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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-19 · Heft 47 (19.11.1897) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 der Vulgata, das ist der nicht immer korrekten, aber von der Kirche rezipirten lateinischen Uebersetzüng des Kirchenvaters Hieronymus bekannt.^ Der hebräische Text war in den Händen der Juden, die über besten Reinheit mit der größten Aengstlichkeit gewacht haben, die aber gesellschaftlich zu verachtet waren, als daß man sie zuin besseren Verständniß der Bibel hätte zu Rathe ziehen mögen. Johannes Reuchlin (1455—1520), einem der größten deutschen Humanisten, gebührt das Verdienst, in den christlichen Kreisen Deutschlands zuerst das gründliche Studium der hebräischen Sprache angebahnt und das lebhafte Interesse für dasselbe erweckt zu haben. Er, der „Phönix Germaniens", trug kein Bedenken, wo es sich um die Wahrheit handelte, in die Judenschule herabzusteigen und sich in der hebräischen Sprache von jüdischen Gelehrten unterweisen zu lassen, in Italien von : dem Arzte Obadja atls Sforno und in Deutschland von Jacob ben Jehiel Loans, dem Leibarzt des Kaisers Friedrich III. Außer der hebräischen Sprache, die er in seinem Werke „knäirnenia lingua6 hebraicae“ grammatikalisch und lexikographisch behandelte, war es besonders die jüdische Geheimlehre oder Kabbala, in die er sich vertieft und der er -zwei Schriften gewidmet hat, „äe verbo mirifico" („vom wunderthätigen Worte"), nämlich dem vierbuchstabigen Namen Gottes, und „de arte cabalistica“ („von der kabbalistischen Kunst"), nämlich durch mystische Buchflabenkombinationen und Zahlenspielereien die Geheimnisse der Bibel zu enthüllen. Der christliche Messiasgedanke ist der Angelpunkt der ganzen Kabbala. Das war seine Ueberzeugung, sein Standpunkt, von dem aus er die Kabbala behandelte. Die Juden stimmten diesem Standpunkt nicht bei, aber sie waren doch erfreut darüber, daß ein so hervorragender christlicher Gelehrter sich eingehend mit der hebräischen Sprache beschäftigte. Sie erblickten in dieser Beschäftigung eine Würdigung ihres bisher von christlicher Seite verspotteten Schriftthums. Sie waren stolz darauf, daß auf verschiedenen Universitäten Lehrstühle der hebräischen Sprache, in der Gott zu ihren Vorfahren geredet hat, errichtet wurden. Die Renaissance der hebräischen Sprache in christlichen Kreisen war der erste Lichtstrahl, der in die finstere Judengasse fiel, der erste Schritt zur Milderung des Vorurtheils gegen die Juden. Die religiöse Duldung ist eine Frucht des Humanismus. , Die ärgsten Gegner der Juden sind von jeher die Renegaten gewesen, die als Christen um so feindseliger gegen ihren früheren Glauben auftraten. Das sehen wir unter Anderen an Johannes Pfefferkorn (1464—1522). einem getauften Juden aus Köln, der in den Jahren 1507—1509 in mehreren Pamphleten seine friiheren Glaubensgenossen auf das Heftigste angegriffen und verleumdet und deren gesammtes Schriftthum als christenfeindlich denunzirt hat. Gestützt auf die Empfehlungen einflußreicher Personen, namentlich der Kölner Dominikaner, an deren Spitze der Ketzermeister Jacob von Hochstraten stand, erwirkte Pfefferkorn sogar von dem Kaiser- Maximilian die Vollmacht, sämmtliche jüdischen Bücher zu konfisziren. Mit den Juden in Frankfurt a. M. machte er den Anfang. Der Erzbischof von Mainz erhob Einspuch gegen diese in seinem Sprengel vorgekommene Eigenmächtigkeit und nahm auf den Befehl des Kaisers die ganze Angelegenheit selbst in die Hand. Er forderte mehrere Universitäten und einzelne Gelehrte zur Abgabe von Gutachten auf, ob und inwiefern Pfefferkorns Anklage begründet sei. Reuchlin, ebenfalls aufgefordert, war der Einzige, der sich unbedingt zu Gunsten des jüdischen Schriftthums und selbst des besonders angefeindeten Talmuds ausgesprochen hat. —d l—l ,-^ , 1— 1 I FEUILLETON I 35 g*if3rimiinriiiitn»fiiKijnfmLitinfttaiininttH»niiMiirnnuMHnHK»infniü<iiiramiiwmiM»«tti«nnymwmrmmrwnti**Ti 35 -II--II -T-..