Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 giebt als die Entfremdung Israels von der ländlichen Scholle. Eine Diskussion schloß sich an diesen Punkt nicht an. und so gelangte der Antrag I mit zwei von Dr. Karpeles und Dr. Heinrich Meyer-Cohn vorgeschlagenen stilistischen Aenderungen in folgender Form zur Annahme: „Die aus allen Theilen Deutschlands in Berlin am 24. Oktober 1897 zusammengetretene Konferenz spricht ihre Ueberzeugung dahin aus, daß die Betheiligung deutscher Israeliten in größerer Anzahl an der heimischen Landwirthschaft mit allen zu Gebote stehenden Kräften erstrebt werden muß." Für den Punkt 2a, 1—4, schlägt Rechtsanwalt Horwitz-Berlin en bloe-Annahme vor. Unter Aufnahme von zwei stilistischen Aenderungen, die von Dr. Horwitz und Dr. Karpeles beantragt wurden, erklärt sich die Versammlung mit diesem Anträge einverstanden und nimmt den Punkt in folgender Fassung an: II. Die Konferenz will zu diesem Zwecke a) um die Erziehung der Jugend zur Bodenbewirthschaftung und den sonstigen ländlichen Gewerben zu fördern, 1. für die kräftige Unterstützung und Hebung der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem eintreten; 2 die Errichtung von Schulgärten bei allen israelitischen Knaben-, Mädchenschulen und Waisenanstalten herbeizuführen suchen; 3. die Lehrer veranlassen, in den Sommerferien Gartenbaukurse zu absolviren; 4. auf die Einrichtung obligatorischen Unterrichts in Obst--, Gemüse- und Blumenpflege an allen israelitischen Lehrer-Seminaren Deutschlands hinwirken." Eine recht lebhafte Diskussion schloß sich noch an die Berathung des Punktes 5, in dem bestimmt wird, „eine Erforschung über Eignung und Lust der Juden zu den ländlichen Beschäftigungen zu veranlassen". Während die Herren DDr. Horwitz, Meyer-Cohn, Hirsch Hildesheimer, Nathan den Punkt ganz streichen wollen, weil dessen Durchführung praktisch unmöglich und auch zwecklos sei, treten Prof. Philippson und Dr. Minden für die Aufrechterhaltung desselben ein, weil sie in ihm den Schwerpunkt der ganzen Verhandlung erblicken. Nach langer Debatte, an der sich auch drei Landwirtbe, Dr. S. Papilski aus Gablenz, Rittergutsbesitzer Arenstein aus Büren und Oberamtmann Cohn-Berlin rege betheiligen, erhält Nummer 5 in folgender Form die Genehmigung der Versammlung: b) „um in zweckmäßiger Weise in der Gegenwart bereits die Vermehrung der Seßhaftigkeit aus dem Lande einzuleiten, 5. die erforderlichen Ermittelungen anzustellen, insbesondere über die Erfahrungen jüdischer Landwirthe und die Möglichkeit, jüdische Arbeitskräfte bei ihnen einzustellen". Punkt 6, betreffend die Herbeiführung von Niederlassungen in Einzel- und Gemeindewirthschaften, wird vom Vorsitzenden zurückgezogen. Zu Punkt III endlich wird von der Versammlung zur Durchführung der von ihr bekundeten Absichten die Errichtung eines „Vereins zur Beförderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" beschlossen. Zur provisorischen Leitung des Vereins werden mit dem Rechte der Kooptation folgende Herren gewählt: Gustav Tuch, Rechtsanwalt Heinemann, Alphons Jacobson, A. M. Simon, Oberamtmann Cohn, Rabbiner Dr. Plaut, Eugen Rosenstiel und Rechtsanwalt Dr. Horwitz. Nach Erledigung der Tagesordnung spricht Dr. Karpeles im Namen der Versammlung Herrn Tuch Dank dafür aus. daß er diese Frage mit solchem Eifer in Angriff genommen habe, und bittet ihn, sie mit demselben Eifer auch zu einem gedeihlichen Ziele zu führen. g/*> Berlin, 25. Oktober. Das Komitee für Chanukah- Bescheerung erläßt folgenden Aufruf: Beim Nahen der rauhen Winterszeit bittet wiederum eine Schaar von mehr denn 1000 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschulen besuchen, das allezeit milde Herz der Glaubensgenossen um Spendung der nöthigsten Kleidungsstücke. Diese Gabe schützt nicht nur die kleinen Körper vor Kälte, sondern wirft auch in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst freudlosen Dasein die ermunternde Gewißheit bringt, daß sie von den Nebenmenschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Chanukahfeste laut unserem Bericht vom Januar 1897 1016 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche und Lehrmittel. So wurde bitterste Roth an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie Lehrerkreise bezeugten, einen moralischen Einfluß auf die Schüler zu üben, indem die Würdigsten vorzugsweise bedacht wurden. Beide Erfolge ermuthigen uns, alle Kinderfreunde, besonders die Frauen unserer Gemeinde, herzlichst zu bitten, durch eine freundliche Gabean Geld, Stoffen, Jugendschriften oder dergleichen dies Liebeswerk wiederum fördern zu helfen. Die Vorsitzende