Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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536 auch die erquickende Nacht wird größtentheils gegen die Absichten der Natur, ja des Schöpfers selbst, durch unmäßiges Studiren zugebrächt." * Nach Schilderung eines durch übermäßige geistige Arbeit entstandenen besonders schweren Falles von „Nervosität" (wir würden „Neurasthenie" sagen) fährt er weiter fort: „Ebenso unglücklich sind jene, welche frühzeitig zum Handel bestimmt werden. Mit einem mäsigen Frühstücke, oder gar mit nüchternem Magen durchstreichen diese Elenden die von ihrem Jammergeschrei widerhallenden Straßen. - Von einem beständigen Nachdenken geplaget, taumeln sie von einem Hause in das andere, abwechselnde Leidenschaften stürmen auf ihre Empfindung: Bald martert sie die Furcht des Verlustes, bald die Freude eines vortheilhaften Gewinnes. „Die Meisten, welche sich dem Handel widme::, halten keine bestimmte Zeit zur nöthigen Erquickung.-Endlich kommen sie nach Haus, setzen sich zu Tische, werfen einige Brocken heißhungrig in den Magen, und da sie die Aussicht ungewisser Einkünfte für den künftigen Tag foltert, so essen sie unruhig, und vergessen das Wesentliche einer guten Verdauung, nämlich das so nöthige Kauen. Noch einen Fehler muß ich hier bemerken, welches freilich von der außerordentlichen Empfindlichkeit der Nerven und den täglich anfstoßenden Widerwärtigkeiten herkömmt. Meine Bundesgenossen sind sehr zun: Zorn geneigt, die geringste Ursach empöret manchmal ihr ganzes Gefühl." Tout comme chez nous! Man erkennt in obigen Schilderungen Symptome einer ganz modernen Krankheit, der Neurasthenie. Sie zeigt sich in höchst peinigendem Kopfdruck, der Unfähigkeit zu methodisch-geistiger Arbeit, Schlaflosigkeit, niedergedrücktem Gemüthszustand, schrecklichen Angstzuständen, Schmerzen an allen Ecken und Enden und einer außerordentlichen Körperschwäche. Als Ursachen kennt man unzweckmäßige Lebensweise, schwere und anhaltende Gemüthsbewegungen, geistige und körperliche Überanstrengungen und wieder ganz besonders die Erblichkeit. Ursachen, die gerade bei den Juden in höherem Grade anzutreffen sind. Ich erinnere nur an die aufregende Thätigkeit und aufreibende Gedankenarbeit unserer Bankiers und Kaufleute, an die starken Anforderungen, welche schon an den Geist unserer Kinder in den Schulen gestellt werden, und welche auf diese ungünstiger einwirken als auf die christlichen Schüler, weil sie leider mit empfindlicheren Nerven belastet sind. Ein Moment, die ungeeignete Lebensweise, möchte ich besonders herausgreifen, da sie ein Hauptgrund für mehrere andere Krankheiten ist. die unsere Glaubensgenoffen in höherem Grade als ihre Umgebung befallen; ich meine die Fettsucht, die Zuckerruhr, die Steinkrankheit und besonders den Magenkatarrh. Die Symptome der ersteren sind ja mit dem Namen genügend ausgedrückt, auf den Magenkatarrh aber möchte ich etwas näher eingehen, da an ihm wohl der größte Theil von uns leidet. Es soll ja eine charakteristische Eigenthümlichkeit unserer Glaubensgenossen sein, daß sie keine „trinkbaren Männer" sind. Leider aber leisten sie nach der anderen Seite hin, im Esten, des Guten manchmal allzu viel. Es ist eine bekannte Thatsache, daß viele von ihnen, besonders die Juden aus Russisch - Polen, jährlich Karlsbad bevölkern. Daß gerade Letztere dorthin pilgern, giebt uns den Schlüssel zur Erklärung dieser Erscheinung. Man darf annehmen, daß die Juden, so lange sie in Palästina lebten, sehr mäßig und einfach waren. Denn es ist eine charakteristische Eigenschaft der Südländer, daß sie sich fast nur von vegetabilen Nahrungsmitteln nähren, während die Bewohner nördlicher Zonen, der stärkeren Wärmebildung wegen, sich mehr an thierische Substanzen, Fett und Fleisch, halten. Nun-tragen die meisten der für die jüdische Küche charakteristischen Speisen deutlich die Merkmale des Nordens an sich; sie sind nicht aus Palästina, sondern aus Polen zu uns gekommen. Ich erinnere nur an dielmit dem schwer verdaulichen Rinds- und Gänsefett hergestellten Speisen,, besonders an den fetttriefenden Schalet, der mit den schwer verdaulichen Bohnen und dem noch schwereren Rauchfleisch zubereitet wird. Wir benutzen eben, da ja bei Fleisch Butter ausgeschlossen ist, Rinds- und Gänsefett, während in Palästina, wie in Italien, Spanien'und Griechenland jetzt noch Olivenöl benutzt wurde. Damals wurde alles, wie man wohl annehmen darf, auf die einfachste Weise, mit wenig Gewürz zubereitet, während jetzt der Pfeffer, besonders aber der Zucker eine große Rolle spielt. Die Vorliebe für Fleisch scheint allerdings schon in grauer Vorzeit zum Theil vorhanden gewesen zu sein, wie die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens beweist; für wie wichtig aber auch Moses gerade die nicht Fleisch enthaltende Nahrung schätzte, ersehen wir aus der Verheißung von dem „gelobten Lande, in dem Milch und Honig fließt". Für unsere jetzigen Verhältnisse ist es nun wichtig, daß überall bei steigendem Wohlstand den: Magen mehr zugemuthet wird, als er vertragen kann. Man hält es für ein besonderes und durchaus uothwendiges Zeichen von Wohlhabenheit, wenn mehr verzehrt wird, als der-Körper braucht. Abgesehen von der Ueberlastung, findet dadurch auch eine Schwächung des Magens statt. Wir Juden essen im Allgemeinen viel zu viel Fleisch und Eierspeisen, die einen sehr regen Stoffwechsel zur Verdauung nöthig haben, der aber durch die im Allgemeinen zu geringe Bewegung wieder verlangsamt wird. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß wir Juden, die wir doch sonst dem Fortschritt huldigen, in unseren Nahrungsfragen sehr konservativ sind und noch auf dem Standpunkt Liebigs und seiner übermäßigen Bevorzugung der Eiweißnahrung beharren. In Betreff der Symptome des Magenkatarrhs kann ich mich kurz fassen, da sie ja hinreichend bekannt sind, Appetitlosigkeit, belegte Zunge, Säure, Schwindelanfälle, Magenschmerzen. Man greift dann zum Natron und Morphium und glaubt, dadurch etwas gegen die Krankheit gethan zu haben, während man in Wahrheit nur ein einzelnes Symptom bekämpft hat. Ueberblicken wir noch einmal die Gründe, welche die geschilderten Krankheiten Hervorrufen geeignet sind, so finden wir: ungünstige, d. h. ungeeignete Lebensweise, mangelnde Körperbewegung und Uebung, geistige Ueberanstrengung und Erblichkeit (angeborene Disposition bestimmter Organe zu Erkrankungen oder allgemeine Körperschwäche). Auf all diese Momente läßt sich nun mit Aussicht auf Erfolg einwirken, weniger durch Medikamente, als hauptsächlich durch allgemeine gesundheitliche Heilfaktoren, durch geeignete Abhärtung und Stärkung des ganzen Körpers mit Hilfe gewisser Wassermaßnahmen, Ausübung von Körperbewegungen durch Turnen, Spaziergänge, Radfahren, Schwimmen u. s. w., durch hinreichenden Wechsel zwischen geistiger Arbeit und Ruhe und durch Zuführung leichtverdaulicher Nahrung. In Bezug auf letztere seien einige Winke gestattet. Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß wir Juden zu viel Fleisch genießen. Es ist sicher, daß sich viele von ihnen wohler fühlen würden, wenn auf ihrem Mittagstisch Gemüse und Obst mehr bevorzugt würden. „Aber diese Dinge nähren doch nicht?" Ein bekanntes Vorurtheil! Wovon lebt der Landarbeiter, der Bauer gerade in der Zeit, wo er am kräftigsten arbeiten muß, der Ernte? Von Milch. Brod, Käse, Gemüse. Und im Winter, wo er nichts thut, ißt er Fleisch. Außerdem ist es durchaus nicht richtig, an-