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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-12 · Heft 46 (12.11.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 o. Berlin, 7. November. Der Vorstand der Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte veranstaltet zum Besten der Wittwen und Waisen am 20. November er. Abends 81/2 Uhr ein Elite-Konzert in den Räumen der Philharmonie unter Mitwirkung der Kammersängerin Frau Rosa Sucher, des Hofopernsängers Herrn Stammer, des Herrn Professor Gustav Holländer, des Herrn Otto Sommerstorf, der Frau Theresina Geßner und der belgischen , Hof-Opernsängerin Fräulein Sophie Hey mann. Billets sind vorher beim Rendanten Herrn M. Göttinger, Flensburgerstrüße 7, Herren Max Stein, Lehrterstraße 42, Max Moses, Alte Jakobstraße 15, sowie in der Weinhandlung von Friedlaender, Lothringerstraße 7, und bei den Herren Kantoren Marksohn, Große Hamburgerstraße 38, Epstein, Oranienburgerstraße 74 und Friedmann, Große Hamburgerstraße 38, zu haben. L. Berlin, 9. November. Die Thätigkeit des „Esra", Verein zur Unterstützung Ackerbau treibender Juden in Palästina und Syrien, hat in der letzten Zeit gute Resultate gehabt. Durch seine Initiative gelang es, gemeinsam mit einigen anderen Vereinen, für die schwer geprüfte Kolonie Mischmar-Hajarden endlich die Kaufbriefe über das Land zu beschaffen. Damit war für das Gedeihen dieser Kolonie die schwierigste Frage gelöst, da die Bauern endlich auf eigenem Grund und Boden sitzen und nicht mehr in der Gefahr schweben, von ihrem Gläubiger, dem sie noch den Kaufpreis für Grund und Boden zum größten Theil schuldeten, von Haus und Hof vertrieben zu werden. Alsdann gelang es dem „Esra", der seinerseits noch die Ordnung der bisherigen Schulden der Kolonie übernahm, eine kapitalkräftigere Gesellschaft zu finden, welche die Reorganisation von Mischmar im großen Stile unternehmen wird. Damit ist nun endlich auch für diese schwergeprüften Kolonisten in diesem Dorfe die Zeit der Besserung gekommen, und in nicht allzu ferner Zeit wird Mischmar zu den bestgedeihendsten der jüdischen Kolonien in Palästina gerechnet werden können. Diesen Fortschritt haben die Kolonisten in erster Linie der opferbereiten Initiative des „Esra" zu danken. Auch aus der kleinen Kolonie, welche der Verein bei Rechowoth angelegt hat, und die seinen Namen trägt, kommen sehr erfreuliche Nachrichten. Der Häuserbau ist beendigt, und die Vertheilung hat stattgefunden. Eifrig sind die angesiedelten Familien bei der Arbeit, ihre Pflanzungen einzurichten, und die ganze Anlage ist so vielversprechend, daß der „Esra", sobald seine Mittel ihm dies gestatten, unzweifelhaft eine Erweiterung und abermalige Ansiedelung einiger Familien unternehmen dürfte. Diese Erfolge des „Esra" zeigen, was auch mit kleinen Mitteln erreicht werden kann und in welcher Weise die Kolonisation Palästinas praktisch gefördert werden kann, ohne daß man sich dabei auf das Gebiet der hohen Politik des Zionismus einzulassen braucht, denn der „Esra" ist bekanntlich nur ein Unterstützungsverein, der keinerlei Politik treibt, also weder zionistisch noch antizionistisch ist, sondern sich daraus beschränkt, nach seinen bescheidenen Kräften Gutes zu thun. Wie es heißt, beabsichtigt der „Esra", eine kräftige Propaganda in diesem Winter zu veranstalten, um seine Mitgliederzahl zu vergrößern. Wir wünschen dazu den besten Erfolg. CA) Berlin, 9. November. Gestern ist hier nach schweren Leiden der Amtsgerichtsrath Karl Wilmanns im 63. Lebensjahre gestorben. Derselbe war weder Jude noch auch Neophyt; gleichwohl gehört die Nachricht von seinem Hinscheiden in dieses Blatt. Denn der Heimgegangene war einer der Nährväter des Antisemitismus in Berlin, einer der ersten, ja der erste Jurist, der öffentlich in der Mitte der achtziger Jahre gegen Juden und Judenthum auftrat und durch seine Schrift: „Die goldene Internationale" der antisemitischen Bewegung die Schlagworte geliefert hat, mit denen sie Jahrzehnte lang operirte. Er selbst zog sich freilich sehr bald vom Schauplatze zurück. Die Geister, die er gerufen, vermochte er nicht zu bannen, aber ihre Gefolgschaft wollte.er doch nicht theilen. In den letzten Jahren hat er sich an der Bewegung absolut nicht mehr betheiligt. jgg Thorn, 2. November. Bei der am 25. v. Mts. unter Vorsitz des Oberbürgermeisters Herrn Dr. Kohli als königl. Wahlkommissarius in der Aula des Gemeindehauses stattgehabten Repräsentantenwahl wurden die Herren Caspar Danziger, Professor Dr. Horowitz und Louis Kalischer wieder- und die Herren Dr. Wolpe und Heymann Jacobsohn neu gewählt. Zu Stellvertretern