Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Mädchenschul - Prüfung Folgendes konstatiren: Solch ein absolut musterhaftes und doch zugleich freundliches und einnehmendes Benehmen der Kinder, von den größten bis zu den kleineren, von! denen keines irgendwie verschüchtert war, sowie zugleich solch vorzügliche Ergebnisse eines gediegenen Unterrichts in allen Fächern, wie ich sie in Tanzha gesehen habe, habe ich anderswo nur selten gefunden. Von den Lehrerinnen sprechen die Direktrice sowie die erste Assistentin auch fließend Deutsch, die Direktrice auch fließend Spanisch; eine der anderen Lehrerinnen ist aus dieser Schule selbst hervorgegangen und waltet ihres Amtes mit Geschick und Erfolg. Diese Schule wird von der Alliance Israelite in Paris unterstützt; nach den glänzenden Resultaten, die die Schule erzielt, wäre es dringend zu wünschen, daß die Alliance in sämmtlichen marokanischen Hafenstädten entsprechende (höhere) Knaben- und Mädchenschulen ins Leben riefe, vor allem in:s-Suva (Mogador) in A’sfi (Saffi). Die Alliance ist, wenn sie auf dem in Tanzha betretenen Wege auch in den übrigen Städten vorgeht, in der Lage, nach und nach die Bildung der marokkanischen Juden wesentlich zu heben, sie geistig und ethisch mit den Europäern überall auf gleichen Fuß zu stellen und ihnen die (mit den ihnen meist ja noch überlegenen Europäern so schwer fallende) Konkurrenz in Industrie und. Handel zu erleichtern: eine große, schöne und edle Aufgabe, bei der ihr voller Erfolg und volles Gedeihen zu wünschen ist. Denn erheben sich die Juden dort zu durchschnittlich höherer Bildung, zu technischer und künstlerischer Produktion, zu intensiverem Schaffen: so sprengen sie damit auf die Dauer auch die Fesseln, mit denen ihre Unterdrücker, die Mauren, sie vielfach noch gebunden haben. Krankheiten der Inden. Von Dr. med. Kantoro wicz-Hannover. ls „Theil der Kraft, die stets das Böse will und .stets das Gute schafft", hat der Antisemitismus insofern günstig gewirkt, als er uns veranlaßt, auf unsere nicht immer angenehmen und berechtigten Eigenthümlichkeiten und Anomalien mehr als vorher zu achten und durch Vermeidung und Milderung derselben manchen Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen. Nicht minder aber wie geistige und sittliche Eigenthümlichkeiten mahnen uns mannigfache körperliche Gebrechen zur Einkehr. Sind wir nun mit den Antisemiten auch darin einverstanden, daß noch manches zu bessern sei, so weichen wir natürlich vollständig von ihnen in der Beurtheilung der Ursachen dieser befferungsbedürftigen Zustände ab. Denn während jene Herrschaften alles der angeblich schrecklich schlechten Raffe zuschreiben wollen, werde ich mich bemühen, wie ich glaube, vernünftigere Gründe, die außerdem den Vorzug haben, sich ändern zu laffen, was ja bei der Raffe unmöglich wäre, anzugeben. Ich bin nämlich der Ansicht, daß, ebenso wie die geistigen und moralischen Anomalien zum größten Theil Nicht en der Rasse liegen, sondern unseren Vorfahren durch die allzu große Nächstenliebe ihrer Mitmenschen anerzogen wurden, auch die krankhaften Körpereigenthümlichkeiten zum größten Theil ihre kulturhistorischen Gründe haben. Ich will es dahingestellt sein laffen, ob die Juden noch eine Raffe oder gar eine Nation bilden, jedenfalls haben sie durch dichtes Beieinanderwohnen, gezwungene Jsolirung von der übrigen Bevölkerung und gemeinsame Leiden sich so viele gemeinsame geistige und körperliche Eigenschaften angeeignet, daß es mir gerechtfertigt erscheint, auch ihre Krankheiten von einem gemeinsamen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Selbstverständlich verstehe ich darunter nicht etwa Krankheiten, die unsere