Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53Z Nischen Juden, ihren Bildungsstand, ihren Handel und Wandel und dergleichen hingew'üftn, Und es sind durchaus keine änzieheNden Bilder, die vorgefiihrt werden. Um so erfreulicher ist es, einer unparteiischen Berichterstattung zu begegnen, welche ohne Voreingenommenheit und ohne Vorurtheil darstellt und schildert, wie es in den „Mittheilungen über die Juden in Marokko von Dr. Hubert Jansen", die er im „Globus" (Band LXX1, Nr. 16 und 21) nach eigener Anschauung wiedergiebt, geschieht. Er gesteht zu, daß manche der dortigen, besonders der ärmeren Juden in Bezug auf Wahrheit und Treue dem Europäer gegenüber sowohl im Allgemeinen als auch im Dienstverhältniß lmd im Handel vom Nichtigen abweichende Anschauungen haben, aber sein Gesammturtheil lautet: „Man kann sagen: die große Mehrzahl bet Marokkanischen Juden ist itn Handel und Wandel ebenso zuberlässi g wie die christlichen Kaufleüte bei uns. lind wenn die ärmeren Juden, die aus dem N: lla’h (Ghetto) stammen, sich Verstöße gegen Wahrheit und Treue erlauben, so sollte man sie deswegen am allerletzten schelten, vielmehr an erster Stelle ihre Unterdrücker, die habsüchtigen und lügnerischen Mauren." — „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß man gestehen, daß trotz all dieser Bedrückungen die Marokkanischen Juden durchweg ehrenwerthe Menschen sind. Namentlich gilt das für die Wohlhabenderen in den Hafenstädten, unter denen es sogar Freimaurer giebt, die englischen Logen afstlürt sind," Für die Europäer, namentlich fiit die des Arabischen unkundiger: Neulinge im Laude, bilden die Juden das unschätzbare vermittelnde Element den Mauren und Arabern gegenüber. Denn die meisten wöhlhabeüderett Juden sprechen neben dem Arabischen auch das Spanische und eventuell das Englische; außerdem komMen sie dem Europäer stets mit großer Freundlichkeit entgegen. — Neben den guten Eigenschäften werden auch ihre weniger guten Seiten nicht verschwiegen, der mangelnde Sinn für Reinlichkeit des Körpers und für Sauberkeit der Wohnungen, die durch enges Zusammenleben und durch äußerste Armuth bewirkten Verstöße gegen Moral und Sittlichkeit, über die der Reisende berichtet. Um einen Begriff von den Wohnungsverlrältniffen zu geben, erzählt er, daß in Mogaddr auf einem Raume, der etwa dem Askanischen Platze in Berlin an Größe entspricht, in ein- oder zweistöckigen Häusern über 5000 Judeti zusammenwohnen. Was der Reisende über Glauben und — Aberglauben der ma’ghribischen Juden berichtet, ist belanglos; es fehlt ihm, bei aller Hochachtung vor Herrn Dr. Jansen sei es gesagt, die Kenntniß und das Verständniß des Judenthums; denn es ist mehr als charakteristisch, wenn in einer Fußbemerkuug heute noch gesagt wird: „Ueber jüdische Gebräuche vergleiche: Buxtorf, Synagoge Judaica (Frankfurt und Leipzig 1729); Eisenmenger, Entdecktes Judenthum (Königsberg 1711) und von neueren Werken: Schröder, Satzungen und Gebräuche des talmudisch-rabbinischen Judenthums." Wundern wir uns daher auch nicht, wenn er seinen Lesern als Neuigkeit aus fernem Lande erzählt: „An jeder Thür im Hause des strenggläubigen Juden findet man in Mannshöhe an dem (für den Eintretenden) rechten Thürpfosten, ein rechteckiges Täfelchen (sie!) in schräger Lage befestigt; das Täfelchen enthält als Aufschrift das eine Wort' Schaddai („der Allmächtige"). Diese Anrufung Gottes soll die ins Zimmer Eintretenden vor dem Walten böser Geister schützen (!); daß dies dem Einlretenden gilt, zeigt die schräge Richtung der Täfelchen nach innen." Von Werth und Bedeutung für uns ist das Urtheil, das er Über die Bildung, den Wissensdrang und eine Schule der Alliance Israelite Universelle fällt, nicht weil wir uns durch das Lob geschmeichelt fühlen, sondern weil er hier auf seinem Gebiete als Fachmann