunkler, meist zweideutiger Form, legt der israelitische Prophet, der in seinen Warmmgen freilich auch ahnungsvoll droht und häufig Unheil kündet, die Entscheidung über die Zukunft in die Hand des freien, zur sittlichen That aufgerufenen Menschen. Der israelitische Prophet muß demnach auch ganz anders beschaffen sein als der heidnische Seher. Ihn muß sein Beruf gleichsam überwältigen, mit übermenschlichem Muthe und ungewöhnlicher Sittenstrenge, Wahrhaftigkeit und Offenheit ausrüsten. Er sott ja das lebendige Gewissen des ganzen Volkes darstellen, das unablässig für sich und die Gesammtheit arbeitet. In sich versunken, oft zum Gebet gesammelt, hat er doch den Blick auf die Wirklichkeit gerichtet zu halten, mit den politischen Verhältniffen seines Volkes, ja mit der ganzen Weltlage vertraut zu sein! Und den Ehrennamen des Propheten wird er auch dann erst vollends erworben haben, wenn sich ihm aus der kritisirenden die erbauende, aus der zerstörenden die schöpferische Thätigkeit ergeben hat, wenn er neue, unerhörte Gedanken, die seinem ringenden Geiste immer klarer sich enthüllen, aus sich heraussetzt, die zu Maximen und Grundsätzen zu werden bestimmt sind, die Gesetzgebung im Einzelnen beherrschen, kurz in alle Zeit und Ewigkeit lebendig fortzuwirken geeignet erscheinen. Dann ist es auch klar, mit welchem Rechte ein solcher Prophet, und Jeremias war, abgesehen von Mose, wohl der bedeutendste Typus desselben, seine Sendung und Berufung auf Gott selbst zurückführen kann. Mit demselben Rechte als etwa der Dichter, der Künstler überhaupt sich gottbegeistert, gotterleuchtet fühlt und nennt. Der Prophet, weit entfernt, Gott das Geheimniß der Zukunft entreißen zn wollen, hat dennoch die innere Gewißheit, daß, wenn nicht alle, so doch gerade seine reinsten, höchsten, freiesten, „unpersönlichsten" Gedanken ihm nur von Gott allein gekommen sein können. „Jeremias," sagt Lazarus, „hatte das Bewußtsein, daß eine höhere'Macht in ihm wirkte, und wie alles Große und Gute nur auf Gott weisen konnte, so gab es keinen anderen Namen dafür, als daß Gott in ihm und aus ihm redete." Diese innere Bezeugung für die Prophetie und die göttliche Offenbarung innerhalb des jüdischen Volkes überhaupt möchte wohl bedeutsamer als alle äußere, überzeugender als alle supranaturalistische sein?! Nach dieser allgemeinen, grundlegenden Erörterung weist Lazarus dem Jeremias die ihm in der Geschichte der Prophetie zukommende besondere Stelle an. Sprache unb Stil, Ausdrucksmittel und Schmuck der Rede, die Verwerthung der Symbole

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