Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Oesterreich - Ungarn □ Wien, 8. November. Die unbeschreiblichen.,Szenen, die sich bei den Versammlungen der Christlich-Sozialen und der Deutsch-Nationalen regelmäßig abspielen, haben sich nun gar ins Parlament verpflanzt, wo es in der abgelaufenen Woche ziemlich arg herging, und wo sich die beiden feindlichen Parteien (Lueger und Schönerer) mit den schönsten Namen bezeichneten. Da flogen Schimpfworts wie „Hanswurst-Bürgermeister", „der große Gaukler von Wien", „Schändbube" u. s. w. einander an den Kops; ja was noch mehr, und dem redegewaltigen Bürgermeister noch nie passirt ist: er wurde gewaltsam verhindert, seine angekündigte Rede zu halten. — Auch in Baden, wo Dr. Lueger sich höchst persönlich bemühte, seinen Genossen Foller in den Gemeinderath zu lanciren, erntete er durch den Sieg der Fortschrittlichen und Deutsch-Nationalen eine unerwartete Niederlage. — Zahlreiche israelitische Gemeinden haben in der bekannten Neumayerschen Interpellation an den hiesigen Kultusvorstand für dessen energischen Protest Zustimmungen gerichtet. — Der König von Württemberg hat Herrn Philipp Fl ei schl, gewesenen Schriftführer des Deutschen Hilfsvereins in Wien, das Ritterkreuz erster Klasse des Friedrich-Ordens verliehen. — Vor einigen Tagen ist hier im hohen Alter von 101 Jahren Herr Ignatz Bobelle, der Schwiegervater des General-Direktors Ritter von Borkenau, verschieden. — Vor dem kürzlich erbauten Tempel in Olmütz wurden des Nachts Bomben gelegt. Nun hat der Bürgermeister Brandhuber einen Aufruf an die Bevölkerung, erlassen, in dem er demjenigen eine' ansehnliche Belohnung zusichert, der den Thäter namhaft macht. Allgemein ist dort die Ansicht verbreitet, daß es sich um ein Bubenstück handelt, wiewohl Fachleute die Erklärung abgeben, daß das Spenggeschoß nicht mit Pulver, sondern mit Dynamit gefüllt war. Das Sprenggeschoß selbst bestand aus einer 20 Centimeter langen Schmiedeeisenröhre, deren Durchmesser 5 Centimeter und deren Stärke 4 Millimeter betrug; an beiden Enden war das Geschoß durch eingegofsene Pfropfen aus Zink abgeschlossen. Einer dieser Pfropfen war durchbohrt, um die Zündschnur einführen zu können. Bereits in der Vorwoche war ein Fenster des Tempels von einem Unbekannteneingeschlagen worden. Beschädigt sind zwei Lampen des Vestibules, die Mauern desselben, sowie die gemalten Glasscheiben der Thür. Rußland. •W. Petersburg, 1. November. Seit jeher besteht in Rußland das Gesetz, wonach auf den russischen Gymnasien jüdische Schüler nur in der Höhe von 3 pCt. der Gesammtzahl der Schüler ausgenommen werden dürfen, in den Landestheilen jedoch, wo die städtische Bevölkerung meist aus Juden besteht, ist dieser Satz auf 5 pCt. erhöht. Daß durch dieses Gesetz der Besuch der Gymnasien den Juden äußerst erschwert wird, liegt auf der Hand, zu bedauern ist es aber, daß dieses Gesetz auch in anderen Ressorts, für welche es gar nicht geschrieben ist, zur Anwendung gelangt. Diesem Uebelstand hat nun der jetzige Minister des Innern Goremykin abgeholfen, und zwar durch eine soeben von ihm erlassene Anordnung. Nach letzterer dürfen bei der Aufnahme von Juden in landwirthschaftliche, technische und andere dem Ministerium des Innern unterstellte Fachschulen sowie bei der Anstellung von Juden in Apotheken und ähnlichen Betrieben denselben keine Einschränkungen im Sinne jenes Gesetzes gemacht werden, vielmehr können sie in beliebiger Zahl ausgenommen und angestellt werden. Diese humane Maßnahme des Ministers wird mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen. Von Nah und Fern. — Der Rittergutsbesitzer Spiekermann in Rangsdorf, der bekanntlich vor seinem Gutshof eine Tafel mit der Inschrift „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten" anbringen ließ, ist von Neuem zum Amtsvorsteher des Amtsbezirks Blankenfelde ernannt worden. — Auf dem jüdischen Friedhof in Eberswalde, wo schon früher ähnlicher Frevel verübt worden ist, sind durch ruchlose Hände mehrere Grabsteine beschädigt worden. Die Polizeiverwaltung hat eine Belohnung von 100 Mark für die Ermittelung des Thäters ausgesetzt. — In Gumbinnen wurde der Beamte der jüdischen Gemeinde, Nadel, welcher mit einem Fräulein Wallerstein Besuch vorn Bahnhof abholte, durch einen führerlosen Einspänner