Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zion. Von Dr. M. Lev i n, Prediger der Reformgemeinde. (A^^riede. auf Erden!" Welcher Ausblick, welche Hoffnung der Menschheit! Ob. sich eine solche Hoffnung je erfüllen werde? Diese Frage darf uns weniger erregen als vielmehr die Frage, ob auch Alle dem Frieden erstreben? Es verhält sich damit wie mit der Wahrheit : nicht erst ihr Besitz, sondern schon das Streben nach -Wahrheit erhebt und beseligt. Uns muß es beruhigen, wenn .sich die Anzeichen mehren, die einen Frieden in Aussicht stellen. Ein treffliches Bild für die Heilsbotschaft des Friedens ist die. Taube mit dem Oelblatt, das sie, nach einer sinnigen Deutung, in dem Bezirke des Paradieses sollte gepflückt haben. Israels Gemeinde gleicht der ausgesandten Taube. Von dem ewig grünenden Baume des Lebens pflückt sie ein Blatt, das für sie das Oelblatt ist mit der Friedensbotschaft. Auf diesem Blatte stehen die Worte: Adonai hu haelohim, bet Ewige ist Gott! Was ist in diesem Worte ausgesprochen? Adonai ist die Allmacht, die Welt ist eine Schöpfung des Einzig-Ewigen! Unsere ganze Religionslehre ist aus dem Worte abzuleiten: der Ewige ist Gott! Unsere Religion ist Menschenthum, gegründet auf Adonai. Erst wenn das Gotteslicht Wahn und Aberglauben zerstreut, dann legtauch alle Welt, wie beim Berge Karmel, das Bekenutniß ab: der Ewige ist Gott! Mit einer Friedensbotschaft zog Israels Gemeinde hinaus unter die Völker. Wie wurde sie von ihnen ausgenommen? Die Völker erklärte!: Israels Religion als eine verstockte Widersetzlichkeit und die Söhne Zions als Fremdlinge. Ein Martyrium war die Folge, wie die Geschichte kein zweites verzeichnet. Das Schicksal Jjobs, des> Befehdeten und Angefeindeten, wurde das Schicksal von ganz Israel. Gleich Jjob wiesen die Angefeindeten auf ihre Unschuld und verlangten ihr Recht, aber man nannte sie Frevler, die die verdiente Strafe trifft. Die Schwachen erblickten keinen anderen Ausweg als den Uebertritt. um das nackte Leben zu retten oder eine Lebensstellung zu gewinnen.. Die Getreuen aber richteten ihr Auge auf das, was sie verloren hatten, und ihre Hoffnung ging auf die Wiedererlangung des Verlorenen. Der Zionismus datirt seit der ersten Tempelzerstörung, doch hatte er vornehmlich 'einen religiösen Charakter: „Ach, wie könnten wir das Lied des Herrn auf fremdem Boden singen!" so klagte man mit den Verbannten, die an Babels Strömen saßen und weinten, wenn sie Zions gedachten. Der größte Schmerz der religiösen Zionisten war es. daß sie die an Palästina gebundenen Vorschriften nicht ausüben, daß sie ihrem Pflichtgottesdienste nicht durch den Opferdienst genügen konnten. „Seit der Tempelzerstörung," so seufzten sie, „seien ihrem Gebete die Pforten der Erhörung verschlossen, eine eiserne Mauer trenne sie vom Vater im Himmel." Ihre Hoffnung ging darum auf die Wiederherstellung des davidischem Reiches, darin ein königlicher Messias sie unter seinem Szepter vereinigen werde. Zu den religiösen Zionisten sind in unseren Tagen die rein nationalen Zionisten getreten. Diese gehen buchstäblich auf die Gründung eines jüdischen Staates aus; sie sprechen nicht von einem jüdischen Stamme, sondern von einen: jüdischen Volke, ein weltlich jüdisches Reich ist ihr Ziel. Sie wollen nicht die zerstreuten Glieder: einer Gottesgemeinde sein, sondern die zusammenwirkenden Glieder einer einheitlichen Nation mit eigener Sprache, eigener Verfassung und eigenem Volksleben; sie wollen sich nicht mehr als Fremde ansehen lassen, sondern wollen selber-wieder ein Wirthsvolk bilden, um so dem