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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-19 · Heft 47 (19.11.1897) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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——- 563 - seiner Hoheit erklärt, daß er diesem — wie er sich ansdrückte — Ulierträglichen Zustande ein Ende machen und diesem Unfug steuern würde. Die Zahl der jüdischen Familien sollte wieder ans vierzig zurückgeführt werden, und daher schlug er jedes Gesuch um Niederlassung rundweg ab. Das traf besonders hart ein junges Brautpaar, Nathan Goldenberg und Nahel Lilienthal. Sechs Jahre waren sie bereits verlobt, und nichts stand ihrer ehelichen Verbindung entgegen; die Eltern hatten ihre Zustimmung gegeben, und bei ihrer allgemeinen Beliebtheit nahm das ganze Dorf innigen Antheil an ihrem Glücke. Seit sechs Jahren begaben sich die Verlobten in Begleitung ihrer Eltern am Geburtstage des Grasen auf das Schloß, um von ihm die Zustimmung zur Eheschließung zu erbitten, und jedes Mal mußten sie schroff abgewiesen heimkehren. Selbst der Dorfpfarrer, ein ehrwürdiger Greis, hatte bereits bei verschiedenen Anlässen ein gutes Wgrt für sie eingelegt, ohne einen künftigeren Bescheid zu erlangen. Wer konnte Voraussagen, wie lange dieses Berhältniß dauern würde? Da trat ein Ereigniß ein, welches eine Wendung zum Guten zu bringen versprach. . Nathan begab sich eines Tages nach einem benachbarten Dorfe zu Markte, uni dort Pferde zu verkaufen. Der Weg war nicht ohne Gefahr, starke Negengüffe hatten die Flüffe angeschwellt, der Bergstrom, der das Thal durchfließt, war über seine Ufer getreten, und die ganze Landschaft war überschwemmt. Mit Mühe schleppten sich Nathan und sein Knecht mit ihren Pferden langsam weiter, als er plötzlich in der Ferne einen Wagen Umstürzen sah, knapp an einem Abhange. Er überschaute sofort die ganze Größe der Gefahr, in welcher die Verunglückten schwebten, und eilte, so rasch sein Pferd ihn tragen konnte, zu der Unglücksstätte. Es war der Wagen des Gutsherrn. Eiligst richtete er den vom Sturze betäubten Kutscher auf, öffnete unter den größten Anstrengungen den ganz verschütteten Wagenschlag und zog mit Hilfe des Dieners den bewußtlos daliegenden Grafen hervor. Sie brachten ihn auf das Schloß, wo es dem herbeigerufenen Arzte endlich gelang, ihn ins Leben zurückzurufen. Im Dorfe herrschte laute Freude; der Tod des harten, verhaßten Herrn hätte zwar die guten Leute nicht so sehr betrübt, aber der glückliche Zufall, daß Nathan ihm das Leben gerettet hatte, ließ nun keinen Zweifel mehr an der Zustimmung des Grafen zur Eheschließung des Brautpaares aufkommen, und von allen Seiten beglückwünschte man den muthigen Retter, der sich im Geiste auch schon als Gatte sah. Am folgenden Morgen wurde Nathan in aller Frühe aufs Schloß beföhlen. „Jude," redete der Graf ihn an, „Du hast mich vom Tode gerettet. Was soll ich Dir geben, um mich meiner Verpflichtung gegen Dich zu entledigen." „Gnädiger Herr," antwortete Nathan, „ich habe nur eine Menschenpflicht geübt. Ich würde so gegen den Geringsten Eurer Unterthanen gehandelt haben, um wie viel mehr mußte ich nicht mein Leben wagen, um Euch, meinen gnädigen Herrn, zu retten?" „Keine leeren Phrasen," erwiederte der Graf, „es widerstrebt meinem innersten Gefühle, in her Schuld eines Juden zu stehen. Der Jude handelt doch immer nur aus Eigennutz. Du sollst mir angeben, welcher Belohnung Du wünschest, sie wird Dir gewährt, und wir sind quitt." „Weil Ihr es mir befehlet und es so haben wollt, so erbitte ich mir' als Belohnung die Erlaubniß zur Eheschließung mit Rahel Lilienthal, mit der ich sechs Jahre bereits verlobt bin." „Die Einwilligung," fuhr der Graf auf, „wirst