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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-12 · Heft 46 (12.11.1897) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 kommt gewiß zur Joels Adelheid auf die Schau." „Ob er wohl anbeißen wird!" „Der muß wohl auf beiden Augen blind sein!" So ging cs im Chorus vor den Hausthüren, bis die ersten frommen Beter aus der Synagoge kamen und es Zeit wurde, das Esten auf den Tisch zu bringen. Ein großer, starkknochiger Mann mit schwarzen Kraushaaren, im besten Mannesalter, war es, der heute. Abend die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog: Simon Wolf, einer der wohlhabendsten Viehhändler des Städtchens; ihm zur Seite schritt ein j unger Mann von etwas zarter Gestalt, mit einem intelligenten, feingeschnittenen Gesicht, dem die bekannte gebogene Nase sehr gut stan d und dessen Brille ein Paar kluger, dunkler Augen beschattete. „Das ist ein Freier, ein gebildeter! Anders thuts Wolfs Len' nicht," tönte die Stimme des weiblichen Publikums. — Wolfs Len' stand inzwischen herzklopfend in der „guten Stube" ihres väterlichen Hauses. Sie war klein, fast unansehnlich, hatte sich aber furchtbar herausgeputzt. Nach damals neuester Mode waren die Haare über die Stirn gekännnt und über den Augen gerade abgeschnitten. Hierdurch sah dieselbe nur noch niedriger aus, und das rothe Haar machte sich auf dem sommersprossigen Teint nicht eben vortheilhaft. Lene war nicht so dumm, um nicht zu wissen, wie wenig Eindruck ihr Aeußeres machte; allein sie wußte auch, daß sie das einzige Kind des Simon Wolf war, und dieses Bewußtsein, welches sie zur „guten Partie" stempelte, gab ihr eine Miene des Selbstvertrauens, die ihr meist als Hochmuth ausgelegt wurde. Und hochmüthig war sie; sie fam erst jüngst aus der Pension, denn seit Jahren mutterlos, hatte sie ihren Vater gequält, bis sie dort den ihr so nothwendig dünkenden „Schliff" erhielt. Dem Vater, mit seiner alten Haushälterin stets in Frieden lebend, mochten die modernen Allüren des jungen Mädchens etwas unbequem sein. Wenigstens that er sein Möglichstes, um es dem jungen Freier, denn ein solcher war es wirklich, angenehm in seinem Hause zu machen, mit dem geheimen Wunsche, es möchte etwas aus der Sache werden. Der junge Mann war ihm von Frau Simon, der Pensionsvorsteherin Lenens, sehr empfohlen.. Es sei ein gebildeter Kaufmann, dessen Geschäft blühe, dem aber eine wohlhabende Lebensgefährtin fast unumgänglich schiene. Da sie noch oft an Lene dächte und es bedauere, daß sie, die sich in der Großstadt so wohl gefühlt, sich jetzt daheim gräme, glaube sie, es sei doch am besten, wenn sie sich verheirathete. Herr Wolf zog Erkundigungen ein — und siehe da, er fand, daß es gut sei! Und so kam es, daß Herr Felix Meyer heute Gast bei ihm war und eben von Fräulein Lene, nachdem sie den üblichen Sabbath-Scgen des Vaters empfangen, liebenswürdig begrüßt wurde.. Der Segen über Wein und Barchcs wurde gesprochen, der duftende Fisch, die köstliche Suppe, Braten und Nachtisch mit Appetit verzehrt, und nachdem die alte Sara abgetragen, der Vater das Tischgebet gesprochen, drückte der Sabbathengel seinen Kuß auf Wolfs Stirn, und er entschlief sanft. Das war ihm so zur lieben Gewohnheit geworden, daß er selbst durch die Gegenwart des Gastes sich nicht darin behindern ließ. „Wie lange schlafen Sie denn Freitag Abend nach Tisch," so wurde er einmal gefragt? „Nun," war seine Antwort, „ich schlafe, bis ich schlafen gehe." Fräulein Lene, etwas genirt durch die Ungenirtheit ihres Vaters, begann die „gebildete" Unterhaltung. Damals war die „Marlitt" hochmodern, und Lene wunderte sich sehr, daß Herr Meyer die „Goldelse" und „das Geheimniß der alten Mamsell" nicht kenne. Herr Meyer erzählte ihr nun, wie angestrengt er täglich in seinem Geschäft arbeiten müsse, so daß er kaum die Zeitung lesen könne. Er frug, ob Fräulein Lene sich auch gern beschäftige, es gäbe für ein junges Mädchen gewiß Arbeit genug im