des Komitees ist Frau Julie Neumann, Vietoriastraße 31. g/°s> Berlin, 22. Oktober. Die Feier des 80. Geburtstages von Ferdinand Reichenheim versammelte gestern Vormittag die Gratulanten in großer Zahl in der Wohnung des Jubilars. Neben den Familienmitgliedern und persönlichen Freunden des Jubilars, deren Blumenspenden in prächtigster Weise alle Räume schmückten, hatten sich 20 Deputationen eingefunden, die im Namen staatlicher und kommunaler Behörden sowie im Namen der jüdischen Gemeinde und der vielen Wohlthätigkeitsanstalten, denen Ferdinand Reichenheim seine hilfreiche Fürsorge angedeihen läßt, ihre Glückwünsche aussprachen und Diplome und Adressen überreichten. Die Gratulation des Reichenheim'schen Waisenhauses, dem der Jubilar besonders nahe steht, überbrachte eine Deputation, deren Wortführer der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Bamberger, war. Auf alle Ansprachen, welche von den Deputationen an den Jubilar gerichtet wurden, erwiederte dieser in herzlichster und frischester Art. Die Worte dankbarer Anerkennung und Verehrung, die ihm von allen Seiten gezollt wurden, haben ihm zweifellos bewiesen, wie aufrichtig ihm von seinen vielen Freunden und Verehrern noch eine lange Reihe von Lebensjahren in Rüstigkeit und -Gesundheit gewünscht wird. L2 Berlin, 24. Oktober. Nach langem Leiden ist am 21. d. Mts. hier Herr Paul Kuczynski gestorben, ein in Bankkreisen sehr geschätzter Kaufmann, der aber auch als Musiker Tüchtiges geleistet hat. Innige Freundschaft verband ihn schon in jungen Jahren mit Schriftstellern, mit Künstlern, die später meist zu Namen und Ansehen gelangten. Als Anfang der siebziger Jahre das Gestirn Albert Lindners leuchtend aufging, da wandte sich ihm Kuczynski mit aller Wärme zu, und er war es auch, der in den späteren trüben Tagen treu zu Lindner stand, der sich seiner Familie angenommen hat. In jenen Tagen, da erst eine sehr kleine Gemeinde von Kunstfreunden treu zu Richard Wagner stand, da trat Kuczynski eifrig für die neue Richtung in der Musik ein. Die litterarisch-künstlerischen Neigungen haben nicht verhindert, daß Kuczynski der berufene Erbe und Mehrer des Ansehens war, das sein Vater seiner Firma erwarb. Er erhielt seinem Bankgeschäft den Ruf eines vornehmen Hauses und bewährte sich als Eisenbahn fachmann von verkehrspolitischer Einsicht in einer Reihe großer Verwaltungen. Auf dem Gebiete der Musik war Kuczynski mit großem Erfolge schöpferisch thätig. Bon Hans Bülow zunächst ausgebildet, der mit lebhafter Sympathie an seinem Schüler hing, von Friedrich Kiel in die Kompositionslehre eingeführt, hat er eine Reihe von Tondichtungen geschaffen, die in den vornehmsten Konzertsälen sich lebhaften Beifall errangen. In der Singakademie hat seine „Ariadne", seine „Bergpredigt" das Interesse gefesselt. Vor einem Jahre noch, als er selbst bereits schwer leidend aus der persönlichen Theilnahme am Geschäftsleben sich zurückgezogen hatte, ließ er in der Philharmonie eine ernste Tondichtung großen Stils: „Die Fahrt zum Lichte" aufführen, die ihm lebhaften Erfolg brachte. Künstlern, den jungen Musikern besonders, ist Kuczynski stets ein feinfühliger Förderer gewesen. Sein Haus, der lärmenden Geselligkeit verschlossen, war ein Tempel, dem Kultus der Tonkunst geweiht. In der Vollreife der Jahre ist Kuczynski abberufen worden; er war erst zweiundfünfzig Jahre alt. Das Andenken dieses edlen Mannes wird sich lange erhalten. Berlin, 26. Oktober. Die Geschichte einer Tafel hat in dieser Woche viel von sich reden gemacht. Ein Herr S., Sportsman,, Hauptmann a. D. und Besitzer des Gutes R. glaubte sich dadurch empfehlen zu müssen, daß er auf seinem Gute eine Tafel mit der Inschrift anbringen ließ: „Hunden und Juden ist der Eintritt bei Strafe verboten." Diese Kundgebung erregte in dem „Klub von Berlin", dem Herr S. angehört, Unwillen, und ein angesehenes Mitglied desselben, Bankdirektor F., ersuchte den Vorstand, gegen ihn einzuschreiten, was indeß mit dem Hinweis abgelehnt wurde, daß der Vorstand, der über diese Angelegenheit sein Bedauern aussprach, hierzu nicht befugt sei. Der Bankier Robert v. Mendelssohn trat aus dem Klub aus, und viele weitere Austrittserklärungen sollen zu erwarten sein. Diese Angelegenheit beschäftigt übrigens den Centralvercinl deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schon seit zwei Jahren.! Erst wandte er sich an das Landrathsamt, konnte aber nur erlangen,! daß von der Tafel die Unterschrift: „Die Gutsverwaltung" entfernt! wurde. Dann wandte er sich — vergeblich — an das Regierungs-I Präsidium, und erst auf eine Beschwerde beim Oberpräsidenten erhielt!