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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-05 · Heft 45 (5.11.1897) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 beide des Gleichgewicht und stürzen hinab in die Tiefe. Das Kind ist unversehrt, denn mit dem letzten Rest seiner Kraft hat der Sträfling den Knaben über sich gehalten, aber der Verbannte liegt mit geschlossenen Augen, bleich wie der Tod, und seine Kleider sind* von dem Blut, das ihm aus der Wunde geflossen, geröthet. Wie ein Rasender ist der Gouverneur bei der Kunde des Unfalls hinuntergestürmt. Er kommt gerade zur rechten Zeit, um sein Kind in Empfang zu nehmen. Mit einem stummen Dankesblicke nach oben, schließt er es an sein Herz, dann aber wendet er sich theilnehmend dem Sträfling zu, der noch immer bewußtlos in seinem Blute liegt. „Bringt ihn hinauf in mein Haus!" herrscht er die gaffenden Diener an, „schnell, eilt, den Doktor zu rufen!" Nach langen Bemühungen, endlich, schlägt der Verunglückte die Augen auf, dunkle, traurige, verzweiflungsvolle, halberloschene Augen. Er läßt sie über die Versammelten gleiten und auf dem Gouverneur ruhen, der sich erschüttert über ihn beugt. „Du hast meinem Kinde das Leben gerettet, ich danke Dir," sagt der Großfürst und drückt die Hand des Leidenden. „Kann ich Dir eine Bitte, einen Wunsch erfüllen? Sprich frei, ich will Dir alles gewähren, was in meiner Macht steht!" Ein tiefer Seufzer, ein schmerzliches Aechzen entringt sich der kranken Brust; die Augen glänzen Plötzlich unnatürlich groß, die Hände ballen sich zur Faust, aber keine Antwort erfolgt. „Was hast Du verbrochen, sprich, ich will versuchen, Dir Gnade und Freiheit auszuwirken," sagt abermals der Gouverneur und beugt sich tief zu dem Sträfling nieder. „Nichts!" Wie ein Schluchzen, wie der Aufschrei einer gemarterten Seele, ein letztes Aufbäumen der Lebenskraft hallt dies „Nichts," durch das weite Gemach. Der Fürst erblaßt und runzelt die Stirn. „Das ist eine schwere Anklage, besinne Dich. Wer nichts verbrochen, erhält auch keine Strafe." Ein verächtliches Lächeln stiehlt sich flüchtig um den Mund des Leidenden. Er preßt die Hände auf die keuchende Brust, und mit Anspannung seiner ganzen Kraft schreit er: „Nichts, nichts, nichts, unschuldig! unschuldig" und finkt wie todt in die Kissen zurück. Der Gouverneur stutzt, und ein banges, schmerzliches Gefühl beschleicht sein Herz. Er ermahnt die Aerzte auf das Dringendste, jede nur erdenkliche Pflege und Aufmerksamkeit an den Kranken zu wenden. Dann läßt er seine Beamten kommen, sieht die Akten über Nr. 60 durch, forscht unb fragt, ob Jemand etwas über die Vorgeschichte des Andrew Kleinowitsch wisse, und erfährt, daß der Sträfling Nr. 60 hartnäckig leugnet, Derjenige zu sein, für den nian ihn halte, sondern ein Handelsjude, Namens Baruch Chaim. Er hätte Anfangs so sehr gegen seine Gefangenschaft gewüthet, daß er nur durch die strengsten Strafen zur Ruhe gebracht werden konnte. Auf das Höchste interessirt, beschließt der Fürst, selbst nach Petersburg zu reisen und vermöge seiner hohen Verbindungen die Sache aufzuklären. Kaum fünf Wochen sind in das Land gegangen, da kehrt der hohe Herr zurück und ordnet die sofortige Freilassung des Sträflings Nr. 60 an. Es hat sich herausgestellt, daß er, mit falschem Namen lind Papieren versehen, die Schuld eines Anderen, Hochgestellten hat büßen müssen. Der Gouverneur selbst eilt zu^dem Kranken, um ihm die frohe Mär zu verkündigen. Er findet^ihn. in Decken sorgsam eingehüllt,. an einem hohen Bogenfenster sitzen und trübe in die blühende Landschaft schauen. Der Großfürst erzählt ihm, daß