Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 47. KerUn, 19. November 1897. /Werkage zur „Attgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch land. L2 Berlin, 15. November. Am Sonntag den 14. d. Mts. fand im Gotteshause der Reformgemeinde eine Trauerfeier für den Heimgegangenen Vorsteher dieser Gemeinde, Stadtrath G. Borchardt, statt, an der sich außer den Leidtragenden und den Vertretern der Körperschaften und Vereine, denen der Verstorbene angehörte, auch zahlreiche Gemeindemitglieder betheiligten. Die Predigt hielt Herr Dr. Klemperer, der in geistreicher und tief ergreifender Weise ein Bild des Heimgegangenen, seiner Vorzüge und Tugenden, anknüpfend an den Wochenabschnitt, entwarf. Mit Chorgesang fand die erhebende Feier ihren Abschluß, durch welche die Gemeinde ihren verstorbenen Vorsitzenden in würdiger Weise geehrt hat. — In der letzten Sitzung der Gemeindekollegien wurde der bisherige zweite Vorsitzende Herr Rudolf Mosse zum ersten und Herr Rechtsanwalt Hermann Stern zum zweiten Vorsitzenden der Gemeinde gewählt. Letzterer ist ein Enkel des verdienstvollen Begründers der Reformgemeinde, des Dr. Siegmund Stern s. A. ei. Berlin, 15. November. Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld aus Schwerin-Meckl. hielt in der letzten Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner Hierselbst auf Einladung einen Vortrag über das Thema „Die Sprache der Bibel und die Sprache der Schule". Der Vortragende wies auf die vielfachen Schwierigkeiten im biblischen Geschichtsunterrichte hin und auf die Verantwortlichkeit desselben in heutiger Zeit, daß derselbe nütze und nicht gar noch schade, daß er die nöthige Ehrfurcht vor dem Gottesworte zeige und erwecke. Die allgemein gütigen Grundlehren der jüdischen Religion und aller Religion seien in lichten, klaren und verständlichen Worten in der Bibel niedergelegt, so das Wort, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes erschaffen sei. Doch es gebe verborgene Stellen,^ über die man nach Vorschrift der Bibel selbst nachsinnen müsse. Und diese seien nach dem Geiste jener lichten Worte in frommem Sinne zu erklären. Darum sei das vielfach empfohlene Bibellesen in der Schule nicht angängig, es seien nicht einmal wenige Seiten nach einander ohne Anstoß zu lesen. Die Bibel sei nicht „kindlich und naiv", auch wo sie es erscheine, oft in den einfachsten Erzählungen verfolge sie die ernstesten Absichten. Die Männer der großen Synagoge hätten, als sie die Bücher vor der Zusammenstellung im Kanon geprüft hätten, nicht Kinderfibeln sammeln wollen und dabei etwa nur auf allgemeine Faßlichkeit gesehen. Mit geschichtlichem und mit zwischen der Sprache der Poesie und der Prosa unterscheidendem Sinne müsse man an die Darstellungen der Bibel herantreten. Heiße es doch im Talmud selbst: Jesajah, der Königssohn, habe in einer anderen Sprache geredet als Amos, der Hirt. Die Religionslehrer sollten sich in richtiger Würdigung des den Erzählungen und Reden der Bibel zu Grunde liegenden Sachverhalts auch nicht solche Mühe geben, den Kindern zu zeigen, wie entartet das Volk Israel gewesen, das der Prophet Jesajah doch ein gerechtes Volk nenne; es wäre dies ja auch ein Armuthszeugniß für unsere Religion, welche gerade die erziehliche Wirkung an ihren Bekennern und nicht Glaubens- und Bekenntnißsormeln wolle. Auch die Heroen der Bibel, wie etwa Jakob und Salomo, müsse man sich hüten, vor den Kindern in unrichtiger Auffassung der biblischen Darstellung herabzusetzen. Auch manches gesetzliche Wort werde vom Talmud dem richtigen Sinne nach, nicht buchstäblich genommen, so das Wort „Auge für Auge . . ." mehr als Rechtssprichwort als wie der Ausspruch des rohen Talionsprinzips aufgesaßt. Im Anschluß daran erklärte der Vortragende das zweite Bundeswort, zweiter Theil. Er erläuterte seinen Vortrag durchweg an Beispielen mit Aussprüchen des Talmuds und religionsphilosophischer Schriften. Zum Schluß gab er methodische Anregungen, insbesondere wie in den untersten Klassen der Religionsunterricht ertheilt werden soll. An den Bortrag schloß sich eine Diskussion, die wegen der Kürze der Zeit das wichtige, umfangreiche Thema nicht erschöpfend behandeln konnte. 