Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Herr Kollege Rosenhäupt sich auf seine „Forschung" berufen, wenn er von „unseren" traditionellen Melodien spricht? Wurden nur die süddeutschen Melodien am.Sinai unsvorgesungen?. Oder nur die norddeuts^en Melodien? Wenn Kollege.Rosenhaupt auf seiner Forschung fußt, mußteer doch wissen, daß alle unsere traditionellen Melodien uns nicht auftdem Sinai vorgesungen wurden. Ich empfehle Herrn Kollegen Rosenhaupt die jüdischen Gesänge, von William Wolf und Marksohn. Aus denselben ist zu ersehen, wie sich z. B. die *>"Y^ b'D Melodie entwickelt hat. — Ist vder Inhalt in Süddeutschland anders als in Norddeutschland oder gar in dem verächtlichen Polen? Bastren nicht vielmehr die jüdischen Melodien auf den. alten Tonarten, deren gesangliche Weisen vielmehr dem gesammten jüdischen Volke eigen sind, weil.;sie den Inhalt der Gebete ausdrücken? Auch der Stil des Wochentagschasonus ist überall, derselbe. Kleine Abweichungen finden wir nicht allein hierin, sondern überhaupt bei allen Stilarten, die ein besonderes Gepräge an sich haben. Herr Kollege Rosenhaupt behauptet, daß der polnische Chasan nicht im Stande sei, den gewöhnlichen , einfachen Werktagsgottesdienst zu verrichten. Hierin hat Herr Kollege Rosenhaupt vielleicht insofern Recht, da der polnische Chasan, obgleich er nicht den Oberkantortitel führt, überhaupt nie an Wochentagen vorbetet, ja nicht einmal an jedem Sabbath, sondern nur einmal in vier Wochen. Wenn aber doch der polnische Chasan an Wochentagen vorbetet, so hat dieser Tag eine ganz besondere Bedeutung. Er bekommt vielmehr das Gepräge eines Festtages. In Polen wird z. B. der 15, Kislev von der Chewra Kadischa gefeiert. Wird ganz zu Ende gelernt, so begeht der Verein ein großes Fest, und der Chasan betet dann vor. Ich wünschte Herrn Kollegen Rosenhaupt, wenigstens eine Piece von einem polnischen Chasan an Wochentagen zu hören. Er würde dann wohl anders urtheilen. Mit großer Rührung denke ich selbst an die Wochentagspiecen, die ich in meiner Heimath gesungen habe, wie z. -B. VTlb* TTD und 1» Alle diese Gesänge halten eine Fülle von dem „würdigen uralten Schon bevor ich die Wochentagsgesänge "i HI von Herrn Kollegen Rosenhaiipt gesehen habe, habe ich diesen Gottesdienst in seinem vollen Umfange komponirt. Ich möchte hier nicht auf Einzelheiten eingehen, damit,es nicht den Anschein gewinnt, daß ich die eigenen Kompositionen anpreisen wolle. Eins aber sei mir gestattet zu bemerken, daß Herr William Wolf, der mit der Herausgabe seiner Musik-Aesthetik seinen Ruf in der Musikwelt noch vielfach erhöht hat, keinen Anstoß nimmt, meine Wochentagsgesänge, im hiesigen Seminar, wo er als Nachfolger des seligen Lewandowski den Musikunterricht leitet, mit den angehenden Kantoren zu studiren. Gern stelle ich auch Herrn Kollegen Rosenhaupt das Manuskript zur Verfügung. — Wenn Herr Kollege Rosenhaupt Folgendes behauptet: „Allein, was Chasonus anbelangt, vermag der in unserer Liturgie unbewanderte Pole nicht zu urtheilen", so muß ich bemerken: Die meisten jetzt in Deutschland sogar in Ehren fungirenden Kantoren haben sich allerdings erst hier allgemeine Bildung angeeignet. Dagegen haben sie in ihrer Heimath von Kindheit auf sich ausschließlich mit dem Chasonus befaßt, so daß sie dasselbe, man darf es wohl aus sprechen, mit der Muttermilch eingesogen haben. An anderer Stelle sagt Herr Kollege Rosenhaupt: „Er kennt keine Tradition und hat auch keinen Halt beim Gesang." Diese Vorwürfe sind unbegründet. Auch in Polen kennt man ganz genau die traditionellen Gesänge. Auch dort singt man die den pplft mit den üblichen Melodien wie in Deutschland. Ferner kennt auch der polnische Chasan den Stil eines jeden Gebetstückes. Er würde nie N2NZ- Steiger mit verwechseln, ebenso nicht "plpJÖfc Steiger mit nfiX- Der polnische Chasan hat daher wohl „Hatz" beim Gesang. Ferner sagt Herr Rosenhaupt: „Es ist kühn, von jener Seite über altjüdische Melodien zu sprechen, die vielleicht das Davidle, der Eisek, der Schmul und der Boruch erfunden haben." Auch Herr Oberkantor Singer spricht von diesen Namen in einem seiner Artikel, aber mit ganz anderer Pietät. Er nennt diese Kantoren „erste Giltze, aus die wir Jünger einer späteren Epoche mit Achtung zurückblicken müssen". Ferner behauptet Herr Kollege Rosenhaupt von dem polnischen Chasan, daß er sich schwer „amalgamirt", und daß er auch gesangliche Unarten an sich habe. Jeder Kantor, der in Deutschland eine-Stepe bekleidet, war eifrig bemüht, selbst die Anforderungendie Herr Köllme