Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228250--54153-3268118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
557 städtischer Mittel hat man in einer größeren Anzahl deutscher Städte Arbeitsnachweise eingerichtet, und diese an verschiedenen Orten bestehenden Arbeitsnachweise haben sich zu einem Centralverband vereinigt, welcher in Berlin seinen Sitz hat, und dessen Vorsitzender und geschäftsführender Leiter der Magistrats-Assessor Herr Dr. Freund ist. Nach dem letzten Jahresbericht sind im Jahre 1896 ca. 17 000 Handwerksgesellen und Arbeiter in Vakanzen untergebracht worden. Im Meiningen'schen Lande ist der Arbeitsnachweis durch Regierungsdekret in allen Orten offiziell eingeftthrt worden. Aber diese Einrichtungen kommen unfern Glaubensgenossen fast gar nicht zu statten. Nach eingezogenen Erkundigungen sind unter den 17 000 Untergebrachten noch nicht 50 Juden enthalten. Dies ist aber allzu natürlich, denn erstens giebt es nicht allzu viel jüdische Handwerksgesellen, und dann sind jüdische Arbeiter nur unterzubringen, wenn man erstens auf ihre Eigenart Rücksicht nimmt, und wenn man Protektion ausübt, denn ein großes Vorurtheil herrscht selbst in vielen jüdischen Kreisen, und sind die Ursachen zum Theit nicht ungerechtfertigt. Wofür aber keine Nachweise vorhanden sind, die gerade unsere Glaubensgenossen am meisten benöthigen, das ist für Stellungen im Handel und Gewerbe. Die Aufgaben, welche ein Stellungsnachweis sich zu stellen hat, um für unsere Glaubensgenossen erfolgreich zu wirken, sind viel umfassendere, und in dieser Erkenntniß begründeten die Mitglieder der Berliner Bnai Briß-Logen vor zwei Jahren einen Humanitätsverein zu diesem Zwecke, welcher sein Büreau in Berlin, Klosterstraße 44, hat und höchst segensreich wirkt. Schon im ersten Jahre unseres Bestehens gelang es uns, folgende Personen unterzubringen: Es sind von uns im Jahre 1896 mit Arbeit versorgt worden: Gewöhnliche Arbeiter 218, Hausdiener 72, Kutscher 3, Briefträger 17, Weinküfer 4, Krankenwärter 1, Inspektoren 1, Handwerksgesellen 54, Haudwerkslehrlinge 20, Registratoren 1,Büreauvorsteher1, Schreiber 49, Buchhalter 42, Kommis 61, Expedienten 4, Stadtreisende 14, Kaufniannslehrlinge 6, Schneiderinnen 6, Zuschneiderinnen 4, Buchhalterinnen 31, Kassirerinnen 2, Verkäuferinnen 37, Lehrmamsells 13, zusammen 661, davon männlich, verheirathet 196, weiblich, verheirathet 2, männlich, unverheirathet 376, weiblich/ unverheirathet 91. Gestatten Sie mir zu dieser statistischen Notiz einige Bemerkungen: Die große Zahl von 218 untergebrachten gewöhnlichen Arbeitern ist auffallend. Der größere Theil dieser Leute hatte einst bessere Tage gesehen. Einer davon z. B. war Bankdirektor in Wien, ein Anderer Fabrikant, dann viele Hausirer, die sich nicht mehr ernähren können, Handwerksgesellen mit diversen Gebrechen, die sie unbefähigt machen, weiter ihrem erlernten Gewerbe nachzugehen u. s. w. Und da sie in anderen Stellungen nicht unterzubringen waren, so nahmen sie Stellungen selbst gewöhnlichster Art an. Eine Anzahl war körperlich nicht stark genug und mußte bald ausspannen, die Meisten aber thaten und thun mit Aufopferung ihrer ganzen Kraft ihre Schuldigkeit zur Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber. Die Beschäftigungen, die wir ihnen zugewiesen, waren als Bauarbeiter, Fensterputzer, Kellerarbeiter, Felleklopfer, Fellträger, Mazesroller, Kellner und Speisenausträger in der Volksernährung der Berliner Gewerbeausstellung, Markthelfer rc. Von den bei der Privatpost Untergebrachten war z. B. einer ehemaliger größerer Fabrikant für wollene Phantasieartikel, der 11/2 Jahre mit seltener Pflichttreue trotz seiner 64 Jahre die' Briefkasten leert und erst 60 Mark, dann 75 Mark pro Monat verdiente. Der in der Palästina-Gesellschaft untergebrachte Weinküfer z.B. war früher