Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-05 · Heft 45 (5.11.1897) · p. Seite 539

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228248--54125-3268088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

539 danken: nun kommst Du heim, ein reicher Mann, nun hast Du erhascht das Glück, die Wonne des Menschengeschlechtes, das schöne, köstliche, rothe Gold, die Quelle aller Freuden. Am anderen Tage, zur bestimmten Stunde, steht er, zitternd vor Erwartung, vor Gregowitsch. „Du hast Glück gehabt, Freund," sagt der schmunzelnd. „Allerdings hat es große Mühe gekostet, Mütterchen, unsere allergnädigste Kaiserin, zu -überreden; aber schließlich hat sie doch eingewilligt. Siehe her, 180000 Rubel, mehr konnte ich, bei Gott, nicht herausschlagen!" (Daß 20 000 Rubel wohlgezählt bereits in seinem feuerfesten Schranke lagen, sagte der schlaue Russe nicht.) „Du kannst Dir das Geld von der kaiserlichen Bank abholen." „Habt vielmals Dank." stammelt Baruch und schließt seine zitternden, glühenden Finger krampfhaft um das kostbare Papier, ich bin's zufrieden!" ' „Oho," lacht der Russe, „mit den: Dank allein ist es nicht abgethan. Hast Du denn nichts bei Dir? Weil Du es bist, will ich mit hundert Rubeln zufrieden sein!" Baruch zieht seine alte, schmierige Brieftasche und zählt fünf Zehnrubelscheiue auf den Tisch. „Verzeiht, aber ich habe nicht mehr," stammelt er flehend. „Nun gut, so mag es dabei bleiben," sagt Gregowitsch herablassend. „Reise glücklich, und wenn Du wieder ein solches Geschäft machen willst, kannst Du bei mir vorsprechen." Eine Stunde später steht Baruch in dem eleganten Kassenzimmer der kaiserlichen Bank und reicht mit zitternden Fingern seinen Schein hinter das Gitter. Der vornehme Herr, der das Papier entgegennimmt, stutzt und richtet seine finsteren, stechenden Blicke auf Den deniüthig dastehenden Juden. Er runzelt die Stirne. — 180000 Rubel!-Er sinnt und sinnt, und zwischen seine Zähne hindurch ringt sich ein Fluch. — „Verdammtes Judenpack --- — elendiges!" „Hast Du Papiere?" herrscht er den Juden an, und Baruch reicht ihm hastig den Paß und die Empfehlung des Hofjnweliers. „Geh, in das Zimmer dort, ich werde Deine Papiere prüfen und Dir dann das Geld hineinsenden," befiehlt der Herr, und Baruch schleicht sich durch die bezeichnete Thüre und drückt sich in einen Winkel des kleinen heißen, unsauberen, von Fliegen dürchsummten Zimmers. Er ist müde zum Umsinken; zu viel ist in den letzten Tagen auf ihn eingestürmt. Freude, Furcht, Zweifel und Sehnsucht haben seine Kraft erschöpft. Er lehnt sein schweres Haupt an die getünchte Wand und schließt die Augen. — Oh, wenn er nur erst das Geld in der Tasche und einen Platz im Eisenbahnwaggon hätte und auf dem Wege zur Heimath wäre. Eine gräßliche Angst preßt ihm das Herz zusammen! Warum hat ihm der Beamte nicht gleich das Geld gegeben, warum ihn so mißtrauisch und böse angesehen? Die Zeit schleicht so langsam vorwärts! --er sieht nach der Uhr --- schon dreiviertel Stunden wartet er in dem dumpfen, einsamen Zimmer, — was soll das bedeuten? „Gott meiner Väter, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erbarme Dich meiner!" betet er mit zitternden Lippen.