— —•- II:-II- Eine Kochzeit nach der Schlacht bei Austerlitz. Nach dem Französischen von 8. X. ®uttenhausen ist ein hübsches Dorf, in einem malerischen Thale mitten im Schwarzwald gelegen. Christen und Inden, ungefähr gleich an Zahl, lebten hier zu Anfang dieses Jahrhunderts in schönster, nie getrübter Eintracht, was beiden Theilen zil statten kam. Jene brachten durch die Vermittelung der Juden die reichen Erträge ihres Bodens, mit denen sie in der Abgelegenheit ihres Dorfes nichts anzufangen wußten, zu Markte, und durch die erzielten Gewinne gelangten sie zu einer Wohlhabenheit llnd einem Wohlstände, um den sie von ihren nicht so günstig gestellten Nachbarn'vielfach beneidet wurden. Die Juden wiederum wurden überall gern gesehen und hatten sich durch ihr freundliches, stets dienstbereites Verhalten manchen treuen Freund unter der christlichen Bevölkerung erworben, die ihre Rückkehr ins Dorf stets mit Freuden begrüßte. Die seßhaften jüdischen Dorfbewohner waren meistentheils Greise, Frauen und Kinder, die kräftigen Männer waren nur an Sabbatheu und Festtagen zu Hause, die übrige Zeit hielten sie sich bald hier, bald dort auf, wo sich ihnen die Gelegenheit zur Betreibung ihrer Geschäfte bot. Sie wählten mit Vorliebe Buttenhallsen zu ihrem Wohnsitz, weil sie dort den „Jischuf" leichter als an vielen anderen Plätzen erlangen konnten. In Deutschland wie auch in Frankreich vor der Revolution war die Erlangung des Jischuf, b. h. des Rechtes der Niederlassung damals mit großen Schwierigkeiten verbunden, und in Ermangelung einer solchen oberhoheitlichen Erlaubniß schmachtete manches Brautpaar Jahrzehnte lang, ohne den Ehebund schließen zu können. Die Liebe und die Freundschaft verbinden, nicht minder vereinigt aber auch der Haß, und die christliche und die jüdische Bevölkerung trafen zusammen in der Feindschaft gegen den Herrn des Dorfes den Grafen von Liebenstein. Es hat kaum einen schlechteren Menschen geben können als diesen Grafen, finster und roh in seiner äußeren Erscheinung, hochmüthig und stolz, rücksichtslos und hart im Verkehr mit den ihm Untergebenen, überaus eifersüchtig auf seine Standesvorrechte und seine sogenannte souveräne Autorität, umsomehr, als schon die Kunde von der französischen Revolution und die sie begleitenden Umwälzungen auch in dieses friedliche Thal gedrungen war. Der Gedanke, daß seine Rechte, die er so unerschütterlich fest wie den Grund der Erde hielt, nur in Frage könnten gezogen werden, versetzte ihn in unbeschreibliche Wmh, und er wähnte in seiner Augst, seine Macht durch Verschärfurig der Gesetze und durch größere Härte und Unerbittlichkeit befestigen zu können. . Wenn auch alle seine Unterthanen unter ihm schwer litten, so fühlten seinen. Grimm doch vor allem die schwachen, Hilfslosen und rechtslosen jüdischen Bewohner seines kleinen Gebietes. Vor langer Zeit hatte die jüdische Gemeinde sich gegen schweres Geld von seinen Vorfahren das Niederlassungsrecht für vierzig Familien erkauft; diese Zahl war durch die Duldsamkeit und Nachsicht der Grafen von Liebenstein bald um ein bedeutendes überschritten. Der gegenwärtige Herr des Dorfes hatte sofort bei dem Antritt

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