Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Blumenfeld, das Wort, um an die Anwesenden einen warmen Appell * zu richten, daß sie der seit bereits 70 Jahren segensreich wirkenden Anstalt in erhöhtem Maße ihr Interesse zuwenden, eine Bitte, die von , dem Vorsitzenden Herrn Katzenstein aufs Wärmste unterstützt wurde. Noch erwähnt sei die von Herrn Elias-Dortmund angeregte Erörterung der Frage, ob die seitens der Synagogen-Borstände über Gemeindemitglieder verhängten Ordnungsstrafen exekutivisch einziehbar seien. Die Versammlung glaubte diese Frage verneinen zu müssen, weist aber darauf hin, daß im Falle der Weigerung, die Ordnungsstrafe zu zahlen, für das renitente Gemeindemitglied durch die Anzeige bei der Behörde unerquickliche.Folgen erwachsen könnten. Es dürften deshalb wohl Alle vorziehen, die event. über fie verhängte Ordnungsstrafe ohne Weiteres zu entrichten. Nachdem noch Herr Dr. Hulisch-Herford dem Vorsitzenden für die vortreffliche Leitung der Geschäfte ein kräftiges Hoch ausgebracht hatte, in welches die Versammlung jubelnd einstimmte, schloß Herr Katzenstein um vier Uhr Nachmittags die Verhandlungen. An dieselben reihte sich ein Festmahl, an welchem 60 Personen Theil nahmen. Den Kaisertoast brachte Herr Dr. Mansbach-Münster'in zündenden Worten aus. Unter lebhafter Zustimmung der Versammlung kennzeichnete er dabei das Treiben der Zionisten als den Ausdruck verworrener, unklarer Schwärmereien. Der Berbandstag wie das Festmahl nahmen einen sehr schönen Verlauf. Brief aus Oesterreich. November 1897. (jjgüt den verflossenen Feiertagen ist endlich auch von den 'tto Juden erfreulich viel über das Judenthum gesprochen worden. -2Btr haben dies allzu lange unseren Gegnern überlassen, und so ist es gekommen, daß Herr Dr. Lueger in einer Wiener Gemeinderathssitzung über Dekalog und Talmud sprechen kann und über die Unterschiede von dekalogischem und Talmudjudenthum tiefsinnige Betrachtungen macht, Betrachtungen, die wahrlich würdig sind, von dem humoristischen Griffel eines Mark Twain gezeichnet zu werden, welcher zufälligerweise dieser Sitzung beiwohnte und sich seinen Gedanken darüber hingeben konnte, wie man in dem altersschwachen Europa noch immer die Juden todtschlägt, wovon natürlich sein Amerika, das kein Mittelalter, aber auch keinen Lueger, Gregorig und Jro hat, sich wohl schwer eine Vorstellung bilden kann. Man hat also in jüdischen Kreisen und von den Kanzeln herab vom Judenthum wieder einmal gesprochen. Soweit dies sachlich geschieht, hat gewiß Niemand etwas dagegen einzuwenden. Ich denke, man müßte jede Erscheinung im Judenthum, heiße sie nun, wie sie wolle, mit Freuden begrüßen; zeigen doch alle diese Bewegungen, daß das Judenthum durchaus nicht so altersschwach ist, wie man es gern von gewisser Seite hinstellen möchte. Ein englischer Staatsmann sagte einmal: Hätte ich keine Opposition, ich müßte mir eine schaffen; so bewahrt jede Opposition vor Lethargie und Jndifferentismus. Die' Gleichgiltigkeit hat wahrlich unserem Judcnthum keinen Nutzen gebracht; sie hat den Abfall und die Abtrünnigkeit auf dem Gewissen; lassen wir also das bischen Begeisterung für Glaube und Nation nicht einschlummern, entfachen wir sie vielmehr in unserer Jugend, und ich weiß nicht, wieso dies schaden kann. Schaden kann es nur, wenn blindwüthiger Eifer, wenn verletzte Eitelkeit zum Ausbruch kommen, wenn angeblich an-, gegriffene Autoritäten die Sache des Judenthums mit ihrer Person verwechseln und ihre persönlichen Angelegenheiten vor einem großen Publikum, oft auf heiligem Orte, von der Kanzel herab, auf einer Stätte, auf der ihnen Niemand erwiedern kann, in oft nicht ganz dieser Stätte würdigen Weise verhandeln, wie es leider auch geschehen ist. Die Sache des Judenthums ist eine so große, so erhabene, daß ' sie vor