Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228248--54118-3268081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
L32 Gagegen geht der reine deutsche Ausdruck sogar beiden besseren jüdischen Ständen in Rußland stärk in die Brüche. Das Russische bildet die Umgangssprache, mitunter auch das Französische, And zwischen beiden schleppt sich, vornehmlich bei der Mittelklasse, der Jargon noch mit, als wolle er sein gutes altes Recht auf die Sprachverrenkung noch behaupten. Wir haben einen sehr intelligenten Glaubensgenossen aus dem Innern Rußlands kennen gelernt, der, weil es ihm hauptsächlich darum zu thun ist, seinem zehnjährigen Knaben das richtige Deutsch beibringen zu lasten, denselben hierher auf die Realschule gebracht hat. Er hat ihn bei einem christlichen Lehrer in Pension gegeben, ersuchte mich aber bei einem Besuche, den er mir zu diesem Behufe abstattete, seinen Sohn bestmöglichst in der Religion, und zwar in allem dem zu unterrichten, was dem Juden zu wissen nöthig ist. Bei dieser Gelegenheit klagte er mir, wie unmöglich es sei, die Heranwachsende Jugend in Rußland dem Jargon gänzlich fern zu halten. Wir selbst erfuhren die Misere einer solchen Sprachmalträtirung in dem Augenblick, wo wir es zum ersten Mal mit dem uns zugeführten Knaben zu thun hatten. Schon der Umstand, daß er meine an ihn auf Deutsch gerichteten Fragen nur sehr schwer verstand, gab mir seine Unbekanntschaft mit dem deutschen Sprachwesen kund; allein das Allerschlimmste erfuhr ich erst, als ich die Antworten nach längerem Nachdenken von dem Knaben erhielt. Ja, jetzt trat der Mißstand zu Tage, daß ich ihn nicht verstand, denn wiewohl uns hier die Gelegenheit nicht fehlt, die sprachliche Unschönheit des Jargon bis zur Widerlichkeit kennen zu lernen, so waren doch die Worte, die ich bis jetzt in dieser Beziehung in meiner Erinnerung zu verzeichnen hatte, Salontöne im Vergleich zu dem, was ich jetzt aus dem Munde meines werdenden Schülers vernahm. Und dieser Knabe kam jetzt in eine christliche Pension. Allein es muß zum Ruhme dieser hochachtbaren Lehrerfamilie gesagt werden, daß der Knabe sonst in allen Beziehungen wohl geborgen ist, daß ihre immense Geduld und überaus huinanes Wesen es wohl mit den Fehlern und Schwächen aufzunehmen vermag, welche ihr Zögling aus dem benachbarten Zarenreich mit herüber gebracht hat. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit verwendet sie darauf, den Knaben streng in seinem jüdischen Glauben zu erhalten, uub hierbei trat folgendes Kuriosum zu Tage, welches ich meinen Lesern nicht vorzuenthalten vermag. Es war der Wunsch des Vaters, daß ich seinen Sohn an den hohen Festtagen mit nach der Synagoge nehmen und unter meiner Aufsicht haben sollte, das geschah auch an den beiden Tagen des Neujahrsfestes. Am Rüsttage des Versöhnungstages gab ich meinem Schüler auf, Abends um fünf Uhr wieder im Gotteshause zu sein, was er auch befolgte. Weil ich ihm aber nicht ausdrücklich gesagt, daß er auch am anderen Tage kommen müsse, blieb er am Versöhnungstage ganz und gar dem Gottesdienste fern. Darüber ganz verstimmt, suchte ich am anderen Tage das Pensionat meines Schülers auf. Ich kann kaum die Bestürzung wiedergeben, welche die Frau Oberlehrer empfand, als sie von der Unterlassungssünde ihres Pfleglings Kenntniß erhielt. „Ich hatte ihn gefragt", meinte sie mit unverkennbarer Aufregung, „ob es vielleicht bei den Juden Gebrauch ist, ganz besonders für diesen Tag zubereitete Speisen zu genießen; ich hätte sie ihm ja gern angefertigt. Ich hätte ihm gern Mazzos gegeben, wenn ich sie zur Zeit hier bekommen hätte!" Gewiß, der gute Wille der ehrbaren Frau ist nicht zu