Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 46. LerUn, 12. November 1897. Weilagö zur „Allgemeinen Zeitung öes IüöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutsch lan-. .* 8. Berlin- 7. November. Die heutige Repräsentanten- Versammlung hatte nur eine kleineaus 6 Punkten bestehende Tagesordnung zu erledttzen. Zum geschäftlichen Theil lag eine Einladung des hiesigen. Humanitätsvereins Gwul Tow zur Feier des 25jährigen Bestehens am 14. November vor. Als Vertreter des Repräsentanten- Kollegiums wurden hierzu die Herren Bodenstein, Fraenkel, Moritz Manheimer, Isidor und Leonhard Sachs abgeordnet. Eine schnelle Erledigung fanden ferner die Punkte 3, 4 und 5. In die Kommission zur Revision der Kassen und. des Depositoriums wurden die Herren Moritz Manheimer, Isidor Sachs, Neufeld und Sieskind gewählt. Für die Untersuchung der Verhältnisse des jüdischen Krankenhauses werden von der Kommission die Herren Geh.-Rath Marcuse, Professor Baginsky,: Rudolf Mosse und' Joseph Fraenkel vorgeschlagen. Ein Antrag . Tiktin, der die Zahl dieser Kommission von .4 auf 6 erhöht und Herrn Geh. Rath Senator hinzubenannt wissen will, findet nicht die Genehmigung der Versammlung, doch verzichtet Geh. Rath Marcuse zu Gunsten des Geh. Rath Senato r, der diese Wahl annimmt. Punkt 5 der Tagesordnung, Berathung der Statuten des Waisenhauses in Pankow, wird gemäß dem Anträge des Referenten vertagt. Die Kommission hat die Erledigung dieser Frage auf ihre nächste Sitzung anberaumt und wird sie einem Wunsche des Vorsitzenden zufolge, um eine nochmalige Vertagung zu vermeiden, erst dann wieder auf die Tagesordnung.fetzen lassen, wenn die Materie vollständig durchberathen. ist. Regeres Interesse, wovon auch das zahlreiche Erscheinen der Repräsentanten und die mehr als übliche Besetzung der Tribüne Zeugniß ablegte, nahm nur Punkt 2, der Schriftwechsel zwischen dem Polizei-Präsidium und den Gemeindebehördenbetreffs des jüdischen Religionsunterrichtes, in Anspruch. Referent war Herr Leonhard Sachs. In seinen Ausführungen griff der Referent auf die den Lesern unserer Zeitung bekannten Schriftstücke, welche in dieser Angelegenheit "bereits erfolgt sind, zurück, nämlich auf das vom Polizeipräsidium ergangene Verzeichniß derjenigen Kinder, dre keinen Religionsunterricht genießen,und auf das daraufhin vom Gemeindevorstand an die Eltern dieser Kinder erlassene Cirkular. Nach Eingang der von den Eltern erstatteten Antworten habe der Vorstand am 9. Oktober ein neuerliches Schreiben an das Polizeipräsidium ergehen lassen , in welchem er erklärt, daß er außer Stande wäre, durch Zwangsmaßregeln auf die Eltern einzuwirken, ihre Kinder am Religionsunterrichte Theil nehmen zu lassen. Der allgemeinen Durchführung dieser Forderung ständen auch viele Hindernisse im Wege. Theils seien es die weiten Wege, , welche die Kinder bis zur Religionsschule zurückzulegen hätten, theils seien die Unterrichtstage, Mittwoch Nachmittag .und Sonntag Vormittag, gerade diejenigen, an denen die Kinder anderer Konfessionen frei hätten. Alle diese Bedenkens ließen sich nur beseitigen, wenn der Religionsunterricht in den allgemeinen Lehrplan eingefügt und zu derselben Zeit wie der christliche ertheilt würde. Der Minister habe auch für die königlichen Gymnasien beschlossen, diesen Gründen Rechnung zu tragen. Ein Gleiches wäre für die königliche Elisabeth- und Augustaschule wünschens werth. Die etwaigen hierdurch entstehenden Kosten würde der Gemeindevorstand zu tragen keinen Anstand nehmen. Die Erwägungen der Eltern haben sich auch dahin gerichtet, daß die Kinder im Alter von 6—8 Jahren zu schwach seien, um das zu fassen, was außer dem Lehrplan ihnen geboten "würde. Der Vorstand gäbe hier zu erwägen, ob man. nicht besser thäte, erst nach dem9. Jahre in diesem Gegenstand unterrichten zu lassen. Der Privatunterricht, welchen viele Kinder hätten, entzöge sich vollständig der Kontrole des Gememdevorstandes. Der Schluß des Schreibens beträfe den Hinweis, daß es an den öffentlichen Schulen an einem Lehrplan für. den Religionsunterricht fehle; unter Zusagung der Mitwirkung der