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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-05 · Heft 45 (5.11.1897) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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535 giebt. Durch das Mundathmen. entstehen nicht nur leicht Lungenkrankheiten, da die Athmungsluft nicht, wie es. eigentlich sein sollte, beim Hindurchstreichen durch die Nasenhöhle erwärmt Und gereinigt wird, sondern vor allem werden die Kinder dadurch verhindert, kräftig zu athmen und dem Blut den nöthigen Sauerstoff zuzuführen. Es. entsteht dadurch eine theilweise Kohlensäurevergiftung, das Gehirn wird schlecht ernährt, die Kinder werden^ unbesinnlich, unaufmerksam und lernen schlecht. Die sehr einfache Beseitigung der Vergrößerung ändert dieses Bild mit einem Schlage in erfreulicher Weise. Die Skröphulose ist eine nahe Verwandte der Schwindsucht, die sich auch unter den Juden in ziemlich hohem Maße ihre Opfer aussncht, glücklicherweise nicht mehr so sehr, wie in früheren Zeiten, als noch, besonders im Osten, die Verwandtenehen stark verbreitet waren. Die Schwindsucht leitet uns nun noch zu Wanderen Krankheitsursachen, den gesundheitsschädlichen Beschäftigungen, über. In dieser Beziehung haben wir ein interessantes Dokument in Händen, das 31. Kapitel von „De morbis artificum diatriba“ („über Gewerbekrankheiten") des hervorragenden italienischen Arztes Bernardino Ramazzini, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Padua lebte. In diesem Kapitel schildert er unter der Ueberschrift: „de morbis Judaeorum“1 2) einige bei den Juden, und zwar den niedrigsten Schichten, vorkommende Gewerbekrankheiten, und sagt unter anderem: „Die Nation der Juden, wie ihresgleichen auf Erden keine andere existirt. da sie nirgends ein Vaterland hat und überall unter den Völkern zerstreut lebt, die zugleich müßig und dabei arbeitsam ist, die weder pflügt noch eggt noch säet und dennoch erntet, — diese Nation wird gleichfalls von verschiedenen Krankheiten heimgesucht, und zwar nicht sowohl infolge der Fehlerhaftigkeit der Nasse, wie man gewöhnlich glaubt, auch nicht infolge ihrer schlechten Lebensweise, als vielmehr durch die Art der von ihr betriebenen Gewerbe. Fast alle Inden, und besonders die niedere Masse, die die größere Zahl derselben bildet, treiben gewisse Gewerbe, welche mit sitzender resp. stehender Lebensweise verbunden sind. Sie beschäftigen sich mit dem Schneiderhandwerk resp. mit der Aufbesserung alter Kleider; am meisten sind es die Frauen, und zwar sowohl die verheiratheten wie die unverheiratheten, welche mit der Nadel ihr Brod verdienen. Sie können nicht spinnen und weben und verstehen überhaupt keine andere Kunst der Minerva als die Schneiderei. Darin aber leisten sie Vortreffliches unb Ausgezeichnetes. Wollene, seidene und allerhand Kleider wissen sie so zu heften, daß keine Spur einer Naht zu sehen ist. Eine solche Arbeit aber erfordert eine große Anstrengung der Augen. Daher erleiden denn auch die hebräischen Weiber, welche den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein bei sehr schwacher Beleuchtung, bei dem matten Schein einer Laterne mit dem Flickwerk beschäftigt sind, nicht blos alle mit der sitzenden Lebensweise verbundenen Nachtheile, sondern sie erkranken auch noch im Laufe der Zeit an großer Sehschwäche. -—- Da überdies die Inden fast aller Staaten innerhalb enger Gaffen äußerst dürftige und beschränkte Wohnungen besitzen, und die hebräischen Frauen der nöthigen Beleuchtung wegen zu jeder Jahreszeit mit ihrer Arbeit am offenen Feigster zubringen müssen, so gesellen sich zu den oben beschriebenen Leiden noch allerlei Kopfübel, Kopf-, Ohren- und Zahnschmerzen, Stockschnupfen, Heiserkeit, Augenentzündung u. s. w. Zufolgedessen fiiib: die meisten von ihnen, wenigstens aus der niederen Klasse, schwerhörig und triefäugig?) Die Männer, die .in ihren *) Uebersetzt von Dr. Pagel. Jüdische Presse 1888, Nr. 10. 