Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die „Krenzzeitung"; als eiueit guten- Konservativen. Aber wer hat überhaupt den Antisemitismus großgezogen, wenn nicht die konservative Partei? Wie wurden . nicht auf Tivoli Antisemiten und Christlich-Soziale bejubelt? Vergebens war gewarnt worden, der Ruf Gegen die Inden" werde, schnell eine Ergänzung erfahren: „Gegen Inden und Junker!" Man glaubte auf der Rechten, den?lntisemitismus als Vorspann benutzen zu können; er sollte Mittel zum Zwecksein. Aber die Konservativen haben sich in. Herrn Liebermann von Sonnenberg ebenso getäuscht wie in Herrn Stöcker und Herrn Förster. Mit dem Kampf gegen die Juden ist es ziemlich vorbei; denn ein Jegliches hat seine Zeit. Das ist die Ironie der Geschichte. Indem die konservative Partei demagogische Strömungen begünstigte, um sie für die eigenen Mühlen auszunutzen, hat sie ihr Haus untergraben. Antisennten, Christlich-Soziale, Deutsch-Soziale, National-Soziale, Vündler, sie alle sind > von konservativem Boden ansgegangen, ihre Wurzeln führen allesammt nach der Rechten zurück. Mit diesen Bewegungen ist es der konservativen Partei gegangen wie dem Fürsten Bismarck mit der Sozialdemokratie. In ihren Anfängen ' glaubte er sie brauchen zu können. Aber ein solches Spiel ist gefährlich. Die dunklen Triebe waren später bei den Antisemiten und Christlich-Sozialen ungefähr dieselben wie ehedem bei den Sozialdemokraten; aber die Konservativen glaubten es noch einmal versuchen zu sollen; sie wollten den Liberalen sowohl wie den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nehmen, indem sie das antisemitische und.christlich-soziale Banner flattern ließen. Gegen die Juden, das sollte so viel heißeil wie gegen „die reichen Kerls"; so drückte sich schon vor achtzehn Jahren einer der politischen Pastoren im Kreise Beeskow aus. Aber weiß man erst den Haß gegen „die reichen Kerls" anzustacheln, hält man derlei Mittel im politischen Kampfe für gerecht, so wird schließlich nicht gefragt, ob das Geld ans dem Handel oder dem Grundbesitz stammt, ob der Reichthum in christlichen oder jüdischen, in nrgermanischen oder semitischen Händen ist.' Denn dieser Haß, so wenig wie der Besitz, kennt eine. Konfession oder Rasse. & Eilte interessante Gerichtsverhandlung hat in dieser Woche in Riesenburg in Westpreußen stattgefunden. Man schreibt uns darüber: „Dem jüdischen Kultusbeamten Lewithan von hier war am 8. Oktober d. Js. von der hiesigen Polizeiverwältung eine Strafverfügung über 5 Mark oder 1 Tag Haft zugestellt worden, weil er in Uebertretung des § 360 Nr. 8 des Strafgesetzbuches am 8. Juni d Js. bei einem jüdischen Begräbniß unbefugter Weise die Arntskleidyng der evangelischen Geistlichen angelegt hat. Hiergegen hat Herr Ldwithan auf richterliche Entscheidungangetragen. Zur Beurtheilüng der Sache warf der Gerichtshof die Fragen auf: „Ist der von den evangelischen Geistlichen getragene Ornat als eine Amtskleidüng im-Sinne des Gesetzes anzusehen?" 2. „Ist dieselbe bestimmt vorgeschrieben?" und 3. „War die von dem Angeklagten benutzte Amtstracht mit der ersteren identisch?" Obgleich Herr Lewithan zugab, denselben Ornat getragen zu haben, welchen er bei Verrichtung seiner gottesdienstlichen Amtshandlungen in der Synagoge trägt, auch nicht bestritt, daß derselbe der Amtskleidung der evangelischen Geistlichen ziemlich ähnlich fei, erkannte der Gerichtshof nach langer Beratung auf Freisprechung und Uebernahmeder Kosten auf die Staatskasse. In der Begründung des Urtheils wurde hervorgehyben, daß die evangelischen .Geistlichen nicht , als Beamte im Sinne des Strafgesetzbuches anzusehen seien, und obgleich in einer früheren Kabinetsordre die Amtstracht für die evan gelischen Geistlichen bestimmt vorgeschrieben ist, so fehlt doch in der betreffenden Kabinetsordre jede St^fandrohung gegen solche Personen, die etwa dieselbe Kleidung anlegen oder sonstwie gegen die Bestimmungen verstoßen." Aus dem Lager der galizischen Antisemiten