Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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547 Die Kunst stand im Dienste der Kirche. Der gothische Baustil mit der kühn emporstrebenden Bewegung seiner. Pfeiler, Bogen und Thürme war die Verkörperung jener religiösen Gemüthsstimmung, in der der Mensch in der Verachtung der diesseitigen sündigen Welt nach der Seligkeit des Himmelreichs ringt. Die Kirche, welche die Gläubigen in eine solche Gemüthsstimnuing zu versetzen bemüht war, hat auf die Pflege der Naturwissenschaft wenig Werth gelegt, da doch dieselbe keine Einsicht in die jenseitige Welt gewährt, ja im Gegentheil, dieselbe zu trüben geeignet ist. Die Erforschung der geheimen Kräfte der Natur galt als ein den Glauben bedrohendes Element. Der Scholastiker Roger Bacon (1214 bis 1294), der sich eifrig mit der Naturwiffenschaft beschäftigt und dieselbe durch mancherlei Entdeckungen gefördert hat, wurde üou der Kirche der Zauberei beschuldigt und im Alter von 70 Jahren in den Kerker geworfen, wo er 10 Jahre schmachtete. Die Philosophie des Mittelalters, die Scholastik, ist nicht wie die des Alterthums aus reiner Freude am Erkennen selbst entsprungen, sondern aus dem Bestreben, die bereits bestehende Kirchenlehre, die unantastbaren Dogmen des Christenthums vernunftgemäß zu begründen. Ihr leitender Grundsatz war der Ausspruch des Scholastikers Anselmus von Canterbury (1034 bis 1109): Credo, ut intelligam, „ich glaube, um 31t begreifen". Die prüfende Vernunft hat nur das Recht und die Fähigkeit, sich den Glaubensinhalt klar zu machen, um ihn zu verstehen. Das war immerhin ein Fortschritt gegen den Ausspruch des Kirchenvaters Tertullianus (gest. 220): Credo, quia absurdum, „Ich glaube, weil es widersinnig ist". Die Scholastik theilte nicht die Ansicht dieses Kirchenvaters: „Die Philosophie ist der Patriarch der Ketzerei." Sie silchte vielmehr die antike, heidnische Philosophie, soweit sie dieselbe aus den wenigen Ueberresten oder später aus den Quellen der arabisch-jüdischen Philosophie kennen gelernt hat, der christlichen Glaubenslehre anzupaffen. Sie hat von vornherein das Erkennen der Vernunft dem Glauben untergeordnet, war also nicht selbständig, sie war „die Magd der Theologie". Man darf ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Sie hat dazu Leigetragen, in den Zeiten der Barbarei den Geist rege zu erhalten und das Denken zu schärfen. Das ist aber auch alles, was wir ihr verdanken. Sie hat mit all ihrer Dialektik den Fortschritt der Wissenschaft nur wenig gefördert. Sie war bei der in ihr vorherrschenden Ansicht, daß dasjenige, was syllogistisch oder begrifflich bewiesen ist. auch wirklich existirt, der empirischen Wiffenschaft, welche nur mit den wirklichen Thatsachen rechnet, wenig geneigt. Auf der genannten Ansicht von der Identität des Denkens mit dem Sein beruht der scholastische Realismus, wonach den allgemeinen oder Gattungsbegriffen an sich außerhalb der einzelnen Dinge, welche die Gattung ausmachen, objektive Wirklichkeit zukommt, während sie nach dem Nominalismus bloße Namen oder Abstraktionen sind. Der Streit, der zwischen diesen beiden Ansichten Jahrhunderte lang auf das Lebhafteste geführt wurde, hat für uns bei unserer Auffassung, daß das reine Denken wohl das begriffliche Wesen der Dinge ausdrückt, daß aber deren objektive Wirklichkeit nur in den konkreten.Dingen wurzelt, seine Bedeutung verloren. Die scholastischen Disputationen, die oft vor zahlreichen Zuhörern den ganzen Tag mit geringer Unterbrechung dauerten, waren Wortgefechte, in denen die Streitenden durch Spitzfindigkeiten einander überboten und aus der Fassung brachten, gerade so, wie die Ritter in den öffentlichen Turniren weniger durch ihre körperliche Kraft als vielmehr durch Geschicklichkeit einander aus dem Sattel hoben. In einer dieser Disputationen wurde mit einer Würde uub einem