Schlächtergeselle, der zu diesem Fache überging, weil er keine Stellung in diesem Gewerbe finden konnte. Er ist nun IV2 Jahr als Weinküfer thätig zur vollsten Zufriedenheit. Jüngst wurde uns eine Dame zugesandt, die den Beruf als Krankenpflegerin ergriffen hatte, bei der ersten Operation, der sie beiwohnte, aber in Ohnmacht fiel und daher eine andere Thätigkeit ergreifen wollte. Wir konnten sie als Wirthschafterin bei einem Wittwer mit mehreren Kindern unterbringen, der voll des Lobes über ihr Schalten und Walten in seinem Hause ist. Vor einiger Zeit kam ein Droschkenkutscher erster Klasse in unser Büreau und deklarirte sich als Buchhalter ersten Ranges, der viele Monate als solcher keine Stellung finden konnte und daher, um nicht zu verhungern, Rosselenker geworden. Es gelang uns, ihn seinem Berufe wieder zuzuführen und in eine geeignete Stellung zu bringen. Mögen diese wenigen Beispiele genügen, es wird Ihnen durch dieselben ein Bild der Thätigkeit geworden sein, wie sie ausgeübt werden muß, und man wird sagen müssen, daß das Resultat des ersten Jahres ein recht befriedigendes ist: die Unterbringung von 661 Leuten. Dem gegenüber aber stehen 2500 Personen, welche sich während desselben Jahres als Stellungsuchende bei uns meldeten, und da ist allerdings die Anzahl der untergebrachten Personen noch gering, und wir werden weiter auf Mittel und Wege sinnen müssen, um Abhilfe zu schaffen. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen über die Art und Weise der Thätigkeit, wie sie bei uns ausgeübt wird, ein erschöpfendes Bild gäbe, und möchte ich jeden sich dafür Jnteressirenden bitten, sich in den Vormittagsstunden von 9—11 Uhr in unser Vereinsbüreau, Klosterstraße 44, zu bemüheil und sich einige Zeit daselbst aufzuhalteu. Zuvörderst würden Sie erstaunt sein über die große Anzahl der sich bei uns täglich einfindenden Personen, die oft so groß ist, daß der Raum sie nicht fassen kann. Bald würden Sie gefesselt werden von dem, was sich Ihnen hier bietet. Ein Schriftsteller kann nirgends besseren Stoff zu vielen sozialen Romanen finden als gerade hier, wo eine ganze Welt erscheint mit ihrem Jainnler, aber auch in ihrem Hoffen. Alt und jung, befähigt und unbefähigt, arbeitstüchtig und arbeitsfreudig, aber auch entnervt und verbummelt, unlustig, dumm, träge, arrogant, aber auch wiederum genial und talentvoll, zu besten Hoffnungen berechtigend, finden Personen sich hier ein, Arbeit oder Stellungen suchend. Und Allen stehen wir zu Diensten, leihen Jedem offenes Ohr und betrachten uns als die Diener ihrer Wünsche, soweit es sich darum handelt, ihnen Beschäftigung zu verschaffen. In erster Reihe wird hier jedes Einzelnen Charakter, Fähigkeit und Lebenslauf geprüft, dann werden von den Büreaubeamten die nöthigen Erkundigungen eingezogen, denn nur Denjenigen, über welche günstige Auskunft ei,»geht, wird unsere Empfehlung zutheil. Unmöglich kann über die Nothwendigkeit eines Vereins für Arbeitsnachweis ein Zweifel bestehen, denn täglich kommenlbefähigte Arbeitsfreudige mit den besten Zeugnissen versehen, die trotzdem monatelang ohne Stellung sind, weil es ihnen an Kenntniß von Vakanzen oder Protektion mangelte; nun sie unser Büreau aufsuchten, konnten wir oft schon nach wenigen Tagen helfen. Wie oft erfahren »vir, daß Prinzipale nur Leute christlicher Konfession engagiren wollen, bis es unserer intensiven Fürsprache gelingt, bei Vakanzen Glaubensgenossen unterzubringen, und war durch die Tüchtigkeit des eingestellten Juden erst der Beweis geliefert von dem Irrwahn dieser Anschauung, dann war Bahn gebrochen, unb die Ueberzeugung greift Platz, daß es unseren Glaubensgenossen an Intelligenz.und Pflichteifer Keiner zuvorthut. Weit schwerer ist es, Denen Arbeit zu verschaffen, welche bereits Schiffbruch gelitten hatten, die an irgend einem Orte Deutschlands