Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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564 „Ihr habt es errathen," antwortete Nathan, „ich komme von Euch eine Gunst als Belohnung zu erbitten, die Ihr mir nicht abschlagen werdet. Seid mein Gast bei meiner Hochzeitsfeier, die übermorgen begangen wird. Das ganze Dorf wird zugegen sein. Welche Ehre für einen Juden, einen Herrn, wie Ihr seid, als Hochzeitsgast zu empfangen." „Elender Jude! Du bist wahnsinnig geworden. Du Dich verheirathen? Habe ich es Dir nicht verboten? Ich, Dein Herr!" „Mein Herr? Das seid Ihr nicht mehr! Nicht mein Herr und nicht der irgend eines Anderen. Das ist unwiederbringlich vorbei." Mit diesen Worten verließ er den Grafen, dessen Wuth keine Grenzen kannte. Er hatte wohl von harten Maßnahmen gehört, die gegen ihn und seinesgleichen ergriffen werden sollten, hatte aber nicht geglaubt, daß der Augenblick schon gekommen war, und noch immer auf einen Zufall gehofft, der das Geschick von ihm und den Anderen abwenden würde. Nun hörte er aus dem Munde des Juden sein Urtheil gesprochen, er vernahm im Voraus den Jubel, der bei der Nachricht von dem Ende feiner stolzen, übermüthigen Herrschaft losbrechen würde, sah schon die schadenfrohen höhnischen Blicke feiner früheren Unterthanen auf sich gerichtet. Es war an der Thatsache nicht mehr zu zweifeln, als am dritten Tage der Rabbiner von Hechingen Nathan und Rahel zu einem Ehepaare verband. Im ganzen Dorfe herrschte die ausgelaffenste Freude, überall Tanz und Spiel und Theilnahme an dem Glücke der Neuvermählten, nur nicht im Schlöffe des Grafen. Er wollte von den munteren Tanzweisen, die bis in sein Schloß drangen, nichts hören; sie klangen in seinen Ohren wie die Posaunentöne des jüngsten Gerichts und machten sein Herz erstarren. Ein plötzlicher Tod traf ihn, eine solche Demüthigung konnte er nicht überleben. Die Kunde von seinem Hinscheiden wurde im ganzen Dorfe ohne Mitgefühl und Bedauern ausgenommen. und keiner seiner Unterthanen, am wenigsten Nathan Goldenberg, weinte ihm am Grabe eine Thräne nach. Kprerffscral. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie haben in Ihrer Nummer vom 29. Oktober 1897 einen Artikel von Emanuel Baumgarten gebracht, der sich: „Jüdische Politik" nennt, und der, ohne den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu nennen, im Wesentlichen nur eine Bekämpfung der Zwecke und Ziele des Vereins bezweckt. Durch die Aufnahme in Ihrem geschätzten Blatte hat der Artikel eine über seinen Inhalt hinausgehende Bedeutung erhalten, und da er abgedruckt ist, ohne daß die Redaktion zu ihm Stellung genommen hat, so sei es mir gestattet, mich in aller Kürze mit ihm zu befassen. Herr Baumgarten will, wie er sagt, „geradeaus der Frage auf den Leib gehen, ob es eine jüdische Politik giebt?" Nachdem er eine fast zwei Jahrtausende andauernde Vergewaltigung der Juden konstatirt hat, finvet er nicht genug Worte der Klage, daß zur Abwehr antisemitischer Unthaten die Schaffung jüdisch-politischer Vereine beliebt worden sei, denn dadurch werde das Feuer wilden Antisemitenhasses zur mächtigen Flamme angefacht. „Welche Wirkung hätte es jedoch machen müssen," sagt Herr Baumgarten, „wenn nichtjüdische Männer mit weit hinaustönenden Namen und in hervorragender Lebensstellung an die Front der Bertheidiger des arg attackirten Rechts sich gestellt hätten, und wie armselig, wenn nicht gleich Null, mußte der Effekt bleiben, den diese Vereine zu Wege brachten." Ich frage: Wo war nun Herr Baumgarten in den letzten zwanzig Jahren? Weiß er denn nicht, daß sich solche nichtjüdischen Männe mit weit hinaustönenden Namen und in hervorragender Lebensstellung vor dieFront gestellt haben und daß die Juden zur Selbstvertheidigung sich erst zusammengeschaart haben, als jene Hilfe edelgesinnter Christen sich als nicht wirkungsvoll genug erwies, um die antisemitische Bewegung aufzuhalten oder einzudämmen? Nachdem infolge der Zeitläufte das Häuflein nichtjüdischer Männer