Ernste, als ob es sich um die Lösung eines wichtigen wissenschaftlichen Problems gehandelt hätte, darüber gestritten, ob ein Schwein, das ein Mensch an einem Stricke auf den Markt treibt, von dem Menschen oder von dem Stricke gehalten werde. Man hat die Scholastik mit den gothischen Domen verglichen, welche durch ihre Massen und himmelwärtsstrebenden Thürme dem Beschauer imponiren. Von der Philosophie Platos könnte man aber sagen, daß sie sich in den lustigen griechischen Säulenhallen widerspiegelt,, in denen die Menschen, umgeben von einer entzückenden, lachenden Natur, im Sonnenglanze des ewig blauen Himmels lustwandelten. Der starre Konfessionalismus, der das ganze Mittelalter beherrschte, prägte sich auch im äußeren Leben der Menschen, in ihrem Verkehr miteinander, in ihren Werken der Milde und Barmherzigkeit aus. Die Kirche hat den Andersgläubigen gegenüber die Menschenliebe wenig gepredigt und noch weniger geübt. Eine Frucht ihrer engherzigen Erziehung des Volkes war doch wohl der allgemeine Fanatismus, der sich in den grausamen Judenverfolgungen äußerte. Da es im Mittelalter keine religiöse Duldung gab, kann auch von einer Humanität nicht die Rede sein. Zur Zersetzung der Weltanschauung des Mittelalters haben mehrere Faktoren beigetragen. Der Aufschwung der Städte mit einem reichen, nach Bildung und politischer Selbständigkeit strebenden Bürgerthume war ein starkes Gegengewicht gegen die Herrschaft des Adels. Die Buchdruckerkuust trug das Wissen, welches auf die Klöster und wenigen höheren Schulen beschränkt war, in die weitesten Kreise des Volkes und förderte dessen Aufklärung. Die Entdeckung Amerikas belebte den Unternehmungsgeist, erschloß dem Handel neue Wege und erweiterte den Gesichtskreis. Die Reformation känipfte gegen die Mißbräuche der Kirche, beschränkte die Kompetenz des Papstthums und läuterte das religiöse Leben. Der Humanismus aber vor allem durchzog an der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts wie ein Golfstrom die abendländische Kultur und riß sie aus ihrer tausendjährigen Erstarrung zu neuen: Leben. Die antike Kultur erwachte wie Dornröschen aus ihrem langen, todesähnlichen Schlummer in ihrem Mutterlande Italien, wo die Erinnerung an sie angesichts der zahlreichen Denkmäler, der stummen Zeugen der alten Herrlichkeit, niemals ganz erloschen war. Den Zauber dieses Schlummers haben die folgenden drei Männer durch ihr eifriges Studium des klassischen Alterthums gebrochen. Dante Alighieri (1265—1321) führt uns in seiner „Göttlichen Kommödie", einer aus drei Theileu, Hölle, Fegefeuer und Paradies, bestehenden Dichtung die schwindende scholastische Welt in verklärten Zügen vor die Seele. Francesco Petrarca (1304—1374), der bewunderte Sänger der Sonette und Canzonen, war bahnbrechend in der Alterthumswiffenschaft. Giovanni Boccaccio ist der Schöpfer der italienischen Prosa. Man vermuthet in dessen lustigem Decamerone und lieblichen tuscischen Novellen nicht den trockenen Alterthumsforscher. In Italien erhielten die klastischen Studien durch die griechischen Gelehrten, welche dahin aus dem durch die Türken bedrängten griechischen Reiche namentlich nach der Eroberung Konstantinopels (1453) eingewandert waren, einen starken Impuls und blühten, von den verschiedenen Fürsten, besonders den Medicäern in Florenz und selbst von den Päpsten begünstigt, außerordentlich empor. Die Begeisterung für das klassische Alterthum drang von Italien aus in beit Norden Europas und loderte daselbst in Hellen Flammen auf. Die antiken Götterstatuen, bisher wegen ihres heidnischen Charakters geringschätzig angesehen, wurden die Muster der Kunst. Die Dichter von Hellas und Rom wurden mit Entzücken gelesen und die vollendeten Vorbilder der Nachahmung. Die imitirten Horaze mehrten sich, und die lateinischen Oden wuchsen wie die Pilze aus dem Boden, Geiler von Kaisersberg (1445—1510) klagt dar-