Du niemals erhalten. Ich Habe geschworen, daß ich nun und nimmer die Hand dazu bieten werde. Eure verfluchte Brut fortpflanzen zu lasten, und ich werde meinen Schwur halten. Stelle eine andere Forderung!" Nathan konnte vor Zorn und Wuth kaum an sich hasten und erwiederte kurz und barsch: „Weil es Euch beliebt, mir, Eurem Lebensretter, diese meine Bitte abzuschlagen, so verlange ich nichts. Bleibt in meiner Schuld!" Der junge Mann entfernte sich, das Gesicht von Zorn geröthet, um eine bittere Erfahrung und Enttäuschung reicher. Er erzählte seine Unterredung mit dem Grafen Jedem, der sie hören wollte, und die Entrüstung der Bauern über ihren Herrn war ebenso allgemein, wie das Mitleid mit dem traurigen Geschicke Nathans. Einige Tage nach diesem Vorfall saß er bei dem Postmeister einer kleinen benachbarten Stadt, seinem alten Freunde. „Ist es wahr," fragte ihn dieser, „daß Ihr dem Grafen das Leben gerettet habt, und daß trotzdem dieser hartherzige Mensch Euch verwehrt, Euch zu verheirathen, und Euch noch mit Schmähungen überhäuft hat?" „Es ist nur zu wahr," antwortete Nathan und erzählte den ganzen Verlattf der Unterhaltung. Sein Bericht wurde häufig durch laute Worte der Entrüstung seitens des Postmeisters unterbrochen, was die Aufmerksamkeit eines anderen Gastes erweckte. Dieser trat auf Nathan zu und bat ihn um Wiederholung der Erzählung, was bereitwillig geschah. Als Nathan geendet hatte, rief, ihm der fremde Herr, der kein Geringerer als der Präsident der Provinz war, zu: „Ihr seid nicht mehr der Unterthan des Grafen von Liebenftein, Ihr seid jetzt ein Unterthan des Herzogs von Württemberg oder vielmehr des Königs von Württemberg, wie er von nun an heißt. Ich will Euch ein Schreiben an den Minister geben, bringet es nach Stuttgart, und ich verspreche Euch, daß Ihr in drei Tagen Hochzeit machen könnt." Die weltgeschichtlichen Ereignisse überstürzten sich und erschütterten die Welt. Nach der inzwischen geschlagenen Schlacht von Austerlitz herrschte in Deutschland der allmächtige Wille des Siegers Napoleon, das deutsche Kaiserreich, das schon lange nur noch eine Mumie gewesen war, ging ohne Theilnahme und Bedauern zu Grabe und mit ihm die Herrschaft einer großen Zahl reichsurimittelbarer Herren. Durch einen Federstrich Napoleons hatten sie aufgehört, zu regieren, waren mediatisirt, und an ihre Stelle waren neue Kölligreiche unter französischem Einfluß und französischer Abhängigkeit entstanden. Der ewig unterdrückte Jude empfand bald die Wendung, welche diese politische Umwälzung im Gefolge hatte; und eine der ersten Regierungshandlungen des neuen, sonst harten und willkürlichen Königs von Württemberg, zu dessen Reich Buttenhausen von nun an gehörte, war die Verbesserung der Lage der Juden. Nathan eilte freudetrunken nach Stuttgart und übergab das Schreiben einem hohen Ministerialbeamten. Nachdem dieser es gelesen hatte, sagte er zu ihm in freundlichem Tone: „Die gewünschte Erlaubniß ist hiermit ertheilt, nur eine Bedingung will ich stellen: Ihr müßt den Grafen von Liebenstein zu Eurer Hochzeit zu Gast laden." Wer war froher als Nathan! Ohne Zeitverlust begab er sich nach seinem Dorfe, benachrichtigte seine Braut, die Eltern und Freunde von der unerwartet glücklichen Wendung seines Geschickes, eilte zu dem Rabbiner von Hechingen und bat ihn, die Trauhandlung zu vollziehen, die - Hochzeit sollte bereits am dritten Tage stattfinden. - Dann ging er aufs Schloß und erbat sich' eine Audienz beim Grafen, die ihm -sofort gewährt wurde. „Du hast es Dir überlegt und kommst, Dir Deine Belohnung zu holen," rief ihm der Graß hohnlachend zu, „wußte ich es doch, ein Jude thut nichts umsonst."

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