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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-19 · Heft 47 (19.11.1897) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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561 die Gräber unserer Eltern, von denen wir uns nicht trennen wollen. — Wer Israel nicht als Gottes Sendvolk zu betrachten vernwg, der wird auch kein Verständniß haben für sein Martyrium, sondern es zu einem nationalen Volke zurückschrauben wollen. Wie ergreift uns da das Zwiegespräch, das die Alten den Herrn mit seinem Sendvolke führen lassen! „Sendbote meines Heils! Seit der Urzeit Tagen hast du viele Leiden auf dich genommen. Siehe, auch ich leide, denn seitdem mein Tempel zerstört ist und meine'erstgeborenen Kinder unter den Völkern mißhandelt werden, harre ich vergebens auf die Anerkennung meines Namens, die sich erst dann vollzieht, wenn alle Menschen sich als Kinder Gottes betrachten." Und der Sendbote antwortet: „Ich will hinfort mein Herz beruhigen,. beim wenn der Herr leidet, so soll der Diener sich nicht beklagen ob seiner Leiden." „Ueber die Zeitströmungen ist ein Engel gesetzt, sein Name .ist Dumah. Wenn nun die Zeiten den Engel anrufen: Wächter, wie weit tst's in der Nacht? so entgegnet er ihnen: Es kommt der Morgen, es kommt die Nacht, wollt ihr mehr wissen, so kommt und fragt ein andermal!" Wer ist der Engel Dumah, der diese Antwort giebt? Dumah heißt Schweigen, sich gedulden. Es ist die Engelsgeduld, wir meinen nicht das krankhafte Hinstarren der Entsagung, sondern die lebensstarke Glaubensfreudigkeit, die durch die Zeitströmungen rettet. Licht und Finsterniß streiten um die Herrschaft, es giebt Zeiten der Erleuchtung, es giebt Zeiten der geistigen Umnachtung, es giebt Zeilen der Dämmerung, die „weder als Tag noch Als Nacht" zu bezeichnen sind, aber schließlich siegt stets das Licht..L Der „Kampf ums Recht" wird ewig bestehen, wie aus der Menschennatur stets Leidenschaften hervorbrechen, aber in der Gesammtheit^ erlangt der Rechtsgedanke die Uebermacht, so daß zuletzt immer das Recht den Sieg davonträgt. „Zur Abendzeit wird es licht." In jener späten Zukunft, da das göttliche Feuer, das vom Himmel niederfährt, alle Völkerkreise erhellt, an jenem Tage, der „als der Tag des Herrn erkannt wird", wird auch Israels Gemeinde als die Friedenstaube mit dem Oelblatt erkannt, darauf die versöhnenden Worte leuchten: Adonai hu haelohim, der Ewige ist Gott! Ein Vater im Himmel! Eine Menschheit auf Erden! Humanismus und Humanität. Bon Dr. Heinrich Groß. II. icht minder wichtige Parallelen finden wir bei römischen Klassikern. Bei Ovid (Metamorph.) lesen wir: „Ach, wie fällt es so schwer, Schuld nicht zu verrathen im Antlitz." „Der Ausdruck ihres Antlitzes, sagt Jesaias, verräth ihre Schuld." „Drängt dich die Noth," sagt Horaz (Oden), „dann zeige dich hohen Herzens, festen Muthes und reffe die vollen Segel klug und maßvoll, wenn sie mit allzu günstigem Hauche der Wind schwellt." „Erschlaffst du in der Noth." heißt es in den Proverbien, „dann zeigst du wenig männliche Kraft und Würde." Bei Senecca findet sich der Satz: „Der Mächtigste ist, wer sich selbst in seiner Macht hat." (Epist.) In den „Sprüchen der Väter" lesen wir: „Wer ist ein Held, der seinen eigenen Trieb^beherrscht." „Wenn selbst eigene Fehler du mit triefenden Augen musterst, weshalb ist so geschärft dein Blick bei den Mängeln der Freunde?" Dieser Satz des Horaz (Satyren) erinnert an den bekannten Satz des Talmuds (Erachin 16): „Ziehe erst den Balken aus deinem Auge", oder an den Satz des Evangeliums : „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und beachtest nicht den Balken in deinem eigenen Auge." Wenden wir uns zu den