wurden die Herren S. Simon, H. Dekuezynski und Salo Lewin wieder- und Herr D. Sternberg neu ernannt. Bei jenen dauert die Wahlperiode sechs, bei diesen drei Jahre. Es betheiligten sich 62 Wähler oder 20 pCt. der wahlberechtigten Mitglieder. — Am 6. d. Mts. beginnt die Thätigkeit des Israelitischen Litteratur- und Kultur-Vereins. Den ersten Vortrag wird Herr Rechtsanwalt Stein über den „Zionismus und seine Gefahren" halten. — Am Simchas-Thora-Feste wurden den Knaben, die während des Jahres beim Synagogenchor mitgewirkt hatten, vom hiesigen Vorstande ansehnliche, werthvolle Bücher aus der jüdischen Litteratur als Prämien verabreicht. M. Eisenach, 5. November. Einen schweren Verlust hat die hiesige Religionsgemeinde durch den Tod des Herrn Salomon Stiebet erlitten. Seit mehr als 20 Jahren gehörte der Verstorbene der Gemeindevertretung an. Den Vorsitz, den er seit den letzten 6 Jahren geführt hatte, legte er im verflossenen Jahre aus Gesundheitsrücksichten nieder. Aber auch dann blieb er noch Mitglied der Kultusdeputation. Sein plötzlich erfolgter Tod hat die ganze Gemeinde erschüttert. Herr Landrabbiner Dr. Salzer entwarf in sehr eindrucksvoller Rede ein Lebensbild des Entschlafenen. Die Trauerfeierlichkeiten, die im Hause des Verstorbenen stattfanden, wurden durch ergreifende Gesänge des hiesigen Synagogen- Chores eingeleitet und beschlossen. Fast die ganze Gemeinde betheiligte sich am Leichenzug. in dem man auch eine große Anzahlder besten christlichen Mitbürger erblickte. Der Herr Reichstagsabgeordnete Casselmann befand sich unter den Folgenden. Auf dem Friedhofe angelangt, hielt der Lehrer unserer Gemeinde, Herr Meyer, dem Entschlafenen einen warmen Nachruf, in dem er besonders die Friedensliebe, die Uneigennützigkeit und die wahre Menschenliebe des Verstorbenen hervorhob, dessen Andenken in der Gemeinde immer fortleben werde. Die Ersatzwahl in der Kultusdeputation für den Verstorbenen fand in der vergangenen Woche statt. Gewählt wurde mit großer Majorität Herr Kaufmann Joseph Löwenstein zum Deputirten. — Zum Schluß meines Berichtes möchte ich noch auf die Thätigkeit des hiesigen Armenvereins Hinweisen. Die Einnahme incl. Kasfenbestand betrugen vom 1. Juli 1896 bis heute 1313,20 Mark die Ausgaben 1146,35 M., so daß ein Kasfenbestand von 166,85 verbleibt. Diese Unterstützungen wurden an etwa 700 — 720 durchreisende Bettler vertheilt. — Zum Vorsitzenden des Vereins wurde Herr Lehrer Meyer gewählt. (D München, 4. November. Heute wurde mit militärischem Gepränge der Oberstlieutenant a. D. Karl Henle beerdigt. Er war ein Bruder der bekannten Dichterin Elise Henle und stand seinerzeit im Jnfanterie-Leibregiment, das in der baierischen Armee eine ähnliche Stelle einnimmt wie die Garde in Preußen, und zwar als Jude! Seltsamerweise trat er nach seiner Pensionirung aus unbekannten Gründen zum Protestantismus über. Henle wurde 1666 schwer verwundet und vom Schlachtfeld getragen. In diesem Augenblicke wurde die Gruppe von einer Kartätsche getroffen, die Henle derart zurichtete, daß er für todt gehalten wurde. Sein Tod wurde nach Hause gemeldet, und er sollte gerade ins Grab gelegt werden, als man noch Lebenszeichen an ihm entdeckte. Das Jahr 1866 hatte bekanntlich in Altbaiern eine hochgradige Erregung hervorgerufen, die sich sowohl 'gegen die baierische Negierung wie gegen Preußen wendete. Ueberall wurde, raisonnirt, tumultuirt, und zwar überall unter dem Refrain: „Wir wollen nicht preußisch werden." Als nach 1866 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, erregte das viel Mißmuth und Unzufriedenheit. In Traunstein kam es bei. der ersten Kontrolversammlung zu einem förmlichen Aufstand. Zur Kontrolkommission war Henle, damals Hauptmann, kommandirt. Seinen Einwirkungen gelang es, wenn auch mit vieler Mühe, das Zustandekommen der Kontrolversammlung zu ermöglichen. Aber draußen auf der Straße sammelten sich große, mit Knütteln und Dreschflegeln bewaffnete Volksmassen. Sie stürmten das Rath haus, drangen in den Saal ein, in dem die Kontrolversammlung abgehalten wurde, und wollten über die Kommission herfallen. Henle suchte zu beschwichtigen, aber vergeblich. Um die ihn hart bedrängenden Tumultuirenden im Zaum zu halten, ergriff er endlich zwei Pistolen, stellte sich mit dem Rücken an die Wand und drohte Jeden niederzuschießen, der eine feindliche Bewegung machte. Zwei Stunden hielt er so die Menge in Schranken, bis Succurs kam und er mit dem Bezirksamtsassessor befreit wurde. Oberstlieutenant Henle hat ein Alter von fünfundsiebzig Jahren erreicht.

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