brachten . österreichische Blätter jüngst einen Bericht, der wieder einmal lebhaft an die Geschichte von Bileam erinnert, die sich ja int Leben der. Inden so oft wiederholt hat. Es heißt dort: „In der katholischen Lesehalle, dem Bereinigungspunkte der polnischen Antisemiten, wurde im Verlaufe einer längeren Debatte der Umstand hcrvorgehoben, daß die hier von Antisemiten ins Leben gerufenen exclusiv christlichen Institute und Vereine bei der Lieferung verschiedener Bedarfsartikel und bei Arbeiten die Mithilfe von jüdischen. Gewerbetreibenden und jüdischen Arbeitskräften in bedeutendem Maße in Anspruch nehmen. : Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens führte der Präsident der katholischen Lesehalle, der Professor des Polytechnikums, Thullie, an, daß sich die Juden in den betreffenden Fällen leistiingsfähiger und in den Preisanfordernngen bescheidener als andere Bewerber erwiesen haben." - Also die Antisemiten kaufen bei den Juden, weil diese leistungsfühiger und bescheidener sind!—Sodann gelangte die an den Reichsralh und an den Polen-Klub gerichtete Eingabe der jüdischen Rechts- Praktikanten Galiziens wegen systematischer Ueb.rgehnng jüdischer Kandidaten bei Besetzung der Richteramtsstellen im Lemberger und Krakauer Ober-Landesgerichtssprengel zur Diskussion. .Dieselbe bewegte sich im Sinne der Ausführungen des Wiener Vice-Bürgermeisters Dr. Nenmayer, und man verwies auf den Fast, daß ili der ostgalizischen Ortschaft Belz ein Bauer sich geweigert habe, den Eid vor einem jüdischen Richter abzulegen,. wofür ihm im Disziplinarwege eine Arreststrafe anferlegt worden sei. Erst in Folge der Intervention ches Advokaten Dr. Filipowskl habe man es dnrchgesetzt, daß jenem Bauer von einem christlichen Richter der Eid abgenommen wurde. Nun bezeichnten aber einige Redner als „beklagenswerth" die Rückwirkung der in Galizien, Dank der Baron Hirsch'schen Stiftung bestehenden Gewerbeschulen auf die christliche Bevölkerung. „In einigen Ortschaften werden diese" Schulen auch von der christlichen Jugend besucht; im Sassow zum Beispiel beziehen aus dem Stiftungsfonds des Baron Hirsch auch christliche Schüler Unterstützungen in Lehrmitteln und Kleidungsstücken, ja sogar in barem Gelbe, und der katholische Katechet nehme aus diesem Fonds eine Remuneration für die Ertheilnng des Religions-Unterrichts an die christlichen Schüler der Hirsch'schen Lehranstalt an, was wohl kein Verbrechen sei, aber für Katholiken unpassend erscheine." - Klingt das nicht prächtig? Der Schluß des Berichts ist allerdings weniger amüsant, denn dort heißt es wörtlich: „Gajewski beantragte, an die hervorragenderen Advokaten des Landes ein Questionnaire über die Inanspruchnahme jüdischer.Richter bei der Eidesabnahme christlicher Parteien zu versenden, damit auf Grund der so gesammelten -Daten gegen die erwähnte Eingabe derjüdischen Rechtspraktikanten Stellung genommen werde. Professor Thullie versprach namens des Bereinsvorstandes, die Sache in Erwägung zu ziehen, wiewohl in Galizien, wie er hinzufügte, glücklicherweise nur wenige Juden Richterstellen bekleiden. . Zum/ Schluffe wurde der Ebeuhoch'sche Schulantrag besprochen.und.als eine erfreuliche Thatsäche dargestellt, daß in Lemberg in den unteren Klassen des Franz-Josephs- Gymnasiums und der Realschule schon jetzt die jüdischen Schüler in ' eigenenParallel-Abtheilungen von ihren christlichen Mitschülern abgesondert werden, was aus pädagogischen und ethischen Rücksichten in allen Mittelschulen durchzusühren wäre." * . f In Rußland'besteht seit Jahren die „ Gef e l lschaft zur V erbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland", deren Mitglieder über das ganze Reich, zerstreut sind. Zu Ende des , Jahres 1896 zählte die Gesellschaft 2174 Mitglieder, eine verhältnißmüßig sehr bescheidene Ziffer für die zahlreiche jüdische Intelligenz .! in Rußland. Trotz ihrer, nicht großen Mittel — die vorjährige Bilanz betrug 138806 Rubel — entfaltet die Gesellschaft eine.sehr