griechischen Philosophen. Wir vermeinen schier einen Propheten zu hören, wenn uns Sokrates zuruft, daß der Kultus, der der Gottheit durch eine reine, fromme Seele dargebracht wird, ihr der angenehmste ist. Was geht uns sein Heidenthum an, wenn er uns die rechte Tugend lehrt, die er mit der Glückseligkeit identifizirt, welche die Erhebung über Begierden und Affekte oder die Selbstbeherrschung voraussetzt? Sein Schüler Plato (Theätet) sieht die sittliche Aufgabe des Menschen darin, daß er danach strebt, sich durch Vernünftigkeit, Gerechtigkeit und Sinnesreinheit über das Böse der sinnlichen Welt zu erheben und dadurch der von allem Bösen unberührten Gottheit ähnlich zu werden. Das erinnert uns lebhaft an den Bibelvers: „Heilig sollt ihr sein, denn ich, der Ewige, euer Gott, bin heilig." Der größte griechische Philosoph, Aristoteles, sucht die Glückseligkeit oder das höchste Gut des Menschen in der tugendhaften Thätigkeit der Seele und definirt die Tugend selbst als jene dauernde Willensrichtung oder Gesinnung, welche die unserer Natur gemäße Mitte einhält, wie diese durch die vernünftige Erwägung des Einsichtigen bestimmt wird, also die Unterwerfung ^der Begierden unter die Vernunft. Seine Ethik ist grundlegend für lange Zeiten geworden. Zahlreiche Aussprüche der Griechen und Römer sind Gemeingut der ganzen gebildeten Welt geworden. Wir sprechen ihnen vieles nach, ohne deffen Provenienz zu kennen. Diese Gedankenharmonie der antiken und neuen Welt wurzelt in dem sittlichen Bewußtsein, das von dem religiösen unabhängig ist, in dem reinen, unverdorbenen Gemüthe, dessen Natur bei allen von demselben Gotte geschaffenen Menschen dieselbe ist. „Den Kultus, „sagt Eduard von Hartmann (die Selbstzersetzung des Christenthums)^„hat die Religion für sich allein, die Ethik aber theilt sie nicht blos mit der bewußten Wiffenschaft, sondern auch mit der unbewußt erwachten Sitte." Nirgends hat der Humanismus so tiefe Wurzeln geschlagen als in Deutschland. Mehrere neue Universitäten entstanden, die Pflanzstätten einer universellen, die weitesten Kreise durchdringenden Bildung. Der deutsche Geist, zur gewissenhaften Kritik angelegt, wurde zur ernsten.Betrachtung von Religion und Vaterland angeregt. „O Jahrhundert, o Wiffenschaft! Es ist eine Freude, zu leben, es blühen die Studien, es regen sich die Geister, nimm den Strick, Barbarei, und geh' in die Verbannung." Ulrich von Hutten, der voller Begeisterung diese Worte ausgerufen hat, hat ..seine im Humanismus gereifte Kraft in dem Kampfe gegen die bedrückende Hierarchie in den Dienst des Vaterlandes und der Freiheit des Gewissens gelegt. Das „Lob der Narrheit" von Erasmus, der „Triumph der Venus" von Bebel, das „Narrenschiff" von Sebastian Braut (1458—1521) und die „Narrenbeschwörung" von Thomas Murner (1475—1536) waren Satyren, in denen die Gebrechen der Zeit gegeißelt wurden. Der Humanismus trat in Deutschland kritisch — reformirend auf. Er trat nicht immer aus religiöser Ueberzeugung, sondern oft nur zur Abwehr der römischen Uebergriffe, zur Wahrung der Freiheit des Geistes gegen den bisher von der Kirche geübten Zwang für die Reformation in die Schranken. Rückkehr zum klassischen Alterthum, der Quelle, aus der bisher die echte Kultur gefloffen ist, das war sein Losungswort. Rückkehr zum reinen Evangelium, das war das Losungswort der deutschen Reformation, die man bezeichnen könnte als die Religion der Renaissance. Neben dem Evangelium giebt es eine andere Quelle, aus der das Judenthum seit Jahrtausenden seine verjüngende Kraft, das Christenthum aber seinen herrlichsten Ideen geschöpft hat, das Alte Testament. Dasselbe war dem christliche:: Abendlande nur in

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