verkennen, und ihre Absicht, ihren Pensionär im jüdischen Glauben zu erhalten, verdient alles Lob. Allein mit Jom-Kippur war es für diesmal vorbei, und mit den Mazzos wird Frau Dr. K. schon bis Ostern warten müssen. Der Knabe ist übrigens bereits über zwei Monate hier und hat sich bis jetzt die Zufriedenheit aller Lehrer, in deren Unterricht er getreten, zu erwerben verstanden. — Die „hohen Festtage" mit den Ansprüchen, die sie an die Inden aller Orten und aller'Parteirichtungen gestellt, sind nun vorüber. Wenn auch Ostpreußen nur eine geringere Zahl größerer Gemeinden aufzuweisen hat, so birgt es doch in sich eine Menge von kleinen Dorfgemeinden, in welchen den Forderungen der ernsten Feste bezüglich des öffentlichen Gottesdienstes nach Möglichkeit Rechnung getragen wird. Es ist zu verwundern, mit welchem Heroismus die sonst nicht meist bemittelten Leute pekuniär die schwersten Opfer zu bringen bereit sind, wenn es sich darum handelt, einen guten Bal tefilah zu erlangen. Warum nicht auch! Haben sie doch sonst während des Jahres wenig vom Leben. Entbehrung und Arbeit füllen dasselbe zum größten Theile aus, aber die lieben „Jom towim", wenn sie kommen, und besonders die hochheiligen Tage von Roschhaschanah und Jom Kippur, sie sind berufen und dazu wohl geeignet, das Manco in den sonstigen Tagen der Freude wieder auszugleichen. Hat nun eine solche Dorfgemeinde das Nöthige für die herankommenden Feiertage besorgt, ist der Bal tefilah bestellt, der Bal tokea besorgt, das sonst ärmliche, aber nunmehr feiertäglich ausgeputzte Zimmer zur Abhaltung des Gottesdienstes mit allem Röthigen ausgestattet, so dünkt sich jeder Einzelne in dieser Gemeinde ein halber Rothschild, und die Plagen und Sorgen des Daseins haben aufgehört, für ihn zu existiren. Das war ich im Stande, von den Gesichtern dieser Leute zu lesen, als sie kurz vor den Feiertagen hier in der Stadt waren, um die noch zu denselben nöthigen Bedürfnisse, vornehmlich Fleisch und Fische, einzukaufen. Allein, es ist ja nur zu bekannt, daß die Götter neidisch auf das Glück der Menschen sind. Das erfuhr denn auch die kleine Dorfgemeinde in M., unweit Gumbinnen. Das Roschhaschanah-Fest war in ungestörter Ruhe vorübergegangen, als sich die Nachricht verbreitete, daß ein Mitglied der Gemeinde den sündhaften Plan gefaßt, den Gottesdienst für den Versöhnungstag dadurch unmöglich zu machen, daß es, als zum nöthigen Minjan mit eingezählt, sich nach einem anderen Dorfe zur Abhaltung seiner Andacht begeben werde. Und weshalb dieses Attentat auf die voller Zuversicht in die Zukunft schauende Gemeinde? Nun, weil die Frau des Uebelthäters sich mit ihrer Nachbarin gezankt, was nun ihr Ehegespons der ganzen Gemeinde fühlen lassen sollte. Es war ein Jammer, mit anzusehen, mit welcher Sorge belastet die Armen in den zehn Bußtagen umherschlichen, bis es ihnen gelang, zur Ausfüllung der Minjan-Zahl einen Juden ans dem nahen Städtchen St. zu verschreiben. Das sind die ungefähren Zustände, in welchen das gottesdienstliche Bedürfniß in den kleinen Dorfgemeinden, mitunter auch kleinen Stadtgemeinden Ostpreußens zu seinem Rechte kommt. Gewiß, unsere Glaubensbrüder in den Großstädten, sie haben keine Ahnung davon, mit welchen Opfern man seine Berechtigung, dem Judenthum anzugehören, erkaufen muß. Die Juden in Marokko. Nach dem Berichte eines christlichen Gelehrten. fie Juden in Marokko nehmen durch die Verfolgungen, die sie in letzter Zeit wieder in verschärftem Maße zu erdulden haben, unser erhöhtes Interesse in Anspruch. Zur Erklärung und oft zur Entschuldigung dieser traurigen Verhältnisse wird in den von dort kommenden Schilderungen auf den Charakter der marolka-