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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-12 · Heft 46 (12.11.1897) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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546 Mann zu sein versteht. Der wahre Jude liebt sein Vaterland, entzieht sich dem edlen Menschenthum nicht, bleibt aber doch dabei begeistert für seine Geschichte, für all das Große und Edle, das sein Stamm hervorgebracht. Und diese Juden wagt man zu schmähen? Was ist von Seite der Schmäher geschehen, um in ihnen die Begeisterung für ihr Juöenthum wachzurufen und wach zu erhalten? Verwässerte Philosophie, haarspaltende Dialektik, geistreich sein sollende Verdrehung von Bibelversen thuen's nicht; es thut's auch nicht die Verwandlung unserer Synagogen in Konzertsäle, in denen von mehr oder weniger stimmgewaltigen Sängern die uralten Melodien, welche unsere Väter und Mütter zu Thränen rührten, vor schön geschmückten Damen und wohlgenährten Herren in moderner Weise „vertont" zu Gehör gebracht werden; die große Masse des Judenthums verlangt von diesem was anderes, sie verlangt von ihm Hilfe in der großen sozialen Noth, sie verlangt von ihm Förderung auf den so beschwerlichen Bahnen, welche seine Bekenner heute wandeln müssen. Versteht Ihr, die Ihr Euch Führer des Judenthums nennt, die großen Fragen unserer Zeit nicht, habt Ihr keinen Sinn für das Elend des armen Judenvolkes, habt Ihr kein Verständniß für die Bedürfnisse, welche in diesen Tagen immer dringender an unsere Thüren pochen? Dann habt Ihr auch das Recht nicht, mitzureden, habt Ihr das Recht verwirkt, zu lehren, habt ihr aber auch das Recht verwirkt, zu schmähen und zu schimpfen, zu höhnen und zu poltern. Nähret Euch weiter redlich, das jüdische Volk aber, cs wird sich in seinem gesunden Sinne des rechten Weges bewußt sein, es wird ihn suchen und, will's Gott, ihn auch finden. Iwri. Humanismus und Humanität. Von Dr. Heinrich Groß. or mehreren Jahren habe ich in einem gelehrten Kreise über den Humanismus in Augsburg gesprochen. Einer meiner Freunde, den ich zu diesem Vortrage eingeladen hatte, drückte mir sein Befremden darüber aus, daß ich mich nicht an mein Thema gehalten hätte, da ich wohl von den Männern gesprochen habe, welche sich bemühten die Kenntniß der griechischen nnd römischen Litteratur zu verbreiten, sowie den Sinn und das Verständniß für die antike Kunst zn wecken, ohne jedoch deren werkthätige Menschenliebe auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Mein Freund hat offenbar den Humanismus mit der Humanität verwechselt. Das war ein verzeihlicher Jrrthum. Beide Bezeichnungen hängen ja sprachlich und sachlich zusammen, aber sie sind deshalb doch nicht ein und dasselbe. Humanität in der landläufigen Bedeutung von Leutseligkeit, Sittsamkeit, Menschenfreundlichkeit und religiöser Duldung deckt sich nicht innner mit dem Humanismus in dem Sinne von altklassischer Bildung. Es kann Jemand, ohne eine Zeile von Homer oder Horaz gelesen zu haben, in seinem Handel und Wandel von der edelsten Gesinnung beseelt sein und umgekehrt aus der kastalischeu Quelle der griechischen Litteratur in vollen Zügen geschlürft haben und mit den Musen von Hellas und Rom auf vertrautem Fuße stehen und doch dabei als Mensch den gröbsten Tadel verdienen. Poggio Braccilioni (1380—1450) zum Beispiel, der berühmte italienische Humanist, schrieb das eleganteste Latein, aber deshalb sind doch seine „Facetten" oder Anekdoten über die Maßen frivol und die Pamphlete, mit denen er seine Feinde überschüttet hat, giftig sonder Gleichen. Der Dichter Giovanni Boccaccio (1313—1375) war einer der bedeutendsten Ahnen des italienischen Humanismus. Wer wird denn aber seinen Decameroue der Jugend als Erbauungsbuch in