8. Berlin, 10. November. Die vom „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" einberufene öffentliche Versammlung fand heute in dem Saal des Hotel Arnim statt. Das Thema des Vortrages, den Herr Rabbiner Dr. Vögelst ein aus Stettin übernommen hatte, lautete: „Gegen den Zionismus". Schon lange vor der festgesetzten Zeit hatte sich der Saal gefüllt, und zwar hauptsächlich mit Zionisten. Noch bevor dem Redner vom Vorsitzenden, Dr. H. Veit Simon, das Wort ertheilt war, wurde von den Zionisten in stürmischster Weise das Verlangen nach einer Diskussion ausgesprochen, die jedoch vom Vorstand abgelehnt wurde. Infolgedessen versuchten die Gegner, die zumeist ganz junge Leute waren, in jeder nur möglichen Weise den Vortrag zu stören. Als Dr. V. im Anfang seines Vortrages mit Begeisterung das Lob Zions sang, da wandelte sich das Toben in ein vielstimmiges Bravo, von dem man allerdings nicht entscheiden konnte, ob es ironisch oder aufrichtig gemeint war. Das höchste Stadium erreichte der Tumult, als der Vortragende' in der Darstellung der Entwickelung der zionistischen Bewegung auf die Ansichten Dr. Herzls zu sprechen kam, deren praktische Verwerthbarkeit er in klaren Zügen in Abrede stellte. Bei dem Namen Herzl wurde von den Zionisten ein jubelndes Hoch auf diesen ausgebracht. Der Vorsitzende, dessen gütigem Zureden es nicht gelang, den Sturm zu besänftigen, sah sich nunmehr veranlaßt, die Sitzung auf kurze Zeit abzubrechen. Nur mit großer Mühe gelang es schließlich, die Ruhe so weit herzustellen, daß Dr. Vogelstein seinen Vortrag zu Ende führen konnte, dessen Resumä dahin ging, daß die zionistische Idee aus Gründen der Politik und aus patriotischen Rücksichten nicht realisirt werden könne. Der wohlverdiente Beifall, der dem Redner für seine in Ruhe und strenger Sachlichkeit gegebenen Ausführungen gezollt wurde, vermochte leider nicht gegen die überlauten Mißfallsäußerungen der Gegner aufzukommen. Wir bedauern die geschilderten Vorgänge im Interesse des Judenthums auf das Lebhafteste. Berlin, 16. Nov. Der Bericht über den Verein Mädchenhaus Pankow vom 1. Oktober 1596 bis 30. September 1897 ist eben an die Mitglieder und Freunde des gedeihlich sich entwickelnden Instituts versandt worden. Derselbe enthält zunächst einen warm empfundenen Nachruf auf den in diesem Jahre uns 'entrissenen Justizrath Makower, der auch der Begründer dieser Anstalt war. Aus den Nachrichten über das Vereinsjahr entnehmen wir folgende Mittheilungen im allgemeinen Interesse: Im verflossenen Jahre hat sich ergeben, daß die vorhandenen Räumlichkeiten für die allmälig wachsendeZahlderZöglinge nicht ausreichten. Der Vorstand entschloß sich deshalb, den beabsichtigten Umbau vorzunehmen, der jetzt soweit gefördert ist, daß der Umzug in die neuen Räume für Anfang des nächsten Jahres wird erfolgen können. Der Neubau enthält im Erdgeschoß das Schul- und Arbeitszimmer, im ersten und zweiten Stock die Schlafräume. Die Baukosten sind noch nicht vollständig aufgebracht. Durch das freundliche Angebot eines Mitgliedes war es allerdings möglich, vorläufig die Kosten zu decken. Es fehlen aber, abgesehen von dem nur vorschußweise gewährten Betrage von 7000 Mark, noch mindestens weitere 8000 Mark, so daß für den Bau im Ganzen noch 15 000 Mark aufzubringen sind. Es ist zu hoffen, daß die Mitglieder und Gönner, wie bisher, auch in diesem Falle geneigt sein werden, den Verein mit reichlichen Mitteln in seiner Arbeit zu unterstützen. Durch die Erweiterung des Hauses ist nunmehr Raum für 40 Mädchen. Bisher sind nur 16 ausgenommen, und die Mittel reichen nicht, um diese Zahl auf mehr als höchstens 20 zu erhöhen. Es ergeht deshalb die Bitte an alle Leser, dem Verein beizutreten und an alle Mitglieder, neue jährlich beitragende Mitglieder für diesen Verein zu werben, der Mindestbeitrag beträgt 5 Mark jährlich. Im Ganzen waren während des letzten Jahres (1. Oktober 1896/7) zwischen 17 und 18 Zöglinge im Hause Hiervon schieden durch Eintritt in Dienststellungen 3 Mädchen, wegen Krankheit 1 Mädchen und auf Verlangen der Eltern-^ein Mädchen aus; die Plätze der Ausgeschiedenen wurden sofort wieder besetzt. Die Gesammtkosten der Verwaltung haben, bei