Rosenhaupt an den Kantor stellt, sich anzueignen. Der polnische wie der norddeutsche Kantor haben stets das Ziel vor Augen, der Gemeinde zu gefallen oder, wie' es in der hebräischen Sprächecheißt, hsip^ Bon, demselben Gedanken, behaupte ich, ist auch der. süddeutsche Kantor beseelt. Und. wenn der Kantor der Gemeinde, gefällt, sei es mit den süddeutschen oder mit den norddeutschen Melodien, so.hat er seinen Zweck als BlÄS irbty erfüllt und sich auch selbst im Sinne des Herrn Rosenhaupt amalgamirt.: Was aber die gesanglichen Unarten-betreffen, die. den polnischen Kantoren anhaften, -will ich Folgendes erwiedern. Als ich mich im Jahre 1893 in Ems aufhielt, lernte ich den Opernsänger Rawner aus Italien kennen. Die Berliner Zeitungen schrieben gerade vorher von ihm, er sei eine sehr-bedeutende Kraft als Opernsänger. Ja, kein Opernsänger hätte solche Ehrenzeichen aufzuweisen wie Herr Rawner. Ich bot daher alles auf, um meinen Landsmann, den königlichen Sänger, zu hören, aber vergebens. Eines Tages sagte ich zu ihm: -,Jch möchte doch, nicht Ems verlassen und Sie nicht gehört haben." Darauf erwiederte er mir: „Nun, ich will Ihnen sagen, - wie ich singe. Ich singe wie ein polnischer Chasan." Dieser Ausspruch genügte mir. Ich entnahm diesen Worten, daß er mit großer Empfindung und mit seelenvoller Innigkeit singt. Schließlich wundere ich mich sehr, daß sich bis jetzt kein Kantor gefunden hat, der an dieser Stelle die Behauptungen des Herrn Rosenhaupt gegen Altmeister Lewandowski zu widerlegen versuchtes Schreiber dieser'Zeilen hat-dies bereits in einer Fachzeitung gethan. Ich glaube aber-daß ein Wort darüber wohl auch hier am Platze ist. Herr Kollege Rosenhaupt macht Lewandowski zum Vorwurf, „er ist in den Kompositionen, die er dem Chasan zugewiesen hat, vielfach von der Tradition abgewichen". Dieser Borwurf ist mir schon insofern unverständlich, als auch die Nürnberger Gemeinde, wo Herr Rosenhäupt als Kantor fungirt, Lewandowski räufgefordert hat, für ihren Gottesdienst Gesänge zu komponiren. Dieses geschah auch zu einer Zeit, wo alle Heroen, wie Sulzer, Naumburg, Deutsch, Weintraub und Löwenstamm, lebten. In dem •n’Wll ITTin H von Lewandowski finden wir die Melodie für die Nürnberger Gemeinde arrangirt. Gehen wir in diesem Werke weiter, so finden wir die!TTDtf mit Orgelbegleitung, den vor kp1!2 u. v. a. alte traditionelle Melodien bearbeitet. Alle diese Melodien haben auch im ni'nblp für eine einzelne Stimme eine korrekte, strenge Bearbeitung gefunden. Beim Niederschreiben dieser Zeilen liegen vor mir alle Werke der Synagogenkomponisten, und ich. bemühe mich, Vergleiche an, zustellen. Ich muß gestehen, daß keiner von den Synagogenkomponisten gerade der Tradition so treu blieb wie Lewandowski. Auch bemühte er sich, alle diese Melodien in eine gesangliche Form zu bringen, die dem Sänger Freude machen. Alle unparteiischen Kollegen werden mir zugeben müssen, daß gerade in der Bearbeitung der traditionellen Gesänge Lewandowski die Palme gebührt. Was das Lewandowskische Chasonus betrifft, so zeichnet sich dasselbe durch tiefen religiösen Geist aus. Fast jede Piece, trägt den Stempel des alten, ehrwürdigen Chasonus. Die Melodien sind mit dem Texte voll und ganz verwachsen und verfehlen nie ihre Wirkung. Auch seine freien Kompositionen sind kunstvoll und von edlem religiösen Gemüth. Lewandowski bemühte sich, in den Kompositionen, die er für den Kantor schrieb, stets ein Ganzes zu liefern. Daher kein Wunder, wenn Lewandowski der Lieblingskomponist der Kantoren ist, sogar der süddeutschen. Lewandowski genießt überhaupt eine große Popularität. Seine Werke sind überall verbreitet. Jeder strebsame Kantor hält es für seine Pflicht, sich mit den Lewandowski'schen Schöpfungen vertraut zu machen. Auch die Gemeinden selbst wünschen Lewandowski zu hören, weil sie sich an seinen Gesängen, die sich stets durch Einfachheit der Tonsprache, durch tiefe Empfindung auszeichen, erbauen. Wohl weiß ich, daß diese Zeilen noch lange nicht genügen, um die Bedeutung von Lewandowski, des Herosunter den Synagogenkomponisten, wie ihn Herr Kollege Birnbaum in. seinem jüngsten Vortrage nennt, zu schildern, aber ich wollte nur versuchen, das abfällige Urtheil-über Lewandowski in dem Artikel „Jüdische Melodien" zu widerlegen und nachzuweisen, daß Lewandowski auch für die Kantoren wahrhaft schöne Kompositionen geschaffen hat, die ihm ein dauerndes Andenken sichern. Berlin. Kantor A. Friedmann. - »MM Druck und Verlag von Rudolf Mosse^in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.- '