Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Deputationen und Kommissionen, daß der Vorstand thatsächlich die Arbeit nicht leisten könne. Der Vorstand werde jedoch dem Beschluß auf Einsetzung einer gemischten Kommission beitreten können, wenn die Zahl der Mitglieder von 9 auf 6, also 4 Repräsentanten und 2 Vorstandsmitglieder, herabgemindert werden würde. Demgegenüber treten die Herren Sanitätsrath Jastrowitz, Justizrath Tiktin und Louis Sachs in längerer Geschäftsordnungsdebatte dafür ein, den einmal gefaßten Beschluß aufrecht zu erhalten. Von der sofortigen Nominirung der Mitglieder der Kommission wird Abstand genommen. Zum Schluß liegt noch ein Antrag vor, dessen Dringlichkeit beantragt und beschlossen wird. Für Ausführung von Pflasterarbeiten und Erhöhung der Wege durch Unterpflasterung mit Cemeutbeton in einzelnen Feldern des Friedhofes in Weißensee wird die Summe von 2000 Mark (500 qm ä 4 Mark) gefordert. Der Antrag, über den Herr Maurermeister Joseph Fränkel referirt, findet die Genehmigung der Versammlung. — Im Anschluß an diese Mittheilungen aus der Gemeindestube dürfte die Nachricht für weitere Kreise von Interesse sein, daß Herr Rabbiner Dr. Rosenthal in Breslau die ihm seitens der Kommission angetragene Wahl abgelehnt hat. Was wird nun geschehen? Man darf darauf gespannt sein. cas Berlin, 9. November. Einer der angesehensten Männer unserer Gemeinde ist heute zu Grabe getragen worden, der Stadtrath Gustav Borchard t, der am 5. d. M. im Alter von 63 Jahren plötzlich aus einem arbeits- und segensreichen Leben geschieden ist. Der Verstorbene war im städtischen Ehrendienste seit 1870 zuerst Bezirksvorsteher und dann vom 2. Januar 1879 bis 4. September 1884 Stadtverordneter. 1884 zum unbesoldeten Stadtrath gewählt, gehörte er mehr als dreizehn Jahre dem Magistratskollegium an, das in ihm ein sehr thätiges und umsichtiges Mitglied verliert. „Der kleine, freundliche Stadtrath", wie Herr v. Mirbach den verstorbenen Stadtrath in der bekannten Gerichtsverhandlung gegen den Antisemiten Sedlatzek nannte, genoß in hohem Maße das Vertrauen der städtischen Körperschaften, die sich fast ausschließlich durch ihn vertreten ließen, wenn diskrete Verhandlungen wegen des An- und Verkaufs von Grundstücken in Frage kamen; meist handelte es sich dabei um Millionenwerthe. Kaiser Friedrich hatte dem Verewigten seine besondere Huld zugcwaudt, und auch die Kaiserin Friedrich zeichnete den Verewigten bei jeder Gelegenheit aus; führte die hohe Frau doch so mancher Humauitätsakt mit dem vortrefflichen Manne zusammen. Seine edle, uneigennützige Gesinnung, sein liebevolles, fürsorgliches Wohlwollen erstreckte sich auch auf die Kindergärten, Ferienkolonien und zahlreiche andere Wohlthätigkeitsinstitute. Besonders warm aber nahm er sich der Angelegenheiten der Resormgemeinde an, für die er seit Jahren mit unermüdlichem, wahrhaft frommem Eifer wirkte und schaffte. Wahrlich, er ist ein besserer und edlerer Jude gewesen als jene falschen Eiferer, die heute mitten unter den Bildungen einer neuen Zeit die alte, verknöcherte Orthodoxie neu zu beleben sich vergeblich bemühen. Er war ein Jude im Sinne des prophetischen Ideals, das er im Leben wie im Wirken für seine Gemeinde, die in ihm nicht nur ihren ersten Vorsitzenden, sondern auch eines ihrer besten Mitglieder verloren, allezeit bethätigt hat. Schnell und schmerzlos Hot ihn der Tod dahingerafft. In den Herzen Aller, die ihm näher standen, hat sich der Verstorbene ein bleibendes Denkmal gesetzt. Dessen war auch das Leichenbegängniß ein sprechendes Zeugniß. Eine außerordentlich große Versammlung von Leidtragenden hatte sich im Trauerhause eingefunden. Fast vollzählig war das Magistratskollegium durch seine Stadträthe vertreten, an ihrer Spitze Bürgermeister Kirschner, und auch viele Stadtverordnete, sowie der Vorstand und die Repräsentanten der Reformgemeinde waren zur Stelle. Mit dem Sologesang einer Sopranstimme, in deren unter Harmoniumbegleitung oorgetragenes schwermuthvolles Lied später der Chor einfiel, wurde die Feier eingeleitet. Dann hielt Prediger Dr. M. Lev in eine wahrhaft ergreifende Trauerrede zu Ehren des Verstorbenen. Der Redner knüpfte an das an Abraham ergangene Wort an: „Du sollst ein Segen sein." Dieses Wort erläuterte er durch die talmudische Legende: Abraham habe in seinem Herzen einen Himmel getragen. Ein würdiger Jünger Abrahams, war bei dem Verewigten jede That ein Ausfluß seines Herzens; alle Züge seines Lebens nahmen sich wie Strahlen aus, die von einem Mittelpunkt ausgingen. Der Redner zeichnete zuerst dessen Wirksamkeit auf der kommunalen Laufbahn, dann die praktische Wvhlthätigkeit in den vielen gemeinnützigen und wohlthätigen