jeder persönlichen Rancune bewahrt bleiben sollte. Es ist ja richtig, Diejenigen, welchen das Judenthum anvertraut war, haben das kostbare Gut nicht, wie sie es Hütten thun sollen, bewahrt. Ihre Fehler bestanden darin, daß sie sich zu wenig mit dem jüdischen Volke in Fühlung setzten, daß sie kein Auge hatten für die Bedürfnisse der Gegenwart, daß sie die modernen Bewegungen nicht verstanden und also eine Erkaltung für jedes religiöse Interesse herbeiführten, die schon mehr eine Erstarrung zu nennen ist, eine Gleichgiltigkeit, die Jeden, der sich noch ein warmes Herz für seine Religion bewahrt hatte, erschrecken mußte. Da geschah nun das Merkwürdige. Der Antisemitismus und die allenthalben sich breit machende Reaktion drückte den Juden die Waffe in die Hand, und die Juden, d. h. das jüdische Volk, führen nun selbst seinen Streit, unbekümmert darüber, daß die so schmählich an ihre vernachlässigte Pflichterfüllung gemahnten Führer deshalb zetern und wettern. Hat man es nicht mit angesehen, wie der Abfall vom Glauben immer größere Lücken in unsere Reihen riß? Will man es noch weiter mit ansehen, wie unsere Jugend in Hellen Schaaren konfessionslos wird und sich der Sozialdemokratie in die Arme wirft? Hält man diese Zustände für gesünder, als wenn unsere jungen Leute für neue Ideale sich begeistern und stolz darauf sind, sich Juden, zu nennen, sich zu der alten Mutter flüchten, da sie die Welt erbarmungslos von sich stößt. Wahrlich, wenn zu irgend einer Zeit, so zeigt sich jetzt der gesunde Geist des Judenthums, dieses Judenthums, das so mächtigen Stürmen getrotzt, und das auch die Stürme der Gegenwart trotz nuferer Führer nicht wegfegen werden. — Hüte man sich doch, diese Bewegung, welche mächtig unsere Jugend erfaßt hat, zu schmähen, trachte man vielmehr, sie m ebene Bahnen zu lenken; wir wollen nicht danach fragen, wer uns hilft, seien wir vielmehr froh, daß uns Hilfe wird, wenn auch von anderer Seite, als wir zu hoffen glaubten. — Freilich, es mag gewissen Kreisen nicht recht sein, daß mit der Koalliirung des Judenthums die Geldquellen, die sie so reichlich speisten, sich anderen Zwecken zuwenden; daß der Jude nun kein Geld mehr hat für Zwecke, die alles förderten, nur das jüdische Interesse nicht; daß der Jude kein Geld mehr hat für Vereine, welche offen oder geheim dem Antisemitismus in die Hände arbeiten; daß das jüdische Geld nun Vereinigungen in die Hände .fließt, welche die jüdische Litteratur, jüdische Zwecke, jüdische Wissenschaft fördern, jüdische Kinder speisen, jüdische Bibliotheken gründen, sich der Armen und Bedrängten, der Mühseligen und Belasteten in Israel annehmen; gemach nur, ihr falschen Freunde Israels, es wird noch besser kommen; wir sind in den Stand der Nothwehr gedrängt worden, und wir werden wissen, was zu thun unsere Pflicht ist, wir werden uns ehrenvoll vertheidigen, wir werden kämpfen, wie unsere Väter gekänlpft haben, ohne zu fragen, ob es Denen recht ist, die so gern von Streberthum sprechen und selbst die allerärgsten Streber sind, die nur ihre selbstischen Ziele verfolgen und für eine Auszeichnung, einen Titel, ein Bändchen, das ihr Knopfloch ziert, das ganze Judenthum zu Grunde gehen lassen. Man hat ein neues Schlagwort ausgegeben; man hat Diejenigen, die muthig ihr Judenthum bekennen, des Mangels an Patriotismus geziehen. Schmähliche Verleumdung! Wann hat es der wahre Jude an Vaterlandsliebe fehlen lassen? Es liegt hier wieder eine der heute so beliebten Verwechselungen der Begriffe vor. Man vertauscht Vaterlandsliebe mit Byzantinismus, das edle Gefühl des Patriotismus mit dem kriecherischen Wesen, das den Großen nachschleicht und erzittert, wenn einer der Gewaltigen die Stirn runzelt. Kriechen lehrte uns der mittelalterliche Druck, die neye Zeit, sie soll sehen, daß auch der Jude ein