überfahren. Nadel wurde getödtet, seine Begleiterin verletzt. — Der Landrai$ des Kreises Fraustadt-Lissa, Herr v. Hellmann, welcher der bekannten Breslauer Bankier - Familie Hermann entstammt, ist zum Polizeidirektor der Stadt Posen ernannt worden. Wegen seines liebens- . würdigen Entgegenkommens, welches keinen Unterschied der Konfessionen kannte, wird sein Scheiden allgemein bedauert. — Auf dem israelitischen Berbandsfriedhof Kuppenheim bei Rastatt wurden mehrere Grabsteine umgestürzt und theilweise beschädigt. Dieser Unfug hat sich leider wiederholt, ohne daß der oder die Thäter ermittelt werden konnten. Eine exemplarische Strafe wäre für diese unerhörte Rohheit am Platze. Hoffentlich gelingt es bald, die Verbrecher zu fassen. — Der neue rumänische Armeereformplan beschränkt die allgemeine Militärpflicht auf rumänische Staatsbürger. Für die zum Dienst untauglichen Rumänen und die nicht anderwärts ihrer Militärpflicht nachkommenden Fremden, wozu auch die nicht naturalistrten rumänischen Juden gehören, ist eine Wehrsteuer vorgesehen! — Dr. Max Nordau begiebt sich vor Ablauf dieses Monats nach Petersburg, um sich mit den russischen Juden bekannt zu machen. — Die Frage, ob Jüdinnen, die das Recht haben, überall in Rußland zu wohnen, nach ihrer Verheirathung mit einem Manne, der dieses Recht nicht hat, ihr ursprüngliches. Recht verlieren oder nicht, ist, wie die „Pet. Wed." hören, vom Senat im positiven Sinne entschieden. —Baron David Günzburg in Petersburg wird behufs geschichtlicher Studien nach Abessinien reisen. Dabei wird er wohl auch sein Augenmerk auf die Falaschahs richten.. Seit den Studien Halevys, deren Resultate in seinem Werk „Die Gebete der Falaschahs," von der Alliance israölite herausgegeben wurden, haben die Nachweisungen über die Falaschahs keine Fortschritte gemacht. Ein Brief, den die Karäer an sie richteten, erhielt keine genügende Antwort. — Die Karäer haben um die Erlaubniß nachgesucht, zur Vertretung ihrer Interessen ein hebräisches Journal in der Krim herausgeben zu dürfen. — Nach den Berichten der Stiftung für jüdische Handwerker und Ackerbauer sind, allein 8602 jüdische Familien^in Rußland mit dem Bau von Gemüse rc. beschäftigt, ohne di^ zahlreichen Familien zu rechnen, welche in den Tabak, und Weinpflanzungen beschäftigt sind. Dies Resultat einer eingehenden Untersuchung ist nicht ohne Interesse, es bestätigt, daß die Zahl der landwirthschastlich beschäftigten Juden in Rußland viel größer ist, als man gewöhnlich denkt. — In dem Petersburger Institut für Frauenärzte ist festgesetzt worden, daß nicht mehr als 5pCt. nichtchristliche Studentinnen, und davon nicht mehr als 3pCt. jüdische, angenommen werden dürfen; die Zahl der jüdischen Studentinnen ist also abermals beschränkt worden. — Die Prooinzialbehörde in Tomsk hat angeordnet, daß die Juden, welche nicht das Recht des Aufenthalts in Tomsk haben, aus dieser Stadt vertrieben werden sollen. Diese Maßregel trifft ca. 800 Familien, größtentheils aus Rußland Verbannte, welche sich in Tomsk angekauft hatten und nun in große Noth gerathen. Dabei arbeiten an der sibirischen Eisenbahn circa vierzig jüdische Ingenieure, die man genöthigt war, anzustellen, da. in Rußland nicht genug fähige Ingenieure christlicher Religion zu finden waren und fremde, d. h. ausländische Beamte nicht angestellt werden sollen. — Das jüdische Komitee, welches sich in Lissabon vor einigen Monaten gebildet hat, um die antisemitischen Angriffe abzuwehren, hat auch schon die Sorge für die jüdischen Armen übernommen. Da sich eine unverhältnißmäßig große Zahl derselben vorfand, so hat das Komitee Warnungen nach Gibraltar und den Häfen von Marokko versendet, um vor der Einwanderung nach Portugal zu warnen. — Der neue Generalgouverneur von Algier, Läpine, hat in seinem Manifest an die Bevölkerung sofort energisch Stellung genommen gegen die antisemitischen Wühlereien, welche den Frieden dieser Provinz bedrohen. — Mr. Abraham Slimmer aus Waoerley (Iowa) hat dem Heim für altersschwache Juden in Chicago 50 000 Dollars und dem jüdischen Waisenhaus 25 000 Dollars geschenkt. — Dr. Herbert Frieden,wald aus Philadelphia ist zum Kustos der Manuskriptenabtheilung in der Bibliothek des Kongresses in Washington ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.