der Bruder des Beamten, der ihm einst das GeldMr die Perlen auszahlen sollte, ein Dieb, Fälscher und Schlemmer, nach Sibirien ^verbannt gewesen wäre. Der Beamte hätte ihn gerettet. indem er Lüib Baruch än Stelle des Bruders itt die Verdünnung sandte. Baruch Chaim hört gesenkten Hauptes die Mittheilungen des Gouverneurs mit an. Keine Muskel zuckt in dem leichenblaffen Antlitze, nur die Augen glühen wie Kohlen, und das arme, kranke Herz hämmert in der Brust, als solle es zerspringen. Kein Wort des Dankes entringt sich den zusammengepreßten Lippen, es ist, als ob ein Todter dort im Stuhle zusammengekanert säße. Dem Gouverneur wird unheimlich, der Mann da vor ihm scheint kein Gefühl mehr zu haben, oder — „Ermanne Dich, Freund!" sagt er milde. „Du sollst alles zurück erhalten, Dein Geld, Dein Haus, Deine Ehre." „Und mein Weib?" schreit da plötzlich der Kranke auf und ringt die Hände in einander. „Du sprichst von allem- Mir nicht von meinem Weibe, Meinen Kindern. Wo, wo sind sie, die Verlassenen, die Unglücklichen, bringe mein Weib zu mir, meine Kinder." „Der Gouverneur senkt traurig das Haupt. „Du bist noch jung," murmelte er, „baue Dir ein neues Heim, ich will Dich schützen und auch aus der Ferne meine mächtige Hand über Dich halten. Ich fand leider nur noch die Gräber Deines Weibes, Deiner Kinder, der Gram hatte sie getödtet. Aber der Verbrecher, der Dich um zehn Jahre Deines Lebens betrogen, er ist, in Ketten geschlossen, schon auf dem Wege nach Sibirien, um Deine Stelle einzunehmen, und all das Geld des Verruchten soll Dir zufallen." Da richtet sich Baruch Chaim empor und wirst die schützenden Decken weit von sich. Flammen schießen ans seinen Augen, lind seine Arme recken sich drohend zum HimUtel. „Gott, Du hast es vernomnien." sagt er ernst und feierlich: „Sie wollen mir wiedergeben Geld, Gut und Ehre. Verflucht sei das Geld, das mich hat gemacht so elend, verflucht, dreimal verflucht der Reichthum, der mich vom Pfade des Rechts lockte. — Geld für zehn lange Jahre meines zertretenen Lebens, Geld für die gemordeten Leiber meines Weibes, meiner Kinder?" Ein heftiges Schluchzen schüttelt den schwachen Körper, er schlügt die Hände vor das Antlitz und verharrt eine Weile regungslos. Man hört nichts weiter als das Ticken einer Uhr und die beklommenen Athemzüge des tief erschütterten Gouverneurs. Endlich läßt Baruch die Hände finken. „Deine Hilfe kommt zu spät, Herr!" und die halb geschloffenen Augen heften sich auf den Fürsten. „Wo ist mein zertretenes Leben, mein Hoffen, meine Lieben, mein Weib, meine Kinder, meine Kraft? Wer kann mir wiedergeben, was ich durch Willkür und Ungerechtigkeit verloren? Wie Hab' ich geseufzt, geweint und um Gerechtigkeit gefleht, umsonst, Deine Knechte haben es gut verstanden, meinen.Mund zum Schweigen zu bringen. Jetzt ist Deine Theilnahme, Deine Hilfe zu spät, vorbei, vorbei. Wenn Du mir eine Gunst erweisen willst, so lasse mich allein, damit ich die Todtenklage über meine Lieben halten kann." Er zieht eine Decke über sein Haupt, kauert sich auf den Fußboden nieder und sitzt dort regungslos viele, viele Stunden hindllrch. Als die Sonne zur Rüste ging, sandte der Gouverneur, von heiligem Erbarmen mit dem Unglücklichen erfüllt, einen Arzt und mehrere Krankenwärter, um Baruch sorgfältig zu betten. Als der Arzt die Decke zurückschlug, starrte ihm ein entgeistertes Antlitz mit gebrochenen Augen entgegen: Baruch Chaim war zu seinem Weibe und seinen Kindern gegangen. Druck und Verlag von Rudolf M v sse in Berlin. Verantwortlich für di§ Redaktion; Max Bauchwitz in Berlin.. j

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