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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-05 · Heft 45 (5.11.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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61. Soljrgnng. Kr, 45. Berlin, 5. November 1897. Werkage zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. November. Der heutige Tag gestaltete sich von selbst zu einem wahren Jubelfeste für unseren allverehrten Professor Dr. H. Steinthal, der heute sein goldenes Doktorjubiläum feierte. Aus diesem Anlaß wurden dem berühmten Sprachforscher zahlreiche ehrende Kundgebungen dargebracht. Am frühen Morgen wurde ihm im Aufträge des Kaisers der Kronenorden dritter Klasse mit der Zahl 50 überreicht. Aus Tübingen traf gleichzeitig mit einem Schreiben des dortigen Dekans die Erneuerung des Doktordiploms ein, das mit dem Satze schließt: Origiuis Et Cognationis Linguarum Indagatori Assiduo Et Felici Philosopho Ingenii Animique Humani Scrutatori Sagaci Historico Artis Grammaticae Antiquae Illustri. (Dem emsigen Bahnbrecher auf dem Gebiete des Ursprungs und der Entwickelung der Sprachen, dem erfolgreichen Philosophen, dem scharfsinnigen Erforscher der menschlichen Seele und dem berühmten Historiker der alten Sprachwissenschaft.) Im Namen der Berliner Universität brachte der zeitige Rektor Professor Gustav Schmoller dem Jubilar, welcher 47 Jahre hindurch hier dozirt hat, herzliche Glückwünsche dar. In seiner Ansprache hob er besonders die Universalität der Gelehrsamkeit Steinthals hervor und feierte ihn als Philologen, Philosophen, Historiker, als Ethiker und Sozialphilosophen; glücklich sei die Zeit und die Universität, die einen Mann von so vornehmer Gesinnung als Lehrer begrüßen könne. Die philosophische Fakultät hatte zur Beglückwünschung den zeitigen Dekan Geh. Rath Kökule v. Stradonitz, ferner die Professoren Weinhold, Johannes Schmidt, Tobler, Dilthey, Albrecht Weber und Geiger entsandt. Der Dekan feierte in seiner Ansprache den greisen Gelehrten als Denjenigen, welcher die Sprachauffassung aus den Fesseln einer kleinlichen Logik zu den Höhen der Psychologie erhoben habe. Als „alter Freund" ergriff dann Professor Albrecht Weber das Wort und sprach den Wunsch ans, daß dem Jubilar die innere Harmonie, welche sein ganzes Wesen auszeichne, auch fernerhin verbleiben möge. In wenigen schlichten Worten dankte darauf der Jubilar für die ihm erwiesenen Ehren. Persönlich stattete noch Geh. Rath Weinhold seinen Glückwunsch ab als Herausgeber der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Im Namen der Humboldt - Akademie, deren Mitbegründer Professor Steinthal gewesen ist, sprach Dr. Max Hirsch und gab dem Wunsche Ausdruck, daß der „erste und beliebteste Dozent der Akademie" den geistigen Fortschritten der Menschheit und dem Streben nach Popularisirung der Wissenschaft noch lange seine Kräfte widmen möchte; im Namen der Lehrer der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, der Steinthal 25 Jahre hindurch seit ihrer Begründung angehört, Dr. Baneth. Die Hörer dieser Lehranstalt hatten ebenfalls eine Vertretung entsandt, die offizielle Ansprache hielt Herr Dr. Joseph. Für die Anstalten der jüdischen Gemeinde erschienen ebenfalls Vertreter, u. A. Rektor Dr. Holz mann, auch der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hatte eine Deputation abgeordnet. Aus Rücksicht auf den leidenden Gesundheitszustand des Jubilars konnten weitere Abordnungen nicht mehr empfangen werden. Recht groß war die Zahl der schriftlichen Gratulationen, Telegramme und Blumenspenden, welche dem Jubilar zutheil wurden. Auch vom Deutsch - Israelitischen Gemeindebund war ein Glückwunschschreiben eingegangen und Herr Sanitätsrath Neumann gratulirte als Vertreter des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Möge der allverehrte und berühmte Gelehrte, der Stolz des Judenthums und der Wissenschaft, uns noch lange in frischer Kraft und Geistessülle erhalten bleiben! o0© Berlin, 2. November. Soeben erschien das vierte Heft der Mittheilungen aus dem Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland. Das