die Hand geben? Marc Antoine Muret (1526—1586), ein hervorragender Humanist, hat die Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht (24. August 1572) in den schönsten lateinischen Versen besungen. Das that er freilich zu derselben Zeit, in der der Papst den an den Hugenotten begangenen Meuchelmord durch ein Hochamt und das Ausschreiben eines Jubeljahres gefeiert hat. Calvin (1509—1564), der große Schweizer Reformator, hat 1532 einen Kommentar über Seneccas Buch: „De clementia“ veröffentlicht und 1553 den gelehrten Arzt Michael Servet wegen Ketzerei in Genf verbrennen lassen. Ulrich von Hutten (1488—1523), der bekannte streitbare Humanist, war gerade, kein Tugendheld, so wenig wie Heinrich Bebel (1472—1518) ein Paladin der Sittsamkeit gewesen ist. Letzterer schildert doch in seinem herrlichen lateinischen Gedichte „Der Triumph der Venus" die Huldigungen, welche Alle ohne Unterschied, der Papst mit der ganzen Klerisei, die Kardinale, Bischöfe und gewöhnliche Geistliche, Bettelmönche, fahrende Scholastiker. Fürsten, Grafen, Ritter und Bürger der unwiderstehlichen Liebesgöttin darbringen. Das ist wohl menschlich, denn das Reich dieser Göttin ist weit, sehr weit, und Alle lassen sich deren Despotismus gefallen. Wir können aber nicht sagen, daß dieses Gedicht puritanisch ist. Alles das schwächt aber die kulturhistorische Bedeutung des Humanismus nicht ab, der wie junger Wein gährend die Feffeln sprengte und sich in überschäumenden Fluthen ergoß. Humanität (vumanitas) bedeutet schon bei den Römern im Allgemeinen die harmonische Ausbildung der dem Menschen als solchem eigenen moralischen und intellektuellen Anlagen, im Besonderen aber die feine gesellschaftliche Bildung, das völlig tadellose, artige Benehmen, die Menschenfreundlichkeit und Menschenpflicht. Die Wiederbelebung der griechischen und römischen Litteratur im Ausgange des Mittelalters, inwiefern man die Kenntniß derselben als Quelle der allgemeinen Bildung betrachtete, nannte man Humanismus, mit besonderer Beziehung aber auf die antike Kunst Renaissance. Die Wiedergeburt des klassischen Alterthums in Kunst, Wissenschaft und Leben galt als die Grundlage einer höheren Gesittung im Gegensätze zum Konfessionalismus und Scholasticismus, welche bisher ausschließlich die Geister beherrscht haben. Die Völkerwanderung, welche mit dem Einbrüche der Hunnen in Enropa (375 n. Chr.) ihren eigentlichen Anfang nahm, war der Lavastrom, der sich über das römische Reich zerstörend ergossen nnd unter dessen Trüminern die griechisch-römische Kultur begraben hat. Die wenigen Ueberreste der untergegangenen antiken Kultur dienten dem Christenthum als Mittel zur Erziehung und geistigen Ausbildung der Völker des Nordens. Die christliche Kirche wurde der Mittelpunkt, um den sich das ganze Leben in Haus und Schule, Gesellschaft und Staat krystallisirte. Die geistliche Gerichtsbarkeit zog auch rein weltliche Dinge vor ihr Forum. Der weltliche Besitz der Kirche nahm durch Erwerbungen und mehr noch durch Schenkungen in erschreckender Weise in demselben Grade zu, in dem sich der Privatbesitz verminderte. Der Papst vindizirte sich als Stellvertreter Christi auf Erden die Oberhoheit über die weltliche Gewalt. Nach dem Schwabenspiegel legte Christus bei seiner Himmelfahrt die beiden Schwerter, das weltliche und geistliche, die er zum Schutze der Kirche auf Erden zurückließ, in die Hand des heiligen Petrus, und der Papst verleiht erst das weltliche Schwert dem Kaiser, der fehl Lehnsmann ist, den er einsetzt und, wenn derselbe die ihm verliehene Gewalt nicht im Sinne und Geiste der Kirche ausübt, auch absetzen kann. „Der Papst reitet auf einem blanken Pferde, und der Kaiser hält ihm den Steigbügel."

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