kompetent ist. Wenn man über den Grad der bei den Juden des Maghrib herrschenden Bildung sprechen will, so muß man wieder streng unterscheiden einerseits zwischen den direkt aus civilisirten Ländern eingewanderten sowie jenen, die lange Zeit in Europa zugebracht haben, andererseits den seit alter Zeit im Lande ansässigen Juden, die nur in den Küstenstädten mit Europäern verkehrt haben. Meine Bemerkungen sollen sich größtentheils auf diese letzteren, auf die marokkanischen Juden im strengsten Wortsinne, beziehen, denn die zuerst Genannten sind halbe oder, besonders in , ganze Europäer. Zunächst ist die erfreuliche Thatsache festzustellen, daß der Sinn für die Aneignung von Kenntnissen, die Erlernung fremder Sprachen re. bei den marokkanischen Juden — im Gegensatz zu den fanatisch dummen Mauren — ein sehr reges ist (d. h. abgesehen von den in tiefste Armuth versunkenen Bewohnern des M: lla’h, die ihr Leben als Arbeiter fristen muffen). Wer nur irgend kann, läßt seine Söhne Englisch und Französisch, Geschichte und Geographie rc. lernen. Vor 1890 standen die marokkanischen Juden fast. nur mit England und Frankreich in Handelsverbindung; vielleicht ist die Zeit nicht fern, daß sie in den wichtigeren Hafenorten jetzt, wo der Handelsverkehr mit Deutschland immer mehr zunimmt, sich auch der Erlernung des Deutschen zuwenden. Aber auch die Kinder der Aermsten erhalten seit einigen Jahrzehnten an manchen Orten, selbst in Nr lla’h, Unterricht, wenn sie auch nur Hebräisch lesen und Arabisch (in hebräischer Kursivschrift) schreiben, rechnen und etwas Geographie lernen; dank der Fürsorge des Sir Moses Montefiore, der 1863 durch eigene Anschauung das Elend seiner Landsleute in Marokko keuneu lernte. In: s. Sulra, (Mogador) suchte vor mehreren Jahren eine protestantische Mission Fuß zu fasten, und * zwar behufs Thätigkeit im Judenviertel. Die Kinder der zum Christenthum übertüeieuben Juden sollten freien Schulunterricht rc. haben, wie denn überhaupt den Proselyten manche Vortheile geboten wurden. Die Alliance Israelite in Paris vereitelte indeß dieses Beginnen, indem sie u. a. für freien Schulunterricht der Judenkinder sorgte und den Bestrebungen der Mission in jeder Weise eine Paroli bot; seit der Zeit fristet die protestantische Mission in Mogador nur noch ein Scheindasein. In Orten, wo höhere jüdische Schulen noch nicht bestehen, wie in A'sü (Saffi), schicken die jüdischen Eltern ihre Kinder unbesorgt in die Schule der spanischen Franziskanermönche, weil sie wissen, daß ihre Kinder dort gut aufgehoben sind. Tüchtiges lernen und gut behandelt, werden, und weil die Patres dort vorläufig an Proselytenmacherei nicht denken können. Was im Punkte der Schulbildung bei den marokkanischen Juden unter geordneten Verhältnissen zu erreichen ist, habe ich in Tanzha gesehen, das ja zum größten Theil unter europäischem Einflüsse steht (und deshalb bei ben fanatischen Mauren den Schimpfnamen führt: la'nzha -1 - kl - ba Tanzha, die Hündin). Ich hatte die Gelegenheit, die sechsklassige höhere israelitische Mädchenschule in Tanzha, infolge einer Einladung der Direktion, zu besuchen und die Zöglinge der oberen Klassen, deren Unterricht in französischer Sprache abgehalten wird, in sämmtlichen Fächern (außer Religion) eingehend zu prüfen. Ich war früher staatlich angestellter, zweiter ordentlicher Lehrer einer höheren Schule in Preußen, auch war ich in frühere:: Jahre:: bei manchen Prüfungen in niederen und höheren preußischen Mädchenschulen anwesend und habe auch in den Niederlanden dem Unterrichte und den Prüfungen in verschiedenen Klaffen höherer Mädchenschulen öfters beigewohnt, was ich nur deshalb anführe, um dem Leser zu zeigen, daß ich in der Lage war, diese Prüfung in Tanzha als Fachmann abzuhalten. Zu meiner Freude kann ich nun hier als das Ergebniß dieser