Gemeindebehörden und der Mitglieder des Seminars wolle der Vorstand alles thun, um den Religionsunterricht in jeder Weise zu fördern. So weit die Antwort des Gemeindevorstandes. Der Referent fügt noch folgende Ausführungen hinzu : Es sek.gar kein Zweifel, daß der Religionsunterricht in den letzten 25 Jahren von den Behörden vernachlässigt worden sei. Die große Schwierigkeit liege darin, wie er ertheilt werden solle. Es spreche doch vieles für den obligatorischen Unterricht, obwohl sich enorme Schwierigkeiten in der Ausführung Herausstellen werden.. Im Großen und Ganzen sei er mit dem Inhalt der Antwort einverstanden, nur in zwei Punkten sei . er ariderer Meinung. So müsse man Werth darauf legen, den Kindern so früh als möglich den Religionsunterricht ertheilen zu lassen. Auf den Unterricht im Hebräischen lege er keinen so großen Werth, weil es nach der Ansicht der Pädagogen unthunlich sei,- Kindern im Alter von 6 bis 7 "Jahren Sprachunterricht zu ertheilen. Jetzt läge es so, daß viele Eltern gar keinen Anstand nehmest, den Kindern Anfangs christlichen Religionsunterricht geben zu lassen. Nicht einverstanden könne man feiner mit dem Passus des Schreibens des Vorstandes sein, wo auf den Mangel eines Lehrplanes'hingewiesen würde. Das mache den Eindruck, als ob der Polizeipräsident den Lehrplan für unsere Schulen aufstellen sollte, über den doch Niemand besser als wir entscheiden könne- Zum Schluffe seines eingehenden Referates schlägt Herr Sachs vor, mit Rücksicht auf das große Material entweder eine Sitzung anzuberaumen, . welche nur diesen Gegenstand zur Berathung hat, oder' eine gemischte Kommission, einzusetzen. Dem letzteren Vorschlag trägt ein Antrag Blum e nt hal Rechnung, welcher die Einsetzung einer gemischten Kommission von sechs Mitgliedern zur Regelung des Religionsunterrichtes beantragt. In der sich daran anschließenden Diskussion räth zunächst Herr Justizrath Meyer von der Wähl einer Kommission ab, da die Sache noch gar nicht im Fluß und noch alles chaotisch sei.' Zwangsweise einen Unterricht, der nicht mit der Schule Zusammenhänge, ertheilen zu lassen, sei einfach eine Unmöglichkeit. Auch die Forderung eines Lehrpensums von der Behörde sei ganz berechtigt, nachdem die Ernennung eines Inspektors, wie es der Vorstand gewünscht habe, abgelehnt worden sei. Als Uebelstand stelle sich noch heraus, daß die erste und zweite Religionsschule wegen Ueberfüllung keine Zöglinge mehr aufnehmen könne. Sobald die nöthigen Lehrkräfte da wären, müßte unzweifelhaft Mit der Eröffnung von mindestens zwei neuen Schulen vorgegangen werden. Herr Geh.-Rath Blumenthal vertheidigt dann seinen Antrag: Es müsse eine Sichtung des bisher vorliegenden Materials vorgenommen werden; die Schulvorsteher müßten die' Namen der Lehrer kennen, die den Privatreligionsunterricht ertheilen, und diese, falls sie nicht qnalistzirt sind, zurückweisen. Der Plan für die Religionsschulen könne nur von der Gemeindevertretung entworfen werden, ebenso die Prüfungsordnung für die Lehrer. Für Letztere müßten Kurse eingerichtet werden, hauptsächlich am jüdischen Lehrerseminar, an der Rabbinerschule, an der Hochschule u s. w. Um alle diese Dinge objektiv zu prüfen, sei die Einsetzung einer Kommission erforderlich. Während Herr Justizrath Meyer noch einmal bittet, die Wahl:der Kommission zu vertagen, bis die Antwort vom Polizeipräsidium erfolgt sei, treten Herr Leonhard und Isidor Sachs für die sofortige Wahl ein, um die Frage reiflichst in Erwägung zu ziehen und damit die Kommission Zeit hätte, sich langsam in die Sache heineinzüarbeiten. Nach Ablehnung eines Erweiterungsantrages, welcher 13 Mitglieder (6 Repräsentanten, 3 Vorstandsmitglieder, 2 Rabbiner und 2 Direktoren der Relgionsschulen) in die Kommission entsenden will, wird der Antrag Blumenthal dahin modistzirt, der gemischten Kommission (6 .Repräsentanten, 3 Vorstandsmitglieder) das Kooptationsrecht zu verleihen, und in dieser Fassung von der Versammlung angenommen. Herr Justizrath M eyer hält es für sehr zweifelhaft, ob der Vorstand diesem.Beschluß beitreten wird. Es existirten im Augenblick so viele