Vereinen und Veranstaltungen, die die hohe Auszeichnung rechtfertigen, daß er an die Spitze eines religiösen Gemeinwesens berufen wurde. Seine Frömmigkeit war die Frömmigkeit des Herzens, seine Pflege des Rechtes und der Liebe war ihm der Wandel in den Wegen Gottes. Statt das Böse zu bekämpfen, erschien es ihm würdiger, dem Guten zu dienen; so erblickte er auch in einem tadellosen Leben die siegreichste Abwehr jedes Angriffs auf unseren Stamm und Glauben. Im häuslichen Leben pflegte er alle die Tugenden, die von jeher als die herrlichsten in unserer Mitte gepriesen wurden: kindliche Pietät, das Leben in der Familie und für die Familie, dabei auch eine Gastfreundschaft, bei der jener unbefangene Frohsinn hervortritt, der nur einem guten Herzen eigen ist. Im Hause fand man den Schlüssel für seine Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit, die er im öffentlichen Verkehre kundgab; wer im Hause glücklich ist, den treibt es hinaus, auch draußen Glück zu verbreiten; seine öffentliche Wirksamkeit war der Abglanz des häuslichen Sonnenscheins. Nach der Rede setzte wieder unter Harmoniumbegleitung der Trauergesang mit Solo und Chor ein. Dann wurde der Sarg hinausgetragen und die Kränze aufgeladen. Eine unabsehbare Wagenreihe gab oem Leichenkondukt das Geleit zum alten Friedhof in der Schönhauser Allee, wo der Sarg unter Gesang und Gebet der Erde übergeben wurde. Das Andenken des edlen Mannes aber wird fortleben in seinen Werken. Friede seinem Geiste! r: Berlin, 9. November. Am 8. d. M. fand im Vereinshause, Wilhelmstraße 118, eine von den Herren Dr. Heinrich Meyer Cohn, Dr. Georg Minden und Eugen Rosenstiel einberufene Versammlung statt, in welcher Herr Frauberger, Direktor des Kunstgewerbemuseums in Düsseldorf, einen Vortrag hielt. Der Zweck desselben war, die Mitglieder der Berliner Gemeinde für die Gründung einer Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler zu interessiren. Obwohl die Zahl der Anwesenden leider eine verschwindend kleine war, ist doch zu erwarten, daß die von dem Herrn Vortragenden gemachten Mittheilungen und gegebenen Anregungen auch bei uns auf einen so fruchtbaren Boden fallen werden, wie er ihn in Frankfurt a. M. zu seiner großen Befriedigung gesunden hat. Ausgehend von der Thatsache, daß die Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler ein im Wesentlichen noch unerschlossenes Gebiet ist, und es kein Werk giebt, aus dem unsere Architekten und Kunsthandwerker sich in geeigneten Fällen unterrichten könnten, legte der Herr Vortragende dar, wie er, theils aus eigenen Mitteln, theils durch Herrn Charles Hallgarten materiell unterstützt, zuerst in Deutschland, dann auf seinen Reisen in Holland, Italien, Spanien und anderen Ländern ein unerwartet großes Material von jüdischen Kunstdenkmälern in Stein-, Metall- und Textilarbeiten vorgefunden hat. Die große Anzahl der herumgereichten Photographien und Nachbildungen erregte die lebhafteste Bewunderung der aufmerksamen Zuhörer, die erstaunt waren, zu sehen, einen wie reichen Schatz zur Kenntniß des Kunstsinnes bei den Juden die Sammlung des Herrn Direktor Frauberger schon jetzt birgt. Werden erst reichere Mittel zur Verfügung stehen und sachkundige Gelehrte und Kenner zur Mitarbeit herangezogen werden können, so soll nicht nur ein Organ zur Mittheilung der Ergebnisse der Nachforschungen geschaffen, sondern auch ein Museum jüdischer Kunstdenkmäler in einer hierfür besonders geeigneten Stadt Deutschlands begründet werden. Daß man letzteres bereits in Wien versucht hat, kann uns nur zur Nacheiferung anfeuern. Wir hoffen schon binnen Kurzem nähere Mittheilungen bringen zu können und sind Herrn Direktor Frauberger zu herzlichstem Dank für seine Anregungen verpflichtet. L2 Berlin, 9. November. Am Sonntag feierte der in weiten Kreisen bekannte Lotterieeinnehmer Leopold Aron sein 25jähriges Jubiläum als unbesoldeter Gemeindebeamter, insbesondere als Mitglied der 69. Schulkommisston; außerdem bekleidet Herr Aron das Amt eines Mitgliedes des 70. Gemeindewaisenraths, eines Schiedsmanns und eines Abschätzungsverordneten des 131. Stadtbezirks. Im Namen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung überreichten die Herren Bezirksvorsteherstellvertreter Schulze und Stadtverordneter Hammerstein Herrn Aron eine Adresse. Herr Aron ist auch eines der eifrigsten Mitglieder der jüdischen Gemeindeverwaltung. Er gehört dem Vorstand der Neuen Synagoge, der Armen-Kommission, der Altersoersorgungsanstalt, der Kommission für die Friedhofsangelegenheiten sowie der für die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Feiertagen an und entfaltet in all diesen Stellungen eine eifrige Wirksamkeit zum Segen der Gemeinde.