Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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560 Gerechtigkeitssinn in schönster Blüthe; jede Niederlage Israels ist eine Schmach für die Völker, denn sie zeigt, daß nationale Engherzigkeit das Gebot der Menschenliebe verdrängt hat, wenn man dem Anderen beit Boden streitig machen will, ans welchem man selber nur als Gast weilt, wenn man dem Nächsten ein Recht vorenthalten will, weil dieser eine andere Gesichtsbildnng trägt, ohne zu bedenken, daß derselbe Gott sie alle erschaffen. Israel verlangt nur sein Recht oder, besser, da es sich überall zur Nation zählt, die Gleichberechtigung. Was aber ist uns dann noch Zion? Sinnig bemerken die Alten: „Zur Schöpfung des ersten Menschen nahm Gott die Erdtheilchen aus allen Weltgegenden, denn des Herrn Blicke sind ans die ganze Erde gerichtet. Der Kopf entstammt dem heiligen Lande, der Leib Babel, die übrigen Glieder allen anderen Ländern." Der Geist wurzelt in Gott, der Körper gehört der Erde an; die ganze Schöpfung bildet die Heimath des geistigen Menschen, überall ist ihm Gott gegenwärtig. Demgemäß „wird in der Zukunft Jerusalem ganz Palästina sein und Palästina die ganze Welt". Von Zion war die Lehre des Lebens, war das Wort Gottes ansgegangen; es ist die Ausgangsstätte des in der Welt 511 errichtenden Gottesreiches. Jerusalem, die Gottesstadt, darin allgemeine Verbrüderung waltet, wo Throne der Wahrheit uub des Rechtes stehen, wo nicht der Frevler Stab entscheidet, wo Unrecht und krumme Wege verbannt sind; Jerusalem eine jStadt, wo nur ein Gesetz, ein Recht Geltung hat für den Einheimischen wie für den Fremden; eine Stadt, von der Niemand sagt: zu eng ist mir der Ort! — Jerusalem ist „die Stadt der Gerechtigkeit" und „führt seine Bewohner zur Gesittung". In diesem Jdealbilde schauen wir Zion. Ihm gegenüber erscheint Edom oder der Berg Esau als die Stätte der Gewalt. Zion und Edom sind für uns sinnbildliche Begriffe geworden, sie bedeuten das Recht und die Gewalt. „Die Sieger ziehen hinauf zum Berg Zion, zu richten den Berg Esau, und Gottes ist das Reich." Die Sieger sind nicht mehr die Israeliten allein, die da etwa für einen nationalen Berg kämpfen, die Sieger sind alle die edlen Kämpfer, die für Wahrheit und Recht sich den finsteren und gewaltthätigen Mächten entgegenstellen. Durch das Recht wird die Gewalt gerichtet, der Berg Esau durch den Berg Zion. „Klein erscheint dann Edom unter den Völkern und gering geachtet, weil es sich im Uebermuth erhoben. Aus seinen Zelten, die es bis zu den Sternen anfgeschlagen, wird es herabgestürzt, seine Weisen schwinden dahin und aller Verstand aus Edoms Bergen. Ob der Gewaltthat an seinem Bruder wird es Schmach bedecken." Der Berg Zion bringt Rettung von allen Drangsalen und Zwistigkeiten. Die durch das Recht über die Gewalt siegen, erheben sich zur Zionshöhe. Der Sieg Zions ist der Sieg über Glaubens- und Rassenhaß, da Gott als Vater aller Menschen erkannt wird. In der Liebe zum Allvater siegt das Recht. Zum Berge Zion müssen die Nationen alle strömen, auf daß Gottes sei das Reich und der Allvater regiere über alle seine Kinder. Zion ist für uns kein nationaler Berg mehr, sondern ein Gottesberg. Auf dem Berge Gottes wird es wahrgenommen: Zion gehört der ganzen Welt. Er ist bereits der geheiligte Boden unserer beiden Töchterreligionen, und mit Genugthuung vernehmen wir, daß unser Kaiser, einem religiösen Drange folgend, nach Zion pilgert. Wenn überall auf Erden das Gottesreich seine Zelte aufgeschlagen, dann werden auch die noch zurückgebliebenen Nationen dankbar auf Zion blicken, daun mag Zion zu einem neutralen Boden erklärt werden, Jerusalem als die göttliche Hauptstadt der Welt, die Stätte des ungestörten Gottesfriedens. Unsere Hoffnung ist weder eine beschränkt religiöse noch eine