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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-19 · Heft 47 (19.11.1897) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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etablirt waren und dann mittellos' nach Berlin mit Familie kamen, um sich hier wieder emporzuarbeiten. Nachdem sie-hier monatelang, manchmal Jahre lang vergeblich gerungen, finden sie endlich zufällig ihren Weg zu uns. Aber auch in solchen Fällen kann sich der Verein oft bewähren, indem es ihm geliiigt,> den Fähigkeiten des Betreffendeil entsprechende Thätigkeit zu schaffen, wenn auch nur mit meist sehr geringem Verdienste. Oft 'ist unser Rath vongroßemEinfluß für die Errichtung eurer neuen Existenz. Unser Verein aber muß auch häufig erziehlich wirken, und oft werden Ermahnungen und Belehrungell gegeben und das Pflichtgefühl angeregt. Im Allgemeinen aber haben wir gefunden, daß der Jude gern arbeitet und alle entgegengesetzten Behauptungen Lüge sind. Galiz besondere Sorgfalt wird von uns dem Lehrlingswesen gewidmet, denn hier muß zunächst der Hebel angesetzt werden, eine tüchtige, brauchbare Generation zu erziehen. Wir prüfen zuvörderst, wozu sich der Betreffende besonders eignet, oft geschieht dies durch unseren Vereinsarzt. Dann wird dem untergebrachten Lehrling ein Pfleger bestellt, der dauernd Aufsicht über denselben übt. Die Anerkennung für unsere Institution fängt - aber jetzt erst an, Platz zu greisen, nicht allein bei Glaubensgenoffen, denn wir haben viele Arbeitgeber christlicher Konfession, die auch ihren Vortheil darill finden, Juden in Stellung zu nehmell. Ja, wir machen oft die Erfahrung, daß das Vorurtheil gegen nnsere Glaubensgenossen bei jüdischen Arbeitgebern mehr vorhanden ist als bei Andersgläubigen. Hier könnte von der Allgemeinheit viel Besserndes geschehen uiib Jrrthümer aufgeklärt, wie auch Wandelung erzielt werden. Wir sollten aber die Allsstellungen, welche gegen.unsere Glaubensgenossen gemacht werden, nicht nur anhören, sondern Jeder für seinen Theil dahin wirken, Haß der Jude seine Kinder praktisch und für den Lebensberuf befähigt erzieht. Dann aber ist es eines'Jeden Pflicht, sich an unseren Bestrebungen zu betheiligen, sie immer weiter allsbauen zu helfen, denn wir stehen erst am Anfang der uns gestellten Aufgaben. Zuvörderst werden wir zur besonderen Fürsorge der sich bei uns meldenden weiblichen Personen ein Damen-Komitee bilden, aus Vorstandsdamen jüdischer Frauenvereine bestehend, und so eine Wechselwirkung herbeiführen, die heilsam sein wird, wenn es uns gelingt, Damen zu gewinnen, die sich unseren Bestrebungen verständliißinnig mit echtem, warmem Herzen widmen, die Mühe und Zeit nicht sparen, ihren Einfluß geltend zu machen.? Wir werden uns daun mit Aufgaben zu beschäftigen haben, in denen uns andere Städte durch die Bnai-Briß-Logen vorangegangen; sind, wie z. B. Frankfurt a. M., Hamburg, Mannheim, Köln rc. Es sind dies Arbeitsstätten, damit Diejenigen durch uns Beschäftigung finden, welchen wir Stellungen zu verschaffen außer Stande sind. Wir würden für Berlin in erster Reihe die Einrichtung einer Schreibestube ins Auge faffeN. Leicht würde man uns Tausende, ja Millionen von Kuverts zum Schreiben übertragen, die Versendung von Avisen, Programmen, Einladungen, Inkassos von Vereinsbeiträgen, Translationen. Musteraufmachen sowie viele sofort zu erlernende Handarbeiten und vieles andere, wodurch wir einer größeren Zahl arbeitsloser Familienväter, die sonst der Armenpflege anheimfielen, Brod zu verdienen geben könnten. Das Nachweisen von Bücherabschlüssen, Unterrichtsstunden, Nachtwachen, Minjanleuten rc. - gehörte auch dazu. . Erst später müßte man daran, gehen,, wie