Heft enthält ein vollständiges Verzeichniß der Vereine, deren Zahl auf 75 gestiegen ist, sowie einen ausführlichen Bericht über die litterarische Thätigkeit der Vereine im Winterhalbjahr 1896/97. Fast alle neu entstandenen Vereine sind, wie zum großen Theil die bereits bestehenden, durch die Initiative des Verbandes ins Leben gerufen worden. Viele Vereine besitzen bereits Bibliotheken werthvoller wissenschaftlicher Werke, die den Mitgliedern, welche in ihren Vereinen Vorträge halten wollen, reichhaltiges Material bieten. Die Rednerliste, welche der Verband bisher an die Vereine versendet, ist für diese fast unentbehrlich geworden, da sie ihnen die Möglichkeit bietet, Reden und Themata nach eigenem Gutdünken zu wählen. Es wird im Bericht das Bedauern darüber ausgesprochen, daß es dem Verband noch immer nicht gelungen ist, einen Fonds zu schaffen, um Wanderredner auszusenden, die in Vereinen kleinerer Gemeinden wie überhaupt an jedem Ort, wo eine Anzahl von Glaubensgenossen ein Gemeinwesen bilden, uüentgeltlich Vorträge über jüdische Geschichte und Litteratur halten sollen. Allein dieses Ziel wird — wie der Bericht weiter ausführt — nur dann zu erreichen sein, wenn in erster Reihe die einzelnen Vereine, dann aber auch die Gemeinden die Bestrebungen des Verbandes zu den ihrigen machen werden. Verfehlt aber wäre 'es, wollte man sich noch länger mit der Hoffnung schmeicheln, daß auch der Wissenschaft des Judenthums ein Mäcen erstehen wird. Es sei vielmehr auch hierbei das Wort des großen Hillel zu beherzigen: Wenn ich nicht^für mich bin, wer ist für mich? und denken wir endlich an Selbsthilfe. Ueber diesen Punkt wird der Ende Dezember in Berlin stattfindende Verbandstag eine definitive Entscheidung zu treffen haben. Zum Schluß sei hier noch erwähnt, daß es dem Verbände endlich gelungen ist, ein Jahrbuch für jüdische Geschiä)te und Litteratur zu schaffen, das, werthvolle Beiträge hervorragender Schriftsteller enthaltend, bereits im Druck sich befindet und Ende des Jahres zu Versendung gelangen wird. Die Bewegung innerhalb der Gemeinden im Interesse dieser Vereine hat auch bereits in vielversprechender Weise ihren Anfang genommen. In Konstanz wurde am 13. v. M. durch Herrn Rabbiner Dr. Hannes und Herrn Gemeindevorsteher Fabrikbesitzer Rothschild ein Litteraturverein, der erste in diesem Winter, unter allgemeiner Theilnahme der dortigen Gemeindemitglieder begründet. Außerdem erhalten wir aus verschiedenen Gemeinden in allen Theilen Deutschlands Zustimmungen zu dem Leitartikel in Nr. 43 und die Mittheilung von der Absicht, dort Litteraturvereine zu begründen, so aus Kolmar i. P., Tarnowitz, Gnesen, Reichenbach i. Schl., Hameln, Geestemünde, Ulm, Metz u. a. O. Möchte überall die gleiche Begeisterung für diesen idealen Zweck sich regen. §2 Berlin, 2. November. Im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde wird am 10. d. Mts. Abends 8 Uhr präzise (Hotel Imperial, Unter den Linden 44) Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin sprechen. Das Thema seines Vortrages lautet: „Gegen den Zionismus". Man darf hoffen, daß diesem zeitgemäßen Thema, zumal da es von einem so ausgezeichneten und freisinnigen Redner behandelt wird, lebhaftes Interesse und allgemeine Theilnahme entgegengebracht werden wird. Berlin, 2. November. Die Satzungen der vom Lehrer-Verbande begründeten „Pensions - und Reliktenkas se" sind im Entwurf bereits soweit vollendet, daß deren endgiltige Berathung und Feststellung in der nächsten Vorstandssitzung, die am 27. Dezember d. I. in Berlin stattfindet, geschehen und dann die erforderliche ministerielle Genehmigung eingehoit werden kann. — Mit dem Jnkrafttrelen der Kasse wird ein Werk ins Leben gerufen sein, für das schon lange gestrebt und gearbeitet worden ist. Der Verband hat dieses Werk als seine dringendste Arbeit erachtet und deshalb sein nächstes Ziel darauf gerichtet. — Möchte das edle Werk weiter recht viele Freunde und Förderer finden und sich zum Segen des jüdischen Lehrerstandes und der jüdischen Schulen unaufhaltsam entwickeln!

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