Rassenhaß eine Grenze zu setzen. Wir erkennen bereitwillig an, daß durch die ganze Bewegung .ein großer, idealer Zug weht, . daß sie ^getragen ist von Selbstbewußtsein und Ehrgefühl, sonst wäre es nicht zu begreifen, wie an die Spitze dieser nationalzionistischen. Bewegung sich Männer stellen konnten, die sich bisher von ihrer Glaubensgemeinde fern gehalten, die nichts mehr^vom jüdisch-religiösen Leben beobachten, ja, die eine naturalistische Weltanschauung vertreten. Nur die Frage bleibt vorerst ungelöst, wie religiös-nationale Zionisten im Stande seien, mit den weltlich-nationalen zusammenzugehen? Wir aber müssen beiden Richtungen gegenüber unseren Standpunkt angeben. Was die erste Richtung anlangt, so meinen wir, daß uns der Herr nahe ist überall, wo wir ihn anrufen. - Wir bedürfen nicht mehr des ursprünglich geheiligten Bodens, da wir dem Qpferdienste entwachsen sind und all den Vorschriften, die an einen Priesterstand gebunden waren.. Was aber die zweite Richtung betrifft, so erinnern wir au die Worte des Propheten Jeremia, die er an die nach Babel geführten Juden gerichtet hat: „Bauet Häuser-und bewohnet sie, leget Gärten an und genießet ihre Früchte; suchet das Wohl des Staates, dahin euch der Herr gebracht hat, betet für ihn zu Gott, in dem Staatswohle findet euer Wohl." Als dann die Juden von Cyrus die Erlaubniß erhielten, nach Palästina zurückzukehren, folgte eine verhältnißmäßig kleine Schaar dieser Erlaubniß. Die in Babylon- Persien Zurückgebliebenen hatten eine zweite Heimath gefunden, und ihr richtunggebender Grundsatz wurde der vom Lehroberhaupt Mar Samuel verkündete: Dina demaleliutha dina, „es giebt nur ein Gesetz, und das ist das Staatsgesetz". Wenngleich das zweite Staatsleben des jüdischen Volkes in Palästina es zu einer neuen Blüthe brachte, so hatten doch die Juden in den Euphratlündern das „geistige Erbe der Gemeinde Jakobs" nicht minder fortgepflanzt, und Sura, Pumbadita und Nahardea konnten als religiöse Mittelpunkte der Judenheit angesehen werden. Nächst Babylon ward in: Mittelalter Spanien eine Pflanzstätte religiös-geistigen Lebens, und in der Neuzeit hat in Deutschland die Wissenschaft des Judenthums ihre Auferstehung gefeiert. Aber das Wichtigste, das wir hervorzuheben haben,, bleibt das Verhältuiß Israels zu den Völkern. Es ist wahr, aus den: nationalen Prinzip erwachsen die starken Wurzeln aller. Kraft, allein Israel die nationale Selbständigkeit wiedergeben zu wollen, das widerspräche seiner Sendung und seiner bisherigen Entwickelung. Es ist eine Verkennung seiner Bestimmung, wenn man an seinen stammesgeschichtlichen Namen Juden eine nationale Wiedergeburt knüpft und dabei seinen Berufsnamen Israel übersieht, der es zu einem. Gottesvolke stempelt. Für die Völker bleibt Israel der geschichtlich bewährte „Zeuge", daß alle Nationalitäten sich in einem. Gottesreiche bereinigen können, denn überall den Völkern national angehörend, wahrt es in der Religion seinen Gottesbund. Ist es damit nicht „zum Bund der Völker" geworden? Hat es jetzt in der Zerstreuung nicht eine höhere Aufgabe? Heute beten wir in allen - Zungen den Herrn an, in allen Sprachen der Völker, daß sie uns verstehen. Unter den entgegengesetztesten Welt- und Lebensanschauungen vertreten wir das reine Gottesthum und messen an der . Gotteswahrheit den Fortschritt der Völker. Unsere Kämpfe sind „Kämpfe -Gottes", - sie sind eine Probeauf unsere Lebens- und Leistungsfähigkeit, aber sie tragen auch zur Läuterung der Völker bei. Jeder Sieg Israels ist ein Ruhmestitel für die Völker, denn er zeigt ihren