es der Bnai-Briß- Frauen-Verein „Charitas" in Mannheim oder der Bnai-Briß-Arbeitsnachweis der Frankfurt-Loge so erfolgreich gethan, Subventionen zur Einrichtung von Handwerksstuben an ehrenwerthe Handwerksgesellen zu geben und ihnen für die. erste'Zeit, wo sie noch keine Kundschaft Habens Arbeit zu verschaffen. Zu gleicher Zeit müßte es' angeregt werden, daß in den größeren'Orten Deutschlands, woselbst viele Israeliten wohnen, je nach denörtlichen Verhältnissen wirkende Vereine für Arbeitsnachweis ins Leben gerufen werden, wie dies z. B. in München seitens der Bnai-Briß-Loge gegenwärtig geschieht, wohin ich zur Instruktion in Kurzem reisen werde. Die Krönung dieser Werke wird endlich in einem Central-Verein aller jüdischen Arbeitsnachweis-Vereine in Deutschland erfolgen müssen, durch welchen eine Vermittelung von einem Orte zum anderen erfolgen < würde, so daß von da. wo Arbeitskräfte brach liegen, solche gesandt werden können an die Orte, wo sie begehrt werden. Doch bis dahin hat es noch seinen langen Weg. und es wird zur Zeit die Frage sein, ob diese Thätigkeit freiwilliger Liebesarbeit nicht doch p viel ist, ob sie nicht Pflicht sei, ausgendt zu werden offiziell von den jüdischen Gemeinden, die dadurch bald eine Erleichterung ihres Armenetats verspüren durften. . Jedenfalls aber könnten diese Institutionen ohne größere Subvention der Gemeinden nicht bestehen, denn die Kosten sind beträchtlicher, als es so den Anschein Hat, und schließlich kommt es ja den Gemeindemitgliedern in der Gesammtheit zugute; man kann daher von Wenigen so große Opfer für. die Dauer guterdings nicht verlangen. , Um Ihnen ein vollständiges Bild meiner heutigen Ausführungen zu geben, will ich noch mittheilen, welche Ausgaben unserem Arbeitsnachweis-Verein im nächsten Jahre bevorstehen. Ein Buchhalter 1800 M., ein zweiter Buchhalter, der zugleich die Arbeitgeber besucht, 1200 M., ein Schreiber resp. junge Dame für diesen- Posten 750 M., Miethe jetzt 500 M., Portis 500 M., Drucksachen 500 M., Licht und Heizung 100 M, Büreau-Unkosten, "Telephon,. Papier, Zeitungs-Abonnements, Bücher, Formulare, Utensilien, Pferdebahnerstattungen rc. 500 M. Annoncen minimal 1200 M., Summa Summarüm 7050 M. ' Unser Verein für Arbeitsnachweis hat bereits über 600 Mitglieder und wird von den drei Berliner Bnai-Briß-Logen, der'deutschen Reichsloge, der Berthold Auerbach-Loge und der Montefiore-Loge subventionirt, trotzdem reichen die Einnahmen lange noch nicht aus, und müssen seitens der Vorstandsmitglieder vorläufig noch größere Opfer gebracht werden. Je mehr die wohlthätige Wirkung unserer Institution sich bethätigen wird, desto mehr Freunde und Gönner wird sie auch gewinnen, und wir zweifeln nicht, daß unsere besser situirtenGlaubensgenoffen sich schon imHinblickdaraufan lmseremLiebeswerke betheiligen.- daß ein Beitrag von 10 oder 20 Mark zehn mal soviel Segen effektiv schafft, als sie Schnorrern zu geben. Sind doch gerade unsere Bestrebungen am besten geeignet, das Schnorrerthum einzudämmen. Es ist aber nicht nur itifiet nobile officium, dem wirthschaftlich Schwachen Wege zur Erlangung einer Existenz zu ebnen, es. ist dies unsere Pflicht, denn es ist ein Akt der Gerechtigkeit, wie sie die jüdische Ethik schon seit Alters her kennt und übt; ja sie ist prägnant in der hebräischen Sprache in der doppelsinnigen Bedeutung des Wortes Zedokoh ausgedrückt, welches nicht nur Wohlthat, sondern auch Gerechtigkeit bedeutet. - ’ Und so wünsche ich, daß meine Ausführungen auch in weiteren Kreisen Anregung gegeben haben und daß Viele bereit sein werden, Theil zu nehmen, damit das Elend sich mildere durch Arbeit, nicht durch Almosen.

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