immer mehr zusammengeschmolzen war, bedurfte es vor fünf Jahren nur eines zündenden Funkens, um in Tausenden deutscher Juden die Begeisterung für den Gedanken zu wecken, daß wir selbst einzustehen haben für unsere Religion, unsere staatsbürgerlichen Rechte, unsere Ehre und unsere Persönlichkeit. Hätte der Centralverein bisher nichts anderes zu Wege gebracht, als in den deutschen Juden Stolz und Selbstbewußtsein zu wecken, so wäre das Verdienst genug. Seit die Juden sich massenhaft um die Fahne der Selbstvertheidigung schaaren, ist die Sprache in antisemitischen Versammlungen und der antisemitischen Presse eine andere geworden, und in zahllosen Fällen ist dem bedrängten Rechte Recht geworden. Wenn Herr Baumgarten den Effekt des Centralvereins auf Null taxirt, so können wir mit ihm nicht rechten, denn wir kennen seine Taxprinzipien nicht. Herr Banmgarten scheint anzunehmen, daß der Centralverein nur geschadet, „das Feuer wilden Hasses erst zur mächtigen Flamme angefacht hat". Aber Herr Baumgarten übersieht, daß der Centralverein ja erst seit 5 Jahren besteht, und er wird doch nicht zu behaupten wagen, daß in dieser Zeit die offene Flamme antisemitischen Feuers größer geworden ist. Um Herrn Baumgartens Gnade zu finden, hätten wir also ruhig bleiben und die Hände in den Schooß legen sollen? Beileibe nicht! „Damit ist," sagt Herr Baumgarten selbst, „beileibe nicht gesagt, daß man die Hände in den Schooß legen soll. Nichts wäre verfehlter als das; nicht blos ein Recht, sondern eine Pflicht ist es, gegen seine Angreifer sich zur Wehr zu setzen. Will man nicht von den Wölfen gefressen werden, „darf man sich nicht zum Schafe machen; aber in einem solchen (!) Falle gebietet es der gesunde Menschen (!) verstand, vorerst seine Kräfte zu messen und bei ungünstigem Befunde willig die Hilfe anzunehmen, die anderseitig winkt." Wir müssen solchen nichtjüdischen Kandidaten zum Siege verhelfen, deren Freisinnigkeit und Gerechtigkeitsliebe keinem Zweifel unterliegt." Nein! Wenn das die Meinung des Herrn Baumgarten ist, weshalb der ganze Artikel, warum ärgert er sich denn da so über die sogenannte jüdische Politik des Centralvereins, der da doch im Grunde genommen nichts anderes thut, als was Herr Baumgarten vorschlägt. Daß der Centralverein ein jüdisches „Centrum" nicht schaffen will und kann, hat er doch oft genug betont. Hat Herr Baumgarten sonst keinen anderen Grund zum Aerger als die makant aufdringliche Weise, mit der die in Rede stehenden Vereine für die nicht-jüdischen Kandidaten propagiren, und verletzt dieses markant aufdringliche Verhalten das Axiom des Herrn Baumgarten, daß es keine jüdische Politik giebt, dann mag Herr Baumgarten uns gütigst in einem kommenden Artikel darüber aufklären, wie man es machen soll, wenn man,'wie er will, sich wehren, sich nicht zum Schafe machen, mit nichtjüdischen Bürgern die Waffen des Geistes schwingen soll, um die finsteren Mächte zu überwinden, jüdische Politik dadurch treiben soll, daß man sich der gerade nach vorwärts strebenden, mit Sicherheit zur Förderung und Befestigung des Staatswohls führenden Richtung in der Bethätigung öffentlichen, gesellschaftlichen, privaten und kulturellen Lebens anschließt und dabei nicht einmal mit markanter Betonung seines Standpunktes für den nichtjüdischen Kandidaten Propaganda machen darf. Vielleicht klärt Herr Baumgarten die Leser dieser Zeitung auch darüber auf, warum seine Vorschläge nicht „jüdische Politik" sind, während die Bestrebungen und die Ziele des der Parteip olitik völlig fernstehenden Centralvereins, jüdische Politik" sein sollen. Berlin, 16. November. Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs. (Nach unserer Ueberzeugung hat Herr Baumgarten nicht im Entferntesten bei seinem Artikel an den hiesigen „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gedacht, dessen Wirken er sicher nur billigen würde, sondern an mehrere politische Vereine in Wien. Die Red.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.