beschränkt nationale. Wir schauen nicht blos auf Israel und Zion, sondern auf die ganze Menschheit und die ganze Erde. Von den Völkern wünschten wir nur, in Zion sich desten bewußt zu werden, was sie uns zu verdanken haben, um uns dafür eine brüderliche Behandlung angedeihen zu lassen. Ihre würdigste Gegenleistung ist die nationale Gleichberechtigung. Der Bruder sagt: Mein Recht ist dein Recht, ohne dieses von einem vorgeschriebenen Bekenntniffe abhängig zu machen. Hier stimmen wir mit den Zionisten überein, die es als eine Ehrlosigkeit erklären, wenn man Amt und gesellschaftliche Stellung sich nur durch Verleugnung seiner angestammten Religion erkaufen kann. Dadurch erweise sich ja auch die Religionsfreiheit nur als eine papierne Bürgschaft. Jjob besteht auf seinem Recht und er begründet dieses durch seine Würdigkeit, seine Ehre. Jjobs Wiederherstellung war seine Ehrenrettung. Israels Ehre rettet nicht seine nationale Wiederherstellung, sondern die „ehrfurchtsvolle Anerkennung von Seiten der Völker". Wenn man schon früher darauf ausging, einen Boden zu gewinnen für die Verfolgten und Geächteten, für die in ihrem Erwerb und in der Entfaltung ihrer geistigen Kräfte Eingeengten, so hat man da nicht blos an Palästina gedacht. Der Gedanke einer Auswanderung hatte noch nichts Verfängliches, da ja aus allen Ländern Auswanderungen stattfinden. Wir verschließen uns nicht der Möglichkeit, daß das ganze heilige Land wieder von Stammesgenosien bewohnt werde. Die Erzeugnisse jüdischer Dörfer in Palästina geben uns den erfreulichen Beweis, daß sie als Ackerbauer und Handwerker sich ein Gemeinwesen begründen können. Aber das hat nichts zu thun mit Israel, dem Gottesvolke, das der ganzen Welt angehört. Da die Nothlage unserer Glaubensbrüder im Osten in erster Reihe in Betracht kommt, so müßte den fünf Millionen ein ausreichender Boden eingeräumt werden, auf dem sie als Ackerbauer und Industrielle sich ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen hätten. Dazu reicht Palästina nicht ans, wohl aber, könnte der mächtige Herrscher des unermeßlichen Nachbarreiches als ein zweiter. Cyrus erscheinen, den der Herr „seinen Messias" genannt hat; er würde als ein Erlöser gelten für seine jüdischen Unterthanen, indem er sie äußerlich und damit auch innerlich erlöste; er würde aber auch um die Kultur sich ein größeres Verdienst erwerben als durch die Ausdehnung seines Reiches in Asien, denn die Angehörigen unseres Stammes haben es bewiesen, daß sie auch in kultureller Hinsicht ein wirksames Bindeglied zwischen den Völkern bilden, insofern sie mit Umsicht und Thatkraft die Kulturhebel in Bewegung setzen. Wir erstreben keine weltliche Macht, wir kennen keine nationale Eigenart mehr, sondern nur noch eine religiöse. Wenn man so oft den Antheil hervorhebt, den die Juden an der Kulturarbeit der Völker nehmen, wenn man getreulich jede Leistung eines Juden verzeichnet, so müssen wir demgegenüber betonen, alles das haben sie nicht als Juden geleistet, sondern als Angehörige ihres Vaterlandes, dem sie die anregenden Grundbedingungen verdanken. Ihre Leistungen gehören nicht der jüdischen Geschichte an, sondern der allgemeinen Kulturgeschichte. Unsere ganze Erziehung, unsere Bildung, unsere Leistungen verdanken wir dem Vaterlande, und darum theilen wir dessen Leiden und Freuden, das Denken und Empfinden in Sprache und Sitte, im Wirken und in den Zielen. Wir beten in unserer deutschen Muttersprache, aber das Gebet ist an ihn gerichtet, der allein ist im Himmel und auf Erden. In Palästina haben Priester und Leviten gewirkt, in unserem Vaterlande können wir ebenfalls aus Priester und Leviten weisen, die für Wahrheit und Recht, für Gleichheit und Brüderlichkeit die Stimme erheben. In Palästina liegen die Gräber unserer Patriarchen, aber in unserem Vaterlande liegen