Hause. „Wofür wäre denn Sara da?" antwortete Lene etwas schnippisch. Das Gespräch stockte — und Herr Meyer empfahl sich bis morgen. Langsam ging er über den kleinen Marktplatz dem Gasthofe 311, in welchem er logirte. Der Mond schien hell und warf sein Licht auf die ziemlich mißmuthig aussehenden Züge des jungen Mannes. Mitten auf dein Marktplatz blieb er stehen. Er stützte sich an einen der alten Lindeubäume, die jetzt ihre entlaubten Aeste gespenstisch gen Himmel richteten. Bin ich ein Narr! überlegte er. Habe ich deshalb von frühester Jugend an gestrebt und gearbeitet, um mich nun zu verkaufen! Wie vermochte es nur Frau Simon, mich zu diesem Schritt zu bewegen! Sie nahm ben alleinstehenden jungen Mann so liebevoll auf, sie wußte ihm die Vortheile einer reichen Heirath so oft nahe zu legen, bis er schließlich sich, entschloß, diese Reise zu machen. Wie oft hatte er sich im Geiste sein zukünftiges Weib ausgemalt! Hatte Lene auch nur eine Spur Aehnlichkeit mit jenem Phantasiegemälde? Nein, nein! Sie ist die Rechte nicht! Kein Romane lesendes, dünkelhaftes Mädchen soll sie sein, ein sanftes, liebevolles, fleißiges Weibchen, schlicht und anspruchslos. Das ist Lene nicht! Nein, nein, nein! Einmal und nicht wieder ließ ich mich verleiten, dem Geld nachzulaufen. Ich müßte ja die Achtung vor mir selbst verlieren, würde ich ein ungeliebtes Weib des äußeren Glanzes halber mir zur Ehe nehmen. Mit dem festen Entschlüsse, morgen die Gastfreundschaft H. Wolfs nicht wieder in Anspruch zu nehmen, legte er sich zur Ruhe. Der nächste Morgen sah ihn wieder in der Synagoge, wo er direkt von Wolf in Beschlag genommen wurde. Ihm zu entrinnen, war ein Ding der Unmöglichkeit, und so sah er sich, wie ein Schlachtopfer, unwiderbringlich an den Mittagslisch gefesselt. Ihm wurde trotz Lenens sehr großer Liebenswürdigkeit immer unbehaglicher. Wie kann ich hier Gastfreundschaft anuehmen, wo ich doch den festen Willen habe, nie wiederzukommen, dachte er. Vergebens sann er auf Rettung! Der Tisch war gedeckt. Man sah in der Straße eifrig die Dienstmädchen mit großen, geschloffenen irdenen Töpfen laufen, das Esten aus dem Backhaus zu holen. War man doch noch streng orthodox im Städtchen,' wärmte selbst am Sabbath das Essen nicht, fottbern brachte es Freitags in rohem Zustande zum Bäcker in den Backofen, um es Samstag Mittags zart lind duftend wieder zu empfangen. Arm und Reich bediente sich dieses gemeinsamen Ofens. Der Arme brachte seinen mit Knochen oder einem mageren Stückchen Rindfleisch und weißen Bohnen gefüllten Topf, der Reiche seine Zunge, sein Huhn oder sonstige Leckerbissen, und Sara hatte dieses Mal ganz besonders gute Sachen vorbereitet. Wolf freute sich schon im Geiste auf sein „Eingesetztes", Lene und Meyer wechselten ein paar gleichgiltige Worte, da ertönte plötzlich ein Mark und Bein erschütterndes Jammergeschrei der alten Sara aus der Küche ins Eßzimmer. „Gott soll mich bewahren! Das Schlamassel! Das Schlamassel!" Vater und Tochter stürzten zur Küche, und zögernd folgte Meyer nach! Händeringend stand die alte Sara vor einem geöffneten Topfe, aus dem einige große Knochen ragten und in dünner Brühe wenige weiße Bohnen schwammen. „Man hat mir den Topf verwechselt! Was fang' ich an! Meine Gans, meine gute, fette, junge Gans!" Da plötzlich faßte sie einen Entschluß. Sie nahm den Topf und lief zum gegenüberwohuenden Bäcker. Nach wenigen Minuten, die Vater und Tochter noch starr vor Schrecken zubrachten, kehrte Sara noch lauter jammernd zurück. „Alle Töpfe sind abgeholt — der neue Bäckerjunge weiß nicht, wie die Verwechselung geschehen ist." Da brach Lenes nur künstlich gestaute Wuth los. In den unfläthigsten Worten beschimpft sie die arme Sara ob ihrer Unvorsichtigkeit. Ihr Zorn kennt keine Grenzen. Vergebens zupft sie der Vater am Kleide und weist mit den Fingern nach dem Zimmer, wo der Freier sitzt, der jedes Wort hören muß. Eben faßt sie den Topf,

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