Glaubensgenoffen allein befallen (solche giebt es nicht!), sondern pathologische Zustände, welche, sich bei. ihnen in höherem Grade finden als bei ihrer Umgebung. Zwar beabsichtige ich, hauptsächlich die Krankheiten unserer Zeitgenossen in Betracht zu ziehen, da aber eine Hauptursache dieser Krankheiten die Erblichkeit ist, wird es nöthig sein, auf die sanitären Verhältnisse der Vergangenheit etwas näher einzugehen. Rufen wir uns kurz die Lebensverhältniffe unserer Vorfahren, unter deren Folgen wir, ihre Nachkommen und Erben, noch jetzt zu leiden haben, ins Gedächtniß zurück. Eingepfercht in die licht- und luftlosen Gassen des Ghettos, ausgeschlossen von jeder körperlichen Uebung, mußten unsere Vorfahren körperlich völlig, verkümmern. Es war dem Jüngling verwehrt, im Wandern durch Gottes freie Natur seine Lungen zu weiten, dem Manne, als Handwerker oder Bauer seine Muskeln zu üben und zu stärken oder gar im Kampfe für sein Vaterland Muth und Kraft zu zeigein Es ist daher nicht zu verwundern, daß allmälig die körperliche Pflege fast völlig vernachlässigt wurde, und ein schwächliches Geschlecht heranwuchs, das wenig Aehnlichkeit mit jenen Streitern gegen Assyrer und Römer zeigte. Auf einem solchen Boden gedieh die Rhachitis oder englische Krankheit mit ihren Begleitern, der Skrophulose und der Tuberkulose, den furchtbaren Geißeln der Menschheit, welche uns auch jetzt noch, ein unglückliches Erbtheil unserer Väter, von allen Seiten bedrohen. Es entstehen dickbäuchige Kinder, die mit Mühe und spät gehen lernen und sich kaum auf ihren dünnen und durch die Last des Körpers gekrümmten Beinchen aufrecht erhalten können. Ohrenfluß und Augenentzündungen stellen sich ein und vervollständigen das Bild eines rhachitischen und skrophulösen Kindes. Die Rhachitis („englische Krankheit" deshalb genannt, weil sie zuerst von einem englischen Arzt Mitte des 17. Jahrhunderts geschildert wurde) besteht in einer besonderen Schwäche der Knochen, die durch eine krankhafte Blutmischung entstanden ist. Nicht nur die Beine, auch^ die Arme, der Brustkorb, in besonders schweren Fällen sogar die Wirbelsäule, krümmen sich, die Schädelknochen schließen sich nicht frühzeitig genug zusammen, so daß an der oberen Fläche die sogenannten Fontanellen, zwischen den Knochen befindliche, nur von Haut bedeckte Oeffnungen, noch lange Zeit fühlbar sind. Die Weichheit der Knochen und Bänder ist weiter ein wichtiger Grund für die Aenderungen der Fußform, welche unter dem Namen Platt- und Klumpfuß bekannt sind. Bei ersterem bildet die Sohle keinen nach unten offenen Bogen an der inneren Seite des Fußes, sondern liegt platt dem Boden auf, bei letzterem liegt der äußere Sohlenrand breit auf. Dazu gesellt sich, wie schon gesagt, die Skrophulose, welche in einer bedeutenden Schwäche und Entzündbarkeit der Haut, der Schleimhäute und der Drüsen besteht. Es finden sich Hautausschläge. Entzündungen der Nasen-, Augen- und Ohrenschleimhäute, der Mundschleimhaut. Verdickungen der Lymphdrüsen, besonders am Halse, ein. Eine Anomalie, die erst in letzter Zeit näher erforscht worden ist, und deren außerordentliche Wichtigkeit erst jetzt gewürdigt wird, die Vergrößerung der Nasenrachenmandel, besteht darin, daß eine kleine, im oberen Theil des Rachens hinter den inneren Nasenöffnungen befindliche Drüse sich außerordentlich vergrößert und dadurch den hinteren Nasenausgang verlegt. Es entsteht nun. ein höchst charakteristisches Bild: die Kinder können nicht genug durch die Nase athmen, müssen deshalb durch den Mund Luft holen, der ewig offen steht und dem ganzen Gesicht in Verbindung mit einer eigentümlichen Augenstellung einen außerordentlich blöden Ausdruck