- Da wird plötzlich die Thür ungestüm aufgerissen; das Zimmer füllt sich mit Kosaken, die über den Wehrlosen herfallen und ihn emporreißen. Er wehrt sich, er will schreien, da trifft ihn ein Faustschlag in das Gesicht, daß das warme Blut aus Nase und Mund stürzt und in den schwarzen Bart sickert. Ein zweiter Hieb in das Genick raubt ihm für einen Augenblick die Besinnung. Die Kosaken reißen ihm dm Kaftan herunter, werfen ihm einen alten Pelzrock über, stülpen ihm eine hohe Fellmütze auf die Locken und wühlen dabei gierig in seinen Taschen nach Geld und Geldeswerth. Ketten rasseln, er fühlt seine Hände und Füße gefesselt, fühlt sich aufgehoben .und . fortgeschleppt wie ein lebloser Gegend; „Barmherzigkeit, Gnade!" wimmert er und versucht, sich den Händen seiner Peiniger zü entwinden. „Paschol!" brüllt eine rauhe Stimme. Er wird durch einen langen Korridor - geschleift, eine schmale Pforte öffnet sich, starke Hände 'werfen ihn auf eine kleine Kibittke, die auf dein halbdunklen .Hofräum-steht, drei Kosaken schwingen sich mit hinauf, ein Schnalzen Mit der Zunge, und die drei kleinen zottigen Pferde eilen mit ihrer leichten Last durch Seitenstraßen dem Thore zu. um bald den Blicken der Nachschauenden in Staub und Nebel zu verschwinden! Zehn Jahre sind verflossen; ein kleiner Zeitraum für den ein langsames Sterben dem, der hinter Mauern und in Ketten sein Dasein beweint. Lachender, strahlender Frühlingshimmel, ein Blühen und Knospen allüberall, Vogelgesang und jauchzende Kindcrstimmen. Weckt dies alles neue Lebenshoffnung auch in den Herzen der unglücklichen Verbannten, die am Fuße des Berges emsig beschäftigt sind, das Ufer des mächtigen Flusses einzudämmen? Bleiche, entnervte, jämmerliche Gestalten, deren blöde Augen kaum das Sonnenlicht vertragen, Wesen, die nichts mehr sehen, hören, denken und hoffen dürfen, Sklaven, deren einzige Regung nur noch glühender Haß und Furcht vor Strafe ist. Hoch oben auf dem Berge leuchtet das Schloß des Gouverneurs, von herrlichen Anlagen umgeben. Was Menschenhand und Kunst vermocht, der herben Natur abzuringen, ist geschehen, um das Heim des Gewaltigen glänzend zu gestalten. Ans der Terraffe spielt das Söhnchen des Großfürsten, ein einziges Kind der Liebe, des Reichthums und des Glückes, und eine Schaar Diener ist seines kleinsten Befehls gewärtig. Plötzlich durchschneidet ein gräßlicher Schrei die Luft und macht selbst die Schaar der Sträflinge erbeben und aufschauen. Der kleine Prinz, im Eifer des Spieles der Brüstung zu nahe gekommen, ist hinabgestürzt und hängt nun, iit einem Gesträuch verfangen, zwischen Himmel und Erde. Sein Jammergeschrei erfüllt die Luft und findet ein vielfaches Echo bei der schreckensbleichen Dienerschaft, die sich angstvoll, doch thatenlos über die Brüstung beugt. Wenn das zarte Gewand zerreißt, muß das Kind an den Felsen zerschellen, oder in dem tosenden Fluffe ertrinken. Die Sträflinge starren nach oben, aber Niemand rührt sich. Was kümmert sie der vornehme Balg? Mag er doch krepiren, ein Quälgeist, eine Zuchtruthe weniger auf.der Welt. Wer hat nach ihren Kindern gefragt, als die Väter hinweggeschleppt wurden? Wer weiß, wo die umgekommen und verhungert sind? Gewiß hat Niemand die Hand ausgestreckt, um die unglücklichen Verwaisten zu schützen und zu halten. Doch seht, da löst sich eine unscheinbare Gestalt aus der Gruppe und klimmt den steilen Abhang empor, Schritt für Schritt, die Nägel einkrallend in die Fugen des Gesteins, die Füße einbohrend in das rollende Erdreich und knackende Gebüsch, die glühenden Augen fest auf den schreienden Knaben gerichtet. Unheimlich klirrt die Kette mit der Kugel, die an des Sträflings Bein befestigt ist, : hinterher, und sein keuchender Athem, der nur mühsam der kranken Brust entsteigt, wird schwerer und lauter. Eine furchtbare Zeit des Wartens und der Aufregung unter den Zuschauern, — dann ist der kühne Retter bei dem Kinde angelangt und erfaßt es vorsichtig, um ..es von -dem Gestrüpp loszulösen. Sinnlos vor Angst schlingt der Knabe beide Arme fest um den Hals seines Retters, sie verlieren - ■ tlf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.