2) u. 3) Strophulose! Buden den ganzen Tag entweder sitzen und Kleider ausbessern oder stehend nach Käufern für ihr altes Flickwerk umherschauen, sind fast alle abgezehrt und verdrießlich. Es giebt wenige, selbst unter den reichen Hebräern, die nicht mit irgend einem Hautausschlag behaftet sind, in dem Grade, daß man dies für eine bei den Juden erbliche und ihnen spezifisch zukommende Krankheit) angesehen hat." Ferner schildert er, wie Einige alte, mit Wolle gefüllte Matratzen reinigen und anfschütteln, „wodurch sie schwere Schädigungen erleiden, heftigen Husten, Athemnoth, Verdauungsverstimmung" (also Schwindsucht und Magenkatarrh). Es sind schreckliche Bilder, welche uns hier von den Leiden unserer Vorfahren entrollt werden, Leiden, an denen sie gänzlich unschuldig waren, da sie, bei der Unmöglichkeit, sich auf andere Weise ihren Lebensunterhalt zu erwerben, zu diesen ungesunden Beschäftigungen gezwungen waren. Und wenn auch Ramazzini nur von den italienischen Juden spricht, so darf man doch annehmen, daß sich auch bei dem niederen jüdischen Volk in anderen Ländern dieselben Zustände fanden. Da aber gerade bei der Schwindsucht die Erblichkeit eine ungeheuere Wichtigkeit hat, ist es klar, daß wir jetzt noch zum Theil an den Folgen dieser ungünstigen Verhältnisse zu leiden haben, umsomehr, da auch jetzt noch ein großer Theil unserer Glaubensgenossen im Allgemeinen eine sitzende Lebensweise führt. Ich erinnere nur an die mangelhafte Körperbewegung unserer Kaufleute,, die von Früh bis Abends in dunklen, schlecht gelüfteten Läden und Komtors beschäftigt sind. Aus Ramazzinis Bemerkungen kann man ferner ersehen, daß schon damals die Juden auffallend kurzsichtig waren. Er führt dies auf ihre Beschäftigung mit Nähen und Ausbessern zurück. Doch kann das nur von den Trödlern gelten, die gebildeten Juden waren aber auch im Verhältniß zu ihrer christlichen Umgebung sehr kurzsichtig, wozu wohl besonders das Studium der klein gedruckten Bücher bei mangelhafter Beleuchtung beilrug. Und da auch die Kurzsichtigkeit erblich ist, so haben wir wiederum darunter mit zu leiden. Unter den.Beschäftigungsarten der Juden gab es aber und giebt es noch jetzt viel wichtigere Gründe zu Krankheiten; es sind dies geistige Ueberanstrengung und Aufregungen. Daß dieselben anch in früheren Zeiten vorhanden waren, ersieht man aus einem interessanten Buch aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts: Elcan Jsaac Wolf, der Weltweisheit und Arzneiwissenschaft Doktor in Mannheim, von den Krankheiten der Juden. Mannheim 1777." Es sei gestattet, Einiges aus diesem kleinen, aber lehrreichen Büchlein anzuführen. „Der unaufhörlich nagende Kummer, das beständige Nachsinnen auf den täglichen Lebensunterhalt, das marternde Schröckbild der in Zukunft durch das Alter abnehmenden Lebenskräfte, der Verlust des Reichthums bei absterbenden Kapitalien ungiltiger Wechsel, die endlich zu erschwingen sehr schwer fallenden Auflagen und Beiträge sind jene Plagen und unserem Geschlecht besonders eigene Leidenschaften, welche den Nerven unendlich nachtheilig sind; und es ist auch deswegen nicht zu bewundern, daß man bei uns so viel Nervenhipochondrien wahrnimmt, welche nach und nach in eine Tiefsinnigkeit und schwarze Galle (Melancholie) ausarten. Daher entstehet die beständige Unruhe ihrer Seelenkräfte, so daß man Juden bemerket, welche gleichsam in einem beständigen Delirio herumwandeln, sich allerhand Gesichter und Geberden angewöhnen, mit - sich reden und dergleichen mehr. Die Jünglinge sind hager und entkräftet, die diesem Alter so eigenthümliche lebhafte Farbe des Angesichts verblasset, die Augen liegen tief in die knochigte Höle versenket,, und allerhand Nervenkrankheiten sind ihre Plagen. Viele dieser erzwungenen Gelehrten .liegen nicht nur den ganzen Tag an die Bücher angebunden, sondern

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