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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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81. Lahrgang. Nr. 44. Dpp (Ül* tUfittötffo 01!*♦ Äerim. 29. Mt-ü-r 1897. Weitcrge zur „AtLgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 27. Oktober. Wie man uns berichtet, soll die Angelegenheit der Rabbinerwahl für Berlin, die schon so lange die ad hoc eingesetzte Kommission beschäftigt hat, nunmehr prinzipiell dahin entschieden sein, daß Herr Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau auf diesen Posten berufen werden wird, nachdem in den letzten Feiertagen eine Deputation der hiesigen Gemeindebehörden in Breslau geweilt und dort nach dem Eindruck der Predigt die Präliminarien gepflogen hat. Dr. Rosenthal gehört der konservativen Richtung an; er würde dem« gemäß die Stelle Dr. Ungerleiders aussüllen, aber wohl nur in der Heidereuther- und Kaiserstraßen-Synagoge funktioniren. Wir kommen auf die Angelegenheit noch ausführlich zurück. L2 Berlin, 24. Oktober. Die Behörden gehen jetzt in Sachen des jüdischen Religionsunterrichts entschieden vor. So haben die Direktoren der höheren Mädchenschulen, die Rektoren der Gemeindeschulen sowie die Vorsteher der Privatschulen in Berlin von der städtischen Schuldeputation hier unter dem 14. Oktober 1897 folgendes Schreiben erhalten: „Der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten hat angeordnet, daß sich die Leiter der Schulen von jedem die Schule besuchenden Kinde jüdischer Religion innerhalb des schulpflichtigen Alters eine bescheinigte Nachweisung darüber erbringen lassen, daß und von wem dasselbe Religionsunterricht in seinem Glauben erhält. Im Anschluß an diese Anordnung veranlassen wir Sie im Aufträge des königlichen Provinzial - Schulkollegiums, ein Berzeichniß derjenigen jüdischen Kinder, welche die von Ihnen geleitete Anstalt besuchen und keinen jüdischen Religionsunterricht erhalten, hierunter aufzustellen und binnen sechs Tagen an uns einzureichen." £2 Berlin, 23. Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hat sein Winterprogramm soeben verschickt. Dasselbe ist sehr reichhaltig, und es steht zu hoffen, daß sowohl die öffentlichen Vorträge, die am 26. d. begonnen, wie die Diskussionsabende sich reger Betheiligung zu erfreuen haben werden. Die folgenden Vorträge finden in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums, Dorotheenstraße 13/14, statt: Dienstag, 26. Oktober 1897, Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin: Uriel Acosta, Wahrheit und Dichtung. Dienstag, 23. November 1897, Professor Emil Breslaur: Giebt es altjüdische oder > national-jüdische Melodien? (Erläutert durch Solo- und Chorgesangsoorträge. Dieser Vortrag findet ausnahmsweise im Saale der königlichen Hochschule für Musik, Potsdamerstraße 120, statt.) Dienstag, 14. Dezember 1897, Rabbiner Dr. M. Kayserling aus Budapest: Die Inden als Patrioten. Dienstag, 1ö. Februar 1893, Professor Dr. I. Barth: Mohammed und die Juden. Dienstag, 15. März 1898, Rabbiner Dr. K. Werner aus München: Weltschmerz und Judenthum. Dienstag, 19. April 1898/Professor Dr. Lubw. Stein aus Bern: Die jüdische Renaissance. Die folgenden Diskussionsabende finden im Architektenhaus, Saal B, Wilhelmstraße 92/98, statt. Montag. 8. November 1897, Dozent Dr. E. Baueth : lieber Maimonides angeblichen Uebertritt zum Islam. Dienstag, 7. Dezember 1897, Dr. Gustav Karpeles: Litterarische Jahres-Reoue. Dienstag, 4. Januar 1898, Rabbiner Dr. E. Kali scher aus Kopenhagen : Ein dänischer Ghetto-Dichter. Dienstag, 1. Februar 1898, Privat-Dozent Dr. I. Pagel: Litterarhistorischer Streifzug durch das Gebiet der jüdischen Medizin mit besonderer Berücksichtigung der letzten Dezennien. Dienstag, 1. März 1898, Schriftsteller Albert Katz: Der Chassidismus. Dienstag, 29. März 1898, Dozent Dr. I. Wohlgemuth: Unsterblichkeit, Auferstehung und messianische- Reich. — Alle Vorträge beginnen pünktlich 8% Uhr Abends. Den Reigen der Vorträge eröffnete gestern Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin mit einer geistvollen Parallele zwischen dem Uriel Aeosta der Geschichte und dem der Dichtung in Gutzkows bekanntem Drama. Die interessanten und belehrenden, feinsinnigen Ausführungen des ausgezeichneten Redners fanden großen Beifall bei der überaus zahlreich versammelten Zuhörerschaft, für die selbst der große Saal der Aula nicht ausreichte, so daß Hunderte umkehren mußten, ohne den schönen Bortrag gehört zu haben. S. Berlin, 24. Oktober. Die von der Freien israelitischen Vereinigung einberufene Konferenz betreffend innere Kolonisation fand heute Vormittag in den Räumen der Berliner Logen U. O. B. B. statt. Die Betheiligung war eine recht rege. Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Berge! und nach der Eröffnungsansprache des Herrn Tuch wurde das Büreau konstituirt, .das sich wie folgt zusammensetzte: Gustav Tuch, erster Vorsitzender, Rechtsanwalt Heinemann, zweiter Vorsitzender, Direktor Manfred Berliner-Hannover, Schriftführer, Eugen Rosenstiel-Berlin zur Führung der Rednerliste. Auf Vorschlag des Herrn Tuch soll zunächst über den ersten Punkt der Tagesordnung berathen und beschlossen werden, die folgenden drei Punkte kombinirt und der Schluß der Berathung der „Organisation einer Bewegung für innere Kolonisation" gewidmet werden. Der erste Punkt enthält die wissenschaftliche Begründung, die drei folgenden befassen sich mit den Mitteln und Wegen, während der letzte Punkt als Einleitung szur That ^betrachtet werden kann. Es erstattete alsdann Herr Tuch ein sehr ausführliches, anderthalb ständiges Referat zu Punkt 1 der Tagesordnung: „Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Landwirthschaft von statistischen, wirthschaftlichen, sozialen, ethischen Gesichtspunkten betrachtet." Er führte etwa Folgendes aus: Die Juden erscheinen noch nicht in genügender Anzahl in unserer Landwirthschaft. Während unter den russischen Juden bei einer Gesammtzahl von 5 Millionen 95 000 Ackerbauer vorhanden wären, weist bte Statistik bei uns nur eine Betheiligung von 1,6 pCt. auf. In sämmtlichen russischen Kolonien werden die Aecker und Felder sorgfältig bestellt und reichliche Erträge erzielt. Der physische Zustand der Kolonisten erwies sich als ein sehr guter. Der Einwand von der physischen Schwäche des Juden zum Ackerbau, der in Deutschland ebenfalls erhoben wird, wird durch die Statistik widerlegt. Von einer Förderung der Bestrebungen, wie sie in Rußland bisweilen zu Tage getreten ist, weiß allerdings die vaterländische Geschichte kaum etwas zuberichten, während sie genug Momente zur Erwerbsbeschränkung aufzuweisen vermag. Die Existenzbedingungen für die Mehrzahl der Handeltreibenden werden immer schwerer, die jüdische Wohlthätigkeit ist nicht im Stande, dem chronischen Nothstande abzuhelfen. Nur ein kleiner Bruchtheil halte sich auf den Höhen des wirthschaftlichen Lebens, die Lage der Mittelklassen aber ist eine recht traurige. Es muß deshalb an ihrer Errettung aus schwerer Bedrängniß durch Ueberführung in andere Berufe gearbeitet werden. Hier können nur Industrie und Landwirthschaft in Betracht kommen. Die industriestaatliche Entwickelung Deutschlands ist an einem Wendepunkt angelangt, der Industrie sind bereits die Grenzen gesteckt. Also bleibt nur die Landwirthschaft übrig. Deutschland muß wieder dazu kommen und hat auch die Befähigung dazu, die Ernährung seiner Bewohner selbständig beschaffen zu können. Zu intensiverem Betriebe ist jedoch auch eine vermehrte Verwendung von Menschen erforderlich. Die Zukunft wird Dem gehören, der darauf vorbereitet ist. Auch die hygienische Seite kommt für die Ueberführung zur Landwirthschaft in Betracht. Die Arbeit auf dem Lande steht uns als das beste Mittel zu Gebote für die Besserung der physischen Entwickelung,- den gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern thut es Noth, Muskeln, Knochen und Nerven zst stärken, die Widerstandskraft zu stählen. Dies gilt auch ganz besonders für die Frauen. Auch für die Frauen und Töchter nmcd eine Zeit der Mitarbeiterschaft kommen, für die sie sich besonders eignen. Vom sozialen Standpunkt aus betrachtet ist es fraglos, daß es keine stärkeren Antriebe zur Bethätigung des Antisemitismus ■masmam

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