Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Sammlungen bereits bis heute einen so günstigen Erfolg gehabt, daß dieses wichtige Projekt bei fortgesetzter Opserfreudigkeit unserer begüterten Glaubensgenossen seiner baldigen Verwirklichung entgegengehen kann. Nachdem darauf die Ergänzung des Vorstandes durch Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder vollzogen war, hielt Herr Dr. med. B. Auerbach-Köln einen allseitig beifällig aufgenommenen Vortrag über: „Was wir wollen und sollen". Seine Ausführungen gipfelten in folgenden Sätzen: Wenn die statistischen Erhebungen auch lehrten, daß der Kleinbetrieb immer mehr vom Großbetrieb verdrängt und aufgesogen würde, so behielte das Handwerk auch unter den veränderten Umständen seine wichtige Bedeutung. Es käme nicht auf absolute Selbständigkeit des Handwerkers im gewerblichen Sinne an, da ja im Großbetriebe nicht nur dieselbe tüchtige Ausbildung in der betreffenden Handfertigkeit verlangt, sondern dieselbe auch demgemäß bezahlt werde, also gewinnbringend nutzbar gemacht werden könne. Es läge bei dem jungen Handwerker, sich der Großindustrie in irgend einem technischen Zweige anzugliedern und dadurch sich selbst zu heben. Keineswegs sei das Handwerk ein Asyl für minder begabte und umsichtige Personen; es erfordere heute einen ganzen Menschen, entlohne ihn aber auch demgemäß. Unter allen Umständen sei der Zudrang zum kaufmännischen Berufe einzudämmen, zu dem gewohnheitsmäßig die meisten jüdischen Knaben der mittleren und unteren Stände immer noch geführt würden. Dies führe zunächst zu einer wirthschaftlichen Kalamität, da von vornherein nur einigermaßen kapitalkräftige junge Leute auf Erfolge rechnen können, viel mehr aber noch zu einer moralischen. Die Kapitalnoth, die gesteigerte Konkurrenz u. s. w. führen nämlich nur zu leicht zu den unlauteren Geschäftspraktiken, lärmenden Reklamen, wenn nicht Schlimmerem, die dann der Gesammtjudenheit zur Last gelegt werden. Die neueste Statistik weise noch immer eine zu starke Betheiligung der Juden an den kaufmännischen Berufen und demzufolge leider auch an den kaufmännischen Delikten auf! In einzelnen der letzteren ergäben sich bei prozentualer Berechnung für die Juden ungünstige Zahlen. Dies wäre bei der jahrhundertlangen geschichtlichen Entwickelung zwar verständlich, aber heute nicht mehr entschuldbar. Die Ablenkung in die technischen Gewerbe seien eine eminent sozialethische Aufgabe der Judenheit, bei der sich jeder Einzelne sagen müßte: tun res a§ilur. Wie allgemein bewegende Fragen der Redner berührt hatte, bewies die sich anschließende Debatte. Die Herren Rabbiner Dr. Auerbach-Elberfeld und Rabbiner Dr. David- Düsseldorf konnten die Ergebnisse der Statistik nicht ganz so ungünstig ansehen wie der Referent. Herr Dr. Auerbach-Elberfeld wies nach, daß, obwohl die Juden 10 pCt. zu den kaufmännischen Berufen stellten, sie doch an den kaufmännischen Delikten nur mit 5 pCt. betheiligt wären. Nichtsdestoweniger hielten beide Redner dafür, daß eine noch viel günstigere Ziffer mit allen Mitteln anzustreben sei. Herr Lehrer emer. Spier- Bocholt regte die Gründung von Vorschußkassen für junge Handwerker zur Unterstützung ihrer Selbständigmachung an, wie denn ein derartiger Verein in Bocholt segensreich wirke. Von anderer Seite wird entgegnet, daß der Handwerker daran gewöhnt werden solle, der eigenen Kraft zu vertrauen und daß, wenn auch Darlehen die schönste Unterstützung seien, doch die ganze sonstige Art jüdischen Wohlthuns in rationellere Bahnen gelenkt werden müsse. Herr Dr. Samuel-Essen fand es zweckmäßig, Eltern und Jugend darauf hinzulenken, daß das Handwerk auch heute kein minderwerthiger Beruf sei, zumal es überall die Perspektiven nach den höheren technischen Erwerbszweigen eröffne, deren sich auch unsere Jugend bemächtigen möge. Die Vorliebe der jüdischen Handwerkerlehrlinge für das Schneiderhandwerk bedauert Herr Rabbiner Dr. David-Düsseldorf im Hinblick auf die Thatsache, daß diese Schneider gewöhnlich die ohnehin große Zahl der jüdischen Konfektionäre vergrößerten. Man solle an dem Grundsatz festhalten, nur Knaben, deren körperliche Konstitution sie zu anderen Handwerken untauglich erscheinen lasse, zu Schneidern zu machen. Ein bemerkenswerther Appell wird aus der Mitte der Versammlung heraus an alle Glaubensgenossen gerichtet, doch ihr meist unbegründetes und stets demüthigendes Mißtrauen gegen die jüdischen Handwerker im eigenen Lager aufzugeben und den schwer um sein Brod ringenden jüdischen Handwerker durch Arbeit zu unterstützen. Nur dadurch könnte die jüdische Jugend auch Muth und Lust zum Handwerk gewinnen. Dieser Appell, dem eine allgemeine traurige Erfahrung zu Grunde liegt, fand durch Herrn Dr. med. Auerbach-Köln eine kräftige Unterstützung. Schließlich empfahl Herr Jacob Gottschalk-Kölu das Kölner Lehrlingsheim allgemeiner werkthätiger Förderung seitens unserer Glaubensgenossen, ein Institut, das mit der Ahlem'schen Erziehungsanstalt auf dem Wege „innerer Kolonisation" zu wetteifern geeignet ist. Mit dem Dank der Versammlung für den Vorstand endete die Sitzung. Wir können uns nur dem von Herrn Rabbiner Dr. Auerbach-Elberfeld ausgesprochenen Wunsche anschließen, daß gerade die dort abgehaltene anregende Versammlung dem Verein zahlreiche neue Mitglieder zuführen und das Verständniß für dessen Bestrebungen weiter verbreiten möge. In keiner nennenswerthen Gemeinde, besonders der westlichen Provinzen, sollte es an einem Ägitationskomitee fehlen, das im Dienste dieses Vereins arbeitete, Gelder flüssig machte und besonders israelische Knaben dem Verein zur Ausbildung als Handwerker zuführte. Das wäre ein Wirken im echten Sinne der jüdischen Religion, welche die Arbeit, zumal die körperliche, nicht nur theoretisch zuerst würdigte und anerkannte, sondern sie auch praktisch bei ihrer Bekennerschaft einführte und zu hohen Ehren kommen sah. - 8. Arbeit — nicht Almosen. Von Eugen Rosenstiel. ie großen Veränderungen der Erwerbsverhältnisse, wie sie gegenwärtig für den wirtschaftlich Schwachen ihren zu Boden drückenden Verlauf nehmen, üben ganz besonders auf die große Menge unserer erwerbsthätigen Glaubensgenoffen einen unheilvollen Einfluß aus. Die großen Bazare und die im großen Stile betriebenen Versandgeschäfte erschweren dem Kleinhändler immer mehr die Konkurrenzfähigkeit. Die kleinen Städte entvölkern sich zumal von Juden, denn die Ernährung wird dort gerade für diese immer mehr eingeschränkt; geschieht doch der Einkauf der meisten Bedürfnisse fast aller Orten an den von überall schnell zu erreichenden Centren; der Hausirhandel lohnt nicht mehr, und der Antisemitismus wirkt an allen kleinen Orten geschäftlich zweifellos, zumal der Jude vornehmlich dem Handelsstande angehört, gegen den sich ja überhaupt vielfache Anfeindungen richten. Es sott der Vermittler zwischen Produzent und Konflunent verschwinden. Es werden Verkaufs- und Einkaufsgenossenschaften aller Orten begründet. Auch durch das siegreiche Eindringen des weiblichen Geschlechtes in alle Geschäftsthätigkeiten ist ein Ueberfluß an Arbeitskräften entstanden, was sich besonders hier in Berlin fühlbar macht, denn mehrere Tausende unserer Glaubensgenossen, die arbeitsfähig tuib arbeitslustig, sind existenzlos, weil sie keine Tätigkeit für ihre Fähigkeiten erlangen können. Hierzu kommt noch das Vorurtheil gegen Juden, welches nicht nur bei Andersgläubigen herrscht. Unsere soziale Gesetzgebung ist noch nicht dahin gelangt, daß sie das Recht auf Arbeit gesetzlich anerkennt, so, daß Jeder, der befähigt und willig ist, zu arbeiten, verlangen kann: Staat oder Magistrat weise mir eine meinen Fähigkeiten entsprechende Arbeit an, damit ich mich und meine Familie ernähre — solche Leute theilt man der entwürdigenden Armenpflege zu und degradirt sie zu Almosenempfängern, wo ihnen zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben gegeben wird. Daher erscheint von allen philanthropischen Bestrebungen diejenige, welche Mittel und Wege sucht, unfreiwillig feiernde Glaubensgenossen in Stellungen zu bringen, wo sie ihr Brod für sich lind ihre Familie verdienen können, als eine hervorragend beachtenswerthe. Wir werden uns so lange damit beschäftigen müssen, bis es gelungen sein wird, die Arbeitlosigkeit überhaupt aus der Welt zu schaffen. Seit einigen Jahren ist man nun praktisch ans Werk gegangen